Jurassic World 2: Wie Blue die besten Schurken der Reihe ruiniert hat

Blue in Jurassic World
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the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Robert Muldoon war der Typ Mensch, der jede Situation auf ihre Gefahren durchkalkuliert, egal ob er in ein Dinosaurier-Gehege geht oder zum Bäcker. Bis zu jenem Tag in den Wäldern der Isla Nublar, als er kniend in die Sträucher hineinhörte und sein nahendes Ende zurückhallte. Noch bevor er seine Pumpgun zücken konnte, war klar: Muldoon würde den Park nicht lebend verlassen. Jedes Mal, wenn ich Steven Spielbergs Jurassic Park schaue (also bedenklich oft), lässt mich diese Szene erschaudern, vielleicht noch mehr als der abgebissene Arm, der Laura Derns Ellie Sattler wenig später tätschelt. Abgehärtet durch die Jahrzehnte war dieser Schütze. Nun sammeln sich Schweißperlen auf Muldoons Stirn angesichts des Meister-Jägers, der ihn gleich zerfleischen wird. Kein Erbarmen, kein Mitleid kennen die Velociraptoren in Jurassic Park. Kinder, Alte, Frauen, Männer - alle haben einen Platz in ihrem Rachen verdient. Die Raptoren waren die geborenen Schurken, was sie zu den Shooting-Stars des ersten Films machte. 25 Jahre später setzt uns die Reihe in Jurassic World 2: Das gefallene Königreich mit Blue einen Kuschel-Raptor erster Güte vor. Es ist ein Graus.

Die Velociraptoren aus Jurassic Park sind wunderbar bösartig

Habt ihr schon mal einen Größenvergleich zwischen einem Velociraptor und einem Menschen gesehen? Also einem, wie ihn sich die Paläontologie anhand von Fossilien vorstellt? Bis zu eurer Hüfte würde ein Velociraptor sein Köpfchen recken und damit bedeutend kleiner sein als seine berühmte Kinoversion, die dem Bestseller von Michael Crichton entstammt. Die wissenschaftliche Genauigkeit gehört nicht zu den Stärken der Jurassic Park-Reihe, beim Velociraptor überschlug sich die Autoren-Fantasie. Der wesentlich größere Deinonychus und Velociraptor wurden vermengt, heraus kam der Mensch-hohe Rudeljäger mit dem eingängigen Namen, der selbst paläo-fremden Zuschauern über die Zunge flutscht. Die Raptoren aus Jurassic Park und den Filmen danach sind also eine waschechte Kinoschöpfung, geboren als Schurken in einem majestätischen Ensemble von Urzeitwesen. Geht der Tyronnosaurus rex pragmatisch seinen Instinkten nach, wenn er Ziegen, Anwälte und Chaostheoretiker jagt, verleihen die Inszenierung und das Design der animatronischen Figuren den Raptoren eine Bösartigkeit. Sie lieben die Jagd.

Von der ersten Szene in Jurassic Park werden Raptoren als furchterregendste Kreaturen auf der Insel eingeführt. Erst, als ein Sicherheitsmann dran glauben muss, dann als Fossil. Alan Grant lehrt einem vorlauten Jungen das Fürchten, bewaffnet mit einer Millionen Jahre alten Kralle, unserer Vorstellungskraft und den eiskalten blauen Augen des Sam Neill. Bevor wir das erste Tier sehen, haben wir das Bild im Kopf, wie der Raptor einem Jungen den Bauch aufschlitzt. Unterschätze niemals den Horror eines Spielberg'schen Familien-Blockbusters.

Die Raptoren waren Horrorschurken - bis Blue in Jurassic World auftrat

Dominierte vorher der Gigantismus der Dinosaurier das Kino, machte uns Jurassic Park ein grausigeres Angebot: Stell dir vor, die Urzeitwesen leben, aber sie sind groß wie Menschen und öffnen Türen. Sie sind schnell und wendig, können sich auf der Rückbank deines Autos verstecken, hinter deinem Duschvorhang, in der dunklen Ecke in deinem Kinderzimmer. Spätestens als die Kralle über die Türklinke streifte, hatte Jurassic Park seinen größten Star geboren. In den Folgefilmen suchte das Franchise die Weiterentwicklung an anderer Stelle. Es galt, sich von Film zu Film zu überbieten und zwar beim T. rex. In Vergessene Welt - Jurassic Park mussten es zwei sein, in Jurassic Park III ging ein noch größerer Dino ans Werk, der Spinosaurus. Jurassic World folgte diesem Muster mit dem Indominus rex, ein unseliger Hybride aus Tyrannosaurus und Velociraptor. Wo war das Bösewichtsproblem der Reihe besser zu erkennen, als in der Vorstellung, die Größe sei das A und O?

Bis zum Reboot Jurassic World blieben die Raptoren von der Franchise-Evolution weitgehend verschont. Und dann kam Blue. Das Ziehkind von Owen Grady (Chris Pratt) brach sofort mit einer Tradition der Reihe: dass die Dinosaurier keine Individualität innehaben. Was bei Horrorbösewichten die anonymisierende Maske, war bei den Dinosauriern ihre Wildheit. Ein Name suggeriert schließlich Domestizierung. Selbst Rexy war zunächst Platzhalterin für den T. rex an sich, statt echte "Figur". Mit Blue änderte sich das. Owen prägte sie, trainierte sie und das gipfelt in Jurassic World in einer der peinlichsten Sequenzen der Serie. Da rast Chris Pratt auf dem Motorrad mit einem Raptor-Rudel durch den Dschungel. Ob die Autoren Alan Grants Raptor-Alptraum aus Teil 3 in Sachen Lächerlichkeit toppen wollten?

In Jurassic World 2 verkommt Blue zum verkaufstüchtigen Kuschel-Raptor

Merchandise-Produkte gehören zur DNA der Jurassic Park-Reihe. Blue markierte eine neue Entwicklungsstufe der Vermarktung. Stand man vorher vor der Wahl, ob man einen Raptor kauft, einen T. rex oder doch einen Dilophosaurus, schallt nun ein kindliches "Blue" durch die Spielzeugläden. Einen Namen konnten wir diesem Raptor zuordnen und als Ziehtochter von Chris Pratt auch unsere Sympathien. Ihre bloße Präsenz milderte den mitleidlosen Jagdinstinkt der Raptoren ab, nicht zuletzt weil sie die anderen in den Schatten stellte.

In Jurassic World 2: Das gefallene Königreich mausert sich Blue zum wichtigen Charakter mit Plot-Relevanz. Wegen ihr macht sich Owen Grady auf zur Isla Nublar. Sorgte in Jurassic Park das Klackern der Krallen auf dem Küchenboden für Angst und Schrecken, wird Jurassic World 2 von einem anderen Raptor-Motiv beherrscht: Owen Grady, der vorsichtig, aber vertrauensvoll seine bloße Hand ausstreckt, um Blue zu beruhigen. Hinüber ist die grausame moralische Blindheit der Wildtiere aus Jurassic Park. Der einzige Velociraptor des Films hat es nur auf die Bösen abgesehen. Ein Kuschelraptor ist aus Blue geworden, mit Baby-Videos, in denen sie sich als kaltblütiges Kätzchen an Owen anschmiegt. Sogar einen der berühmtesten T. rex-Momente darf sie nachahmen, dieser Bumblebee unter den Jurassic World-Dinosauriern.

Richtig böse darf in Jurassic World 2 nur noch der Dino-Hybride sein. Der Indoraptor übernimmt die Aufgabe des Horrorbösewichts und ein guter ist er, das sei zugegeben. Vielleicht der Beste seit den Spielberg-Tagen. Mit Blue wendet sich die Reihe indes dem zu, dem Jurassic Park einst einen Riegel vorschob: den süßen, knuddeligen Dinosauriern mit Persönlichkeit aus In einem Land vor unserer Zeit oder Die Dinos. Wilde Tiere waren die Dinos bei Spielberg und Michael Crichton: die Natur, die den Menschen in seine Schranken weist. Die Raptoren waren die unerbittlichsten Lehrer unter ihnen. Nun sind sie Beschützer. Robert Muldoon würde sich im schlammigen Grabe umdrehen.

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