Jahresrückblick - Das Doku-Jahr 2015

Doku-Jahr 2015
© Koch Media/Neue Visionen//Prokino/Weltkino Filmverleih/Netflix/Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH
Doku-Jahr 2015
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Das Ende des Jahres nähert sich: Zeit, die vergangenen Monate Revue passieren zu lassen. Hier wollen wir nun das Doku-Jahr 2015 in den Fokus stellen. Welche Dokumentationen dieses Jahr bei Zuschauern & Kritikern gut ankamen und welche Trends sich abgezeichnet haben, erfahrt ihr hier.

Trends

Die aktuellen Krisenherde auf der Welt werden dieses Jahr auf unterschiedliche Weise filmisch verarbeitet - vor allem jedoch durch die Augen der Betroffenen. In dem Dokumentarfilm Tell Spring Not to Come This Year erhalten wir zum Beispiel Einblick in die Auseinandersetzungen afghanischer Truppen mit den Taliban. Ganz ohne die US-amerikanische Sichtweise werden die Probleme thematisiert, denen sich Afghanistan tagtäglich gegenüber sieht. In Winter on Fire, einer Netflix-Produktion, werden die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine aufgearbeitet, die in den letzten Jahren auch das restliche Europa erschüttert haben: Der Fokus liegt dabei auf den Menschen, die im Winter 2013 und Frühjahr 2014 am Maidan ausharrten und letztlich herbeiführten, dass Präsident Wiktor Janukowytsch ins Exil nach Russland flüchtete. Der Dokumentarfilmer Evgeny Afineevsky war mit einem Kamerateam bei den Demonstrationen und kämpferischen Auseinandersetzungen ganz nah dabei. Beim Toronto International Film Festival 2015 gewann Winter on Fire den Grolsch People's Choice Documentary Award.
Sehr ähnlich gelagert ist der Dokumentarfilm The Look of Silence von Joshua Oppenheimer. Der Film ist die Fortsetzung zu The Act of Killing, für den Oppenheimer 2014 für den Oscar nominiert wurde. In The Look of Silence stehen ebenso die persönlichen, menschlichen Schicksale im Fokus, die noch etliche Jahre nach dem verheerenden Genozid in Indonesien weit entfernt von einem normalen Leben sind.

In Cartel Land wird wiederum der Kampf betroffener Menschen gegen die übermächtigen mexikanischen Kartelle an der Grenze zwischen den USA und Mexiko vermittelt. Der Film wurde auf dem Sundance Film Festival 2015 gezeigt und gewann den Preis für die beste Regie und den großen Preis der Jury in der Sparte der US-amerikanischen Dokumentationen. Sehr konträr zu diesen Filmen ist das neuste Werk von Michael Moore, der statt menschlicher Momentaufnahmen die US-amerikanische Außenpolitik in den Fokus seiner neuen Dokumentation Where to Invade Next stellt. Während Filme wie Winter on Fire oder Cartel Land die vergangenen Geschehnisse vor allem aus Sicht der Betroffenen nachzeichnen, ist Where to Invade Next eher ein Blick auf den Gesamtzusammenhang internationaler Politik.

Doch das Interesse an persönlichen Schicksalen zeichnet sich auch in den vielen biografischen Dokumentarfilmen ab. So wird zum Beispiel in Tig die jüngste Vergangenheit der Komikerin und Schauspielerin Tig Notaro dargestellt, die neben anderen Krankheiten 2012 die Diagnose Brustkrebs bekam. Der Film zeigt ihren Kampf mit der Diagnose und ihre Entscheidung, die Erkrankung künstlerisch zu verarbeiten. Auch in Amy erhalten wir einen ganz intimen Einblick in das Leben einer Künstlerin, nämlich der 2012 verstorbenen Sängerin Amy Winehouse. Es kommen Freunde und Verwandte der Sängerin zu Wort, außerdem nutzte Dokumentarfilmer Asif Kapadia bisher unveröffentlichtes und privates Videomaterial. Ähnlich verhält es sich mit Cobain: Montage of Heck, in dem anhand von persönlichen Aufzeichnungen und Videomaterial ein privates Bild des 1994 verstorbenen Kurt Cobain entworfen wird.

2015 beschäftigt sich der Dokumentarfilm auch mit der eigenen Medialität: Viele Dokus bleiben thematisch in der Filmbranche und lassen uns hinter die Kulissen blicken, so zum Beispiel Elstree 1976. In der Star Wars-Doku lernen wir die Schauspieler hinter den Masken kennen, die neben den großen und bekannten Namen ebenfalls in Krieg der Sterne mitwirkten. In Back in Time lassen die Macher passend zum diesjährigen Jubiläum die Zurück in die Zukunft-Filme wieder aufleben.

Die Dokumentation Chuck Norris und der Kommunismus, die auf dem Sundance Festival 2015 und der Filmkunstmesse in Leipzig gezeigt wurde, zeichnet die Zeit der Filmzensur in Rumänien nach, die eine Untergrundbewegung von Filmliebhabern hervorbrachte. Die Dokumentation Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen von Dominik Graf erzählt vom Leben des verstorbenen Filmkritikers Michael Althen und einer ganzen Generation von Filmkritikern und verknüpft die Branche mit den Menschen.

Die Netflix-Dokumentation Hot Girls Wanted setzt sich ebenso auf persönlicher Ebene mit der Filmindustrie auseinander: Hier erhalten wir Einblicke in die Internet-Porno-Branche, in der junge Frauen auf der Suche nach persönlicher Freiheit und schnellem Geld in ein System geraten, in dem sie sich schnell zu verlieren drohen. Ganz anders und doch ähnlich verhält es sich in der Dokumentation India's Daughter, in der die Beschränkung und akute Gefährdung der sexuellen Freiheit und Selbstbestimmung indischer Mädchen und Frauen problematisiert wird.

Deutsche Dokus 2015

Die deutschen Dokumentarfilme 2015 waren vielfältig. Zu den Highlights gehören zum Beispiel Filme, die einen Blick zurück in die jüngere deutsche Geschichte werfen: Die Widerständigen „also machen wir das weiter...“ gewährt uns Einblick in die Nazi-Widerstandsgruppe Weiße Rose. B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989 beschäftigt sich mit der Musikszene in Westberlin nach der Wende. In der deutsch-französischen Koproduktion Une jeunesse allemande - Eine deutsche Jugend wird ein Bild der RAF aus französischer Perspektive entworfen. Der Film wurde erstmals auf der Berlinale im Frühjahr 2015 gezeigt. Für Aus dem Abseits gewann Simon Brückner beim Dok-Filmfest in München den Preis für die beste deutsche Dokumentation 2015. In dem Film arbeitet der Regisseur das ereignisreiche Leben seines Vaters Peter Brückner auf, der bei der Studentenbewegung der 1970er Jahre sehr aktiv war.


Doch auch sehr aktuelle Ereignisse sind Thema: In Democracy - Im Rausch der Daten begleiten Dokumentarfilmer die Entstehung eines Datenschutzgesetzes. In Valentin Thurns 10 Milliarden - Wie werden wir alle satt? wird das Problem des Welthungers angesichts der wachsenden Überbevölkerung der Erde beleuchtet und so über die Landesgrenzen hinaus auf ein weltweites Problem geblickt.

Auf der nächsten Seite folgen die Kritikerlieblinge sowie die Box Office-Hits des Jahres 2015.

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