Tatort-Kritik

In Tatort - Freigang bleibt das Potenzial ungenutzt

09.06.2014 - 20:15 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Tatort - Freigang
© ARD/SWR
Tatort - Freigang
Ein notdürftig zusammengeschusterter Mord wird in Tatort – Freigang als Anlass genutzt, um Lannert undercover in den Knast zu schicken, wo der King seine Familie mit allen Mitteln beisammen hält, bis eine notdürftig zusammengeschusterte Auflösung den Abspann einläutet.

Nicht Papa ist diesmal der Spitzname des Tatort -Alphatiers, sondern King. Elvis-Fan Falke (Herbert Knaup) kontrolliert die Sicherheit im saubersten Gefängnis Baden-Württembergs. Doch die Harmonie hinter Gittern trügt. Der King beyond the Walls schließt alle in seine Familie ein, auch die Häftlinge, zumindest solange sie nach seiner Pfeife tanzen. Als die Ex-Frau eines Gefangenen ermordet aufgefunden wird, aber der Verdächtige zur Tatzeit eigentlich hinter Schwedischen Gardinen gesessen haben muss, wird Lannert (Richy Müller) in Tatort: Freigang als Justizvollzugsbeamter in das Vorzeigegefängnis eingeschleust. Schnell durchschaut er die Familienbande des Kings, aber konkrete Beweise lassen sich zunächst nicht auftreiben. Währenddessen ermittelt der vor der Scheidung stehende Bootz (Felix Klare) in der Freiheit, wo der lange Arm des Kings ebenfalls gefährlich viel Einfluss besitzt.

Regisseur Martin Eigler und Kameramann Andreas Schäfauer können sich an den dicken Betonmauern, den in sich verschachtelten Zellenblöcken und den darin wiederum labyrinthisch verworrenen Gängen der Justizvollzugsanstalt gar nicht satt sehen. Warum auch, verlockt doch die Gelegenheit, einmal 90 Minuten in diese Parallelwelt einzutauchen mit ihrem König, seinen Vasallen und dem gemeinen Fußvolk. Doch obwohl sich Richy Müllers Lannert ohne Mühe in einen undurchsichtigen Gefängniswärter verwandelt, der mit den Knastis ebenso plaudert wie den Kollegen, mögen sich die Autoren Eigler und Sönke Lars Neuwöhner nicht voll auf das Tauchmanöver einlassen. Die moralische Grauzone, in der sich Lannert als Seiler zu bewegen hat, bleibt proklamiert, aber kaum erkundet, ebenso die konkreten Strukturen, welche das System des Königs begünstigen, namentlich die Unterfinanzierung der Gefängnisse bei gleichzeitigem Drängen auf bürokratisch weiße Westen.

Die drei (?) Tatort-Slash-Fiction-Autoren im Internet wird es hingegen zünftig inspirieren, wie sich Lannert und Bootz zwecks Deckung im Puff treffen. Dabei werden Bootz’ private Probleme aus den vergangenen Folgen im neuen Tatort mehr mitgeschleift, denn wirklich behandelt. Seine Frau nervt, er arbeitet zu viel, die Scheidung findet er so richtig doof und dass er immer mal einen über den Durst trinkt, hätte wohl in jeder anderen Serie fatale Konsequenzen für die Helden, gerade weil die Autoren den Vergleich zur kaputten Ehe von Wärter Scheffler nahelegen. Aber so düster darf es im Stuttgarter Tatort-Wunderknast natürlich nicht zugehen, wo der (andere) King uns trällernd in die Sommerpause geleitet.

Ein Brubaker in Baden-Württemberg war bei Tatort – Freigang nun wirklich nicht zu erwarten gewesen. Beim nächsten Mal sollte trotzdem jemand Knaup und Müller in eine Zelle sperren, die Kamera draufhalten und Psychospielchen spielen lassen. Wie der eine den anderen aushorcht und der andere dem einen geschickt ausweicht, hat allemal mehr filmischen Pfeffer zu bieten als der dauergereizte Bootz oder die 180-Grad-Charakterwendung ex machina, welche uns mit Hilfe von traurig verlebten Augen im Hauptgang serviert wird. King und Papa sind schlicht besser als ihre Filme.

Zitat des Sonntags: “Du denkst zu viel, Seiler, das stört den Ablauf.”

Mord des Sonntags: Ihr Tod stößt die Handlung an, aber mehr ist ihr Ableben den Autoren nicht wert.

Ein interessantes Konzept verkommt zu einem durchschnittlichen Stuttgarter Tatort oder was meint ihr?

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