Die neue Serie des True Blood-Schöpfers

Here and Now - Familientristesse im surrealen Endstadium

Here and Now
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Moviepilot Team
Jenny von T Jennifer Ullrich
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Junior Redakteurin bei Moviepilot. Mag Arthouse-Filme, HBO-Serien, Stanley Kubrick und Cersei Lannister.

Update, 28.03.2018: Unseren Serien-Check zu Here and Now haben wir bereits anlässlich der US-Premiere auf HBO geschrieben. Nun startet die neue Serie von True Blood-Schöpfer Alan Ball hierzulande im linearen Pay-TV auf Sky Atlantic.

Alan Ball mag vielleicht nicht der umtriebigste aller Hollywood-Autoren sein, doch die Chance, dass ihr schon einmal eine Film- oder Fernsehproduktion gesehen habt, an der er beteiligt war, ist relativ hoch. Von ihm nämlich stammt das Skript zum oscarprämierten Vorstadt-Drama American Beauty, außerdem machte er sich als Schöpfer der modernen HBO-Serienklassiker Six Feet Under - Gestorben wird immer und True Blood einen Namen. Nun ist hierzulande auf Sky die erste Staffel seines neuesten TV-Projekts Here and Now angelaufen, mit dem der 60-Jährige seine liebsten Themen und Motive dem Test der Zeit unterzieht. Das ist zwar sehr offensichtlich, aber zumindest für die Dauer einer erfrischend kompromisslosen ersten Feelbad-Episode gewiss nicht ohne Reiz.

Wenn Alan Ball bestehende Verhältnisse umgestaltet und durch das Private hindurch etwas Größeres belichtet, bleibt kein Stein auf dem anderen. So musste in Six Feet Under eine Bestatterfamilie den Verlust ihres Patriarchen verarbeiten, wogegen in True Blood Vampire das Gefüge auf den Kopf stellten. American Beauty erzählte 1999 einfühlsam von der Midlife-Crisis des selbstmitleidigen Büroangestellten Lester Burnham (Kevin Spacey), der letzte Lebenskraft aus verbotenen erotischen Fantasien an eine Teenagerin schöpft. Immerhin die aber bleiben ihm noch und damit gibt er neben Greg Boatwright (Tim Robbins), seinem zeitgenössischen Pendant aus Here and Now, eine vergleichsweise gefestigte Figur ab. Letztgenannter nämlich träumt von rein gar nichts mehr und besucht stattdessen regelmäßig eine Prostituierte, um auf der Heimfahrt dann in Tränen auszubrechen, von denen wiederum nur der Zuschauer Zeuge wird. Wer mit Lester Burnham also dachte, das Mannsein sei schon zur Ära Clinton schwierig gewesen, muss sich nun, im Zeitalter Donald Trump, auf ein (noch) böse(re)s Erwachen einstellen.

Das stille Leiden der Privilegierten

Doch was läuft eigentlich verkehrt? Zwar feiert - wenn man das so nennen kann - Greg in der Auftaktepisode seinen 60. Geburtstag und ist damit zweifellos nicht mehr der Allerjüngste. Doch lernen wir ihn auch als angesehenen Philosophieprofessor mit einem vorzeigbaren Lebenswerk und sogar Fans kennen (an einer Stelle signiert er eines seiner Bücher). Drei Kinder adoptierten er und seine Frau Audrey (Holly Hunter), womit die beiden auf dem Papier gewiss mehr zu einer besseren Welt beigetragen haben als die meisten von uns. Genau darin liegt allerdings auch das große Problem. Nach vielen Jahren des Bemühens nämlich sieht Greg seine ambitionierte idealistische Mission als gescheitert an, was ironischerweise einer von wenigen Punkten sein dürfte, auf die sich die Familie in Here and Now einigen kann.

Die adoptierten, mit Beginn der Handlung schon erwachsenen Kinder stammen aus dem Vietnam, Kolumbien und Liberia, betrachten sich aber immer noch als Aushängeschilder für die Fortschrittlichkeit ihrer Eltern. Glaubt man jedenfalls Duc (Raymond Lee) und Ashley (Jerrika Hinton), habe es allein Ramon (Daniel Zovatto) ein bisschen einfacher gehabt, weil er genauso weiß sei wie die gemeinsamen Ersatzeltern. Dass der schwule Spieledesigner aber ebenso von der eigenen Familie gehemmt wird wie seine Geschwister, zeigt der Blick auf Mutter Audrey, die sich sofort einschaltet, als ihr jüngster Sohn einen potentiellen Partner zu Hause vorstellt. Nicht etwa, weil sie intolerant wäre, sondern, im Gegenteil, weil sie einfach etwas zu neugierig ist. Überhaupt schwankt ihr Erziehungsansatz zuverlässig zwischen antiautoritär und beängstigend kontrollsüchtig. Ein willkommener Widerspruch, den Here and Now fürs Erste nicht auflöst.

Ob Here and Now die Qualitäten von Six Feet Under erreichen beziehungsweise als Charakterdrama bestehen kann, ist dagegen äußerst fraglich, womöglich aber soll sie das zugunsten einer gesunden Portion Abgedrehtheit auch gar nicht. Abseits einer mysteriösen Zahlenkombination, die Ramon regelrecht verfolgt, werden in Eleven Eleven die wichtigsten Informationen vordergründig durch Dialoge vermittelt, doch gegen zu viel Plakativität spielen die Darsteller zumindest vereinzelt erfolgreich an. Eine Entdeckung ist Sosie Bacon, die den Bildschirm als Nesthäkchen der Familie mit natürlichem Charisma füllt. Sie verkörpert das einzige leibliche Kind von Greg und Audrey, fühlt sich aber - wer hätte es gedacht? - ebenso fehl am Platz wie alle um sie herum.

Fehlende Subtilität zeigt sich vor allem anhand einer Szene, in der Greg das teure Duschgel seiner Frau böswillig beim Duschen entleert: Dass die reinliche Fassade tiefe Risse hat, liegt nach wenigen Minuten auf der Hand. Wenn nicht sogar schon nach einigen Sekunden, denn die Serie beginnt buchstäblich mit einem Albtraum, nicht weit entfernt von einer Fiebervision à la David Lynch. Sein Mystery-Einschlag steht Here and Now gut zu Gesicht, die Frage ist nur, ob die Autoren ihn dauerhaft mit allzu offensichtlichen familiären Dissonanzen in Einklang bringen können oder wollen. Ein Messias käme der USA unter Donald Trump zweifellos gelegen, vielleicht ist Ramon am Ende aber doch nur verrückt. Seien wir ehrlich: Das scheint weitaus naheliegender.

Parallel zur Premiere bei HBO wurde die erste Episode Here and Now hierzulande in der Originalfassung auf Sky ausgestrahlt und ist jetzt auf Sky Ticket abrufbar. In deutscher Sprache startet die Serie am 28.03.2018 auf Sky Atlantic HD.

Werdet ihr einen Blick in Here and Now werfen?

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Junior Redakteurin bei Moviepilot. Mag Arthouse-Filme, HBO-Serien, Stanley Kubrick und Cersei Lannister.
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