Tatort-Kritik

Papa dominiert sie alle im neuen Bremer Tatort

18.05.2014 - 20:15 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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Tatort - Alle meine Jungs
© Radio Bremen/ARD
Tatort - Alle meine Jungs
Tatort – Alle meine Jungs macht einen auf Scorsese, schade nur, dass Bremen nicht Little Italy ist. Für die Nordlichter ein solider Fall, bleibt von diesem neuen Krimi nach dem Abspann nur eines in Erinnerung: das Gesicht von Roeland “Papa” Wiesnekker.

Die Nadel im Müllhaufen suchen Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) im neuen Tatort aus Bremen und entdecken dabei einen Staat im Staat, in dem für Kita, Fahrdienst und Altersversorgung ausgezeichnet gesorgt wird. Zumindest, wenn man beruflich Orange trägt. Tatort: Alle meine Jungs arbeitet sich am Mafiafilm über den Umweg der deutschen Müllentsorgung ab, was genauso krude ist, wie es klingt. Eine frische Prise bringt der Krimi ins Bremer Revier, wenn auch die abstrusen Elemente ruhig hätten Überhand nehmen können. Aber nein, wir sind ja hier im hohen Norden und nicht in Wiesbaden oder Wien. Im Bremen von Oberlehrerin Lürsen wird soviel Spaß nicht geduldet.

Orange ist die wärmste Farbe! Unter der Kontrolle von Bewährungshelfer Uwe “Papa” Frank (Roeland Wiesnekker) werden ehemalige Knastis in den Dienst der Bremer Müllabfuhr vermittelt. Alle wohnen in derselben Straße, genießen dieselben finanziellen Vorzüge und wenn die Polizei anklopft, halten sie dicht. Eine große Familie ist das, wie man sie sonst nur in den Fankurven der Oranje elftal findet. An der Spitze steht Pate Papa. Was Tony Soprano das Bada Bing, ist Papa das Dim Sum-Restaurant, wo er Bittsteller empfängt. Selbst als ein Untergebener ermordet aufgefunden wird und ihm Lürsen gegenüber sitzt, kommt Papa nicht aus der Ruhe. Er hat immer noch ein Stück Müll im Ärmel. Doch als ein junger Kerl (Jacob Matschenz) aus seinen Reihen zu plaudern beginnt, greift der Pate zu härteren Mitteln.

“Ist halt ein Unterschied zwischen schießen können und nicht schießen wollen.”

Eigentlich hätte dieser Tatort aus Bremen weder Lürsen noch Stedefreund (oder Bremen) gebraucht. Autor Marcus Kanter versucht, den familiären Zusammenhalt der Müllmänner ungelenk mit Lürsens Beziehung zu ihrer Tochter zu kontrastieren und der Ermittlerin durch den Verlust der eigenen Schusswaffe emotional eins reinzuwürgen. Doch alle Versuche, den Kommissaren ein Eigenleben zu verschaffen, laufen ins Leere, wenn der Papa auf der Bildfläche erscheint. Tatsächlich wünscht man sich im Nachhinein, noch mehr von Wiesnekkers Sozialgangster und der Hierarchie seiner Organisation sehen zu können. Der Papa ist kein Unsympath, ein wenig schmierig sicher, aber im Grunde doch aufs Gute für seine Jungs aus. Macht sei sein Antrieb, heißt es einmal, und es zeugt von Wiesnekkers Stärke als Schauspieler, dass er die vom Drehbuch geschaffenen charakterlichen Lücken insbesondere in der finalen halben Stunde freilich füllt, so doch wenigstens überspielt. Denn deren Auflösung will zu einem vermeintlichen Machtmenschen gar nicht passen.

Aber was bringt der stärkste Nebendarsteller, wenn der Tatort sich selbst immer wieder auf den Boden der Krimi-Tatsachen holt. Mit seinen musikalischen Einsprengseln von Daft Punk bis zu den Stones erweisen Regisseur Florian Baxmeyer (Tatort: Brüder) und Kollegen den großen Genrevorbildern die Ehre, können sich aber vom eigenen seriösen TV-Format nicht lösen. So grandios absurd, dass es schon wieder real sein könnte, ist das Geschäftsmodell der Bremer Müllabfuhr sowie die Verflechtung mit der Müllverbrennung (zu kurz kommend: Bernd Stegemann), dass der Tatort sich mühsam davon zu lösen hat, weil ja noch dieser völlig uninteressante Mordfall gelöst werden muss. Als nächstes dann bitte ein deutsches The Wire im Müll-Business mit Wiesnekker als Bunny Colvin.

Zitat des Sonntags: “Glaubst du, wir spielen jetzt Goodfellas?”

Mord des Sonntags: Es gab einen Mord? Wen interessiert’s.

Ein guter Schauspieler macht noch keinen guten Tatort oder was meint ihr?

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