Sechs Tore für England

Klarer Sieg für den britischen Fußballfilm

England feiert - in Looking for Eric
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England feiert - in Looking for Eric

Vorgestern haben sich einige Fußballfans geärgert. Italien hat England aus der Europameisterschaft gekickt und ist Halbfinalgegner der deutschen Mannschaft. Die deutschen Fans hatten sich jedoch eher England gewünscht – nicht nur in diesem Turnier scheint das englische Team uns einfach besser zu liegen. Doch ich kann euch beruhigen: Es ist gut, wie es ist, denn in Sachen Fußball sind uns die Briten weit überlegen. Wir haben uns das Duell England gegen Deutschland aus dem Blickwinkel eines (Fußball-)Filmfans angesehen und müssen neidlos anerkennen: die Niederlage wäre verheerend ausgefallen.

Einerseits sind wir selbst schuld: Mit Deutschland hätte die englische Fußballfilm-Nationalmannschaft einen mehr als schlagbaren Gegner vorgefunden. Das Wunder von Bern ist wirklich nett, wäre aber noch vor Spielbeginn in einem Meer aus Pathos ertrunken. Deutschland. Ein Sommermärchen leidet schwer unter Jürgen Klinsmann. FC Venus – Elf Paare müsst ihr sein wärmt halbgare Klischees über Frauenfußball auf, die spätestens seit der Frauen-Fußball-WM 2011 Schnee von gestern sein sollten. Fußball ist unser Leben punktet zwar mit Rudi Assauer und Ruhrpott-Romantik – mit mehr aber auch nicht. Immerhin: mit 66/67 – Fairplay war gestern und Eine andere Liga haben wir zwei durchaus talentierte Nachwuchsspieler im Kader.

Andererseits besitzen die Briten ein Team, das international keinen Vergleich kennt. Mit ihrer geballte Klasse und Vielseitigkeit dürfte der Titel bei der Fußballfilm-Weltmeisterschaft ein Selbstläufer sein. Das englische Fußballfilm-Nationalteam glänzt mit Charme (Kick It Like Beckham), Sachverstand (The Damned United – Der ewige Gegner), Tragikomik (Looking for Eric), Coolness (The Football Factory), einer ausgeprägten Fankultur (Fever Pitch – Ballfieber) und, wenn es sein muss, auch mit roher Gewalt (Mean Machine – Die Kampfmaschine). Allen Fußballfilmfans – und denen, die es noch werden wollen – stellen wir diese designierte Meistermannschaft etwas genauer vor.

Beginnen wir mit der Verteidigung. Die wird hochkarätig von Mean Machine gebildet. Jason Statham als Torwart und Mönch mit Aggressionsproblemene sowie Vinnie Jones, seines Zeichens ehemaliger walisischer Nationalspieler, Rekordhalter für die schnellste Gelbe Karte aller Zeiten und Lieblingsschauspieler von Guy Ritchie. Das Remake von Die Kampfmaschine erzählt die Geschichte einer Fußballmannschaft aus Gefängnisinsassen, die versucht, in einem Spiel ihre Wärter zu schlagen. Der überdrehte Film nimmt sich alles andere als ernst. Logiklücken? Vielleicht – aber keine Abwehrlücken.

Das defensive Mittelfeld wird von Fever Pitch und Looking for Eric gebildet. In Looking for Eric begleiten wir Eric (Steve Evets), dessen Leben ‘am Arsch’ ist. Erst als sein Idol, der ehemalige Kapitän von Manchester United Eric Cantona, auftaucht, kriegt er seine Probleme langsam in den Griff. Der wunderbare tragikomische Film über Familie, Fehler und Freundschaft kann mit seinem melancholischen Plädoyer zum Durchhalten als Dauerrenner im Mittelfeld bezeichnet werden. Daneben spielt Fever Pitch, die Verfilmung des Romans von Nick Hornby. Im Film ist Colin Firth ein Hardcore-Fan von Arsenal London, der sich zwischen seiner alten Lieben – dem Fußball – und seiner neuen Flamme – der Lehrerin Sarah – entscheiden muss. Mit Ideenreichtum und Spielfreude verstärkt er das Mittelfeld des englischen Fußballfilm-Nationalteams.

Kick It Like Beckham und The Damned United werden im offensiven Mittelfeld aufgestellt. Kick It Like Beckham besetzt, wie der berühmte Namensgeber des Film, die Außenbahn, denn der Film beschäftigt sich mit dem Nischenthema Frauenfußball. Klar, er kommt eher als Teeniefilm und dürfte somit nicht jeden Geschmack treffen. Seinen Auftrag als Aufklärungs- und Feel Good-Movie erfüllen Kick It Like Beckham und Hauptdarstellerin Keira Knightley jedoch. Vermutlich hat dieser Film mehr Mädchen zum Fußball spielen gebracht, als Oliver Kahns Phrasendrescherei auf ZDF. Lenker und Denker im zentralen Mittelfeld ist The Damned United, der die Geschichte des genialen und kontroversen britischen Kulttrainers Brian Clough (gespielt von Michael Sheen) beschreibt. Der Film vereint komische und dramatische Elemente – vor allem Brian Cloughs 44-tägiges Trainer-Intermezzo beim damaligen Serienmeister Leeds United bietet beide Elemente zur Genüge. Und natürlich spielt hier Fußballsachverstand eine wichtige Rolle.

Im Sturm treten die Engländer wie gewohnt nicht mit technisch Brillanz, sondern mit rauer Kraft an. The Football Factory ist eine Art filmgewordener Wayne Rooney. Der Hooliganfilm glänzt mit Authentizität, einer kraftvollen Story und trockenem Humor. Danny Dyer spielt einen leidenschaftlichen Chelseafan, der sich vom Anfeuern des eigenen Teams längst auf das Verprügeln der gegnerischen Fans verlegt hat. Doch als die Ausschreitung immer gewalttätiger werden, beginnt er an seinem Lebenswandel zu zweifeln. The Football Factory ist echt, derb und mitreißend – wie Englands Starstürmer.

Warum haben gerade die Briten so gute Fußballfilme? Vielleicht liegt es an der tiefen Verankerung des Sportes in der britischen Gesellschaft. Manche Milieustudien, gerade der britischen Mittel- bis Unterschicht, wären ohne Fußballbezug geradezu unrealistisch. Auch fällt der unverkrampfte Umgang der britischen Filme mit ihrem Nationalsport auf. In deutschen Filme scheint die Darstellung von Fußball immer verkrampft und konstruiert. Obwohl in keinem Land der Welt Fußball ernster genommen wird (an dieser Stelle sei an den Ausspruch des legendären Trainers Bill Shankley erinnert: ‘Es gibt Leute, die denken, Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist’), schaffen es die Briten, das Thema locker und humorvoll anzugehen.

Wir halten fest: Der Fußballfilm-Weltmeistertitel geht an England, natürlich nur so lange in der KO-Runde kein Elfermeterschießen dazwischen kommt.

Gefallen euch die britischen Fußballfilme? Wenn ja, aus welchen Gründen funktionieren sie so gut?

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