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Mein Herz für Klassiker

Ich, Jakob der Lügner und Bróďa

07.12.2012 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Jakob der Lügner
© Progress Filmverleih
Jakob der Lügner
Die Macht der Fantasie als Ausdruck individueller Würde: Frank Beyers tragisch-komisches Drama gibt den Opfern des Nazionalsozialismus ein Gesicht. Der überragende Vlastimil Brodský trägt maßgeblich zum internationalen Erfolg des DEFA-Films bei.

Ein Ghetto irgendwo im besetzten Polen des Jahres 1944. Wegen angeblicher Überschreitung der Ausgangssperre wird der inhaftierte Jude Jakob Heym, gespielt von der tschechoslowakischen Schauspiellegende Vlastimil Brodský, zum Revier der Gestapo geschickt. Statt der üblichen Schikane hört er dort zufällig im Radio, die Rote Armee wäre auf dem Vormarsch. Voller Hoffnung auf eine menschenwürdige Zukunft erzählt er den anderen Lagerbewohnern von der bald bevorstehenden Erlösung. Die verzweifelten Menschen schöpfen neuen Lebensmut, es gibt keine Selbstmorde mehr und Jakob wird in die Rolle eines mehrwissenden Heilsbringers gedrängt. Damit die Hoffnung nicht wieder erlischt, geht Jakob auf die Bedürfnisse seiner Mitgefangenen ein und denkt sich immer neue Lügen über die vermeintlich näher rückenden russischen Befreier aus. Jakob erfindet ein verstecktes Radio als Nachrichtenquelle, damit ihm die anderen glauben, aber dessen Besitz ist im Ghetto strengstens verboten.

Jakob, der Lügner wurde als einzige DEFA-Produktion überhaupt für den Oscar als Bester fremdsprachiger Film nominiert und war der erste Film aus der DDR, der als regulärer Beitrag auf der Berlinale lief. Vlastimil Brodský wurde 1975 als bester Hauptdarsteller mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. 1998 entstand in Hollywood das überflüssige Remake Jakob der Lügner mit Robin Williams als Jakob.

Der Autor Jurek Becker, selbst Überlebender des Ghettos von Łódź, verfasste bereits im Jahr 1966 sein Drehbuch zu Jakob der Lügner. Die geplante Produktion fiel jedoch den damaligen politischen Entscheidungen des Einheitsstaates zum Opfer. Nach dem Mauerbau fühlten sich einige Filmemacher in der DDR für einen kurzen Moment sicher, sich mit der Situation des real existierenden Sozialismus kritisch auseinandersetzen zu können. Ein folgenschwerer Irrtum, da auf dem sogenannten Kahlschlagplenum der SED fast die gesamte Produktion des Jahres 1965 verboten wurde. Davon betroffen war auch das heute als Klassiker geltende Arbeiterportrait Spur der Steine von Frank Beyer über einen aufsässigen Brigadeleiter. Der Regisseur wurde an das Dresdner Theater strafversetzt und aus der Verfilmung von Jurek Beckers Drehbuch wurde erstmal nichts.

Mehr: 1965 – DEFA-Filme verschwinden im Tresor

Der Schriftsteller schrieb seinen Stoff in einen Roman um, der ein so großer Erfolg wurde, dass er nicht nur Jurek Beckers Ruf als brillanter Autor begründete, sondern auch Frank Beyers Rückkehr hinter die Kamera ermöglichte. Bevor 1973 endlich die Dreharbeiten in Polen beginnen konnten, musste noch ein neuer Hauptdarsteller gefunden werden, denn der eigentlich vorgesehene Heinz Rühmann wurde von den Verantwortlichen der DDR-Führung abgelehnt. Angeblich soll Erich Honecker persönlich verfügt haben, dass es keinen DEFA-Film mit einem Klassenfeind aus der BRD in der Hauptrolle geben darf.

Warum ich Jakob der Lügner mein Herz schenke
Während der Feier des 60. Geburtstags eines entfernteren, aber nicht minder geschätzten tschechischen Verwandten hatte ich 1996 die unerwartete Ehre, den betagten Bróďa, so der Spitzname des Schauspielers Vlastimil Brodský, persönlich kennenzulernen. Er war einer der Gäste und brachte seinen steten Begleiter, einen ebenfalls nicht mehr ganz jungen Dackel namens Hugo mit, der sich zielstrebig auf den freien Platz am Tisch neben meine Mutter setzte. Der König in zahlreichen tschechoslowakischen Märchenfilmen wirkte keinesfalls wie ein Star, sondern eher wie ein verschmitzter Opa, der einem gleich eine leicht verschrobene Geschichte erzählen wird. Das tat er nicht, schenkte uns aber später seine Autobiografie, in der er den Film Jakob der Lügner als einen Höhepunkt seines Schauspielerlebens bezeichnet.

In selbiger Biografie findet sich auch eine Anekdote über seinen Besuch in Los Angeles anlässlich der Oscarverleihung 1976. Zusammen mit Frank Beyer spazierte er viel zu lange durch die kalifornische Stadt als es ihren mitgeschickten Staatsbewachern lieb war, die fürchteten, die beiden würden nicht mehr hinter den eisernen Vorhang zurückkehren wollen. Auf den brillianten Staatsschauspieler Erwin Geschonneck, der Jakobs Freund Kowalski ebenfalls äußerst überzeugend verkörperte, musste hingegen weniger eifrig aufgepasst werden.

Als ich den Film später zum ersten Mal sah, war mein Blick natürlich primär auf den Hauptdarsteller gerichtet. Aber das war beileibe nicht das einzige, was mich nachhaltig beeindruckt hat. Die Rückblenden in ein glückliches früheres Leben geben den Ghettobewohnern eine Biografie und lassen die eingeschlossene Stadt ganz ohne eine pompöse Inszenierung der Nazibesetzer traurig und grausam erscheinen. Gleichzeitig wagt der Film aber auch einige komische Momente, was lange vor Filmen wie Das Leben ist schön seinerzeit einem Tabubruch gleichkam. Die Flucht in surreale Märchenwelten als letzten Ausweg im bitteren Finale des Films fiel mir damals natürlich nicht als Referenz zum DEFA-Märchenfilm auf, beendete ein prägendes Filmerlebnis aber nicht weniger eindrucksvoll.

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