Einzigartige Berlinale-Erfahrung haut mit dem größten Twist des Festivals um

The United States of America
James Benning
The United States of America
19.02.2022 - 11:10 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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In seinem neusten Werk führt Avantgarde-Filmemacher James Benning einmal quer durch die USA. Das Ergebnis gehört zu den besten Filmen, die es dieses Jahr auf der Berlinale zu sehen gibt.

Mit The United States of America ist dieses Jahr im Forum der Berlinale ein Film vertreten, der uns durch jeden einzelnen Bundesstaat der Vereinigten Staaten von Amerika führt. Es ist jedoch kein ausufernder Spielfilm in Überlänge, sondern eine überschaubare Anzahl an sorgfältigen Beobachtungen: Genau 50 Einstellungen präsentiert Regisseur James Benning in seinem jüngsten Werk – ein Bild pro Bundesstaat.

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Benning ist nicht zum ersten Mal in der Weit der USA unterwegs. 1975 bewegte er sich in einem ebenfalls als The United States of America betitelten Film schon einmal durch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und zeigte uns die unterschiedlichsten Landstriche durch die Windschutzscheibe. Knapp ein halbes Jahrhundert später hat er sich die USA erneut angeschaut. Doch was hat er dieses Mal gesehen?

James Benning führt uns auf der Berlinale einmal quer durch die USA, doch es gibt einen Haken

Bennings Filme arbeiten oft mit abstrakten Ideen und beschäftigen sich eingehend mit der Bedeutung von Bildern sowie der Frage, was diese abbilden. In The United States of America erforscht er steinige Wüsten, mächtige Gebirge und heruntergekommene Tankstellen. Manchmal fühlt man sich wie in einem alten Western, doch dann katapultieren uns Windmühlen und Satellitenschüsseln in die Gegenwart.

Es ist ein spannendes Bild der USA, das Benning zeichnet. Einerseits existiert in seinen jeweils zweiminütigen Aufnahmen viel Natur, Ruhe und Schönheit. Andererseits wirken die statischen Bilder unheimlich trostlos, was nicht zuletzt daran liegt, dass in den sorgfältig komponierten Ausschnitten fast keine Menschenseele zu entdecken ist. Am lebendigsten scheint ein nahezu endloser Güterzug, der an uns vorbeirauscht.

The United States of America

Dieses Amerika wird von Telefonmasten und Stromleitungen durchzogen. Die ewige Weite zeugt von unglaublicher Einsamkeit. Mitunter wirkt es, als würden wir durch ein vertrocknetes Land wandern, in dem nur noch der Industriekomplex ein Lebenszeichen von sich gibt. Auf den ersten Blick wirken die Bilder unscheinbar, doch jedes einzelne erzählt eine Geschichte, vom Frontier-Mythos bis hin zum modernen Kapitalismus.

Achtung, es folgen massive Spoiler!

Die Sache ist: Keines dieser Bilder ist echt. Obwohl uns Benning mit Zwischentafeln präzise Bundesstaat und Aufnahmeort nennt, hat er sich für den Dreh von The United States of America nie über die Grenzen von Kalifornien hinaus begeben. Wir bekommen also weder Alabama, Wyoming noch einen Bundesstaat dazwischen zu Gesicht. Bennings Kamera zeigt uns lediglich Auszüge aus kalifornischen Landschaften.

Trotzdem nehmen wir ihm über eineinhalb Stunden lang jedes Bild ab. Warum das funktioniert? Ganz einfach: Der behauptete Inhalt bestätigt unsere Vorstellungen und Vorurteile, die sich in unseren Köpfen festgesetzt haben. The United States of America ist ein einziges Spiel mit Erwartungen, ganz zu schweigen davon, dass die Mischung aus Authentizität und Verzerrung einen gewissen Humor mit sich bringt.

Mit dem größten Twist der Berlinale 2022 stellt Benning die dokumentarische Form auf die Probe und fordert uns heraus, das Gesehene zu hinterfragen. Das Faszinierende ist: So viel Täuschung in The United States of America steckt, so viel Wahrheit lässt sich in den trügerischen Bildern finden. Eingeschränkt durch die Corona-Pandemie hat Benning auf der Suche nach Amerika ein provokantes Stück Kino geschaffen, das Grenzen überschreitet und am Ende trotzdem vor einem verschlossenen Tor stehen bleibt.

Falls ihr diese Reise selbst machen wollt, findet ihr hier meine Berlinale-Notizen.

Wir beginnen in ...

  • Heron Bay, Alabama: Ein abgerissenes Haus ragt aus dem Bild heraus. Erde und Schlamm bilden das Fundament. Im Hintergrund eine leise Musik.
  • Copper River, Alaska: Auf die Trümmer folgt das Licht der Dämmerung und ein Weg, der in ein mächtiges Gebirge führt. Es ist mein Lieblingsbild des Films.
  • Ajo, Arizona: Wir tauchen ein in ein ausgetrocknetes Flussbett. Links und rechts fällt die steinige, karge Landschaft auf. Ein freudloser Canyon.
  • Tucker, Arkansas: Es wird streng. Eine Straße führt an einem großer Gitterzaun mit Stacheldraht und Wachtturm entlang. Ins Auge fällt zudem ein Stromkasten.
  • Wilmington, California: Wir blicken ins Sonnenlicht und erkennen unter einer Brücke ein Obdachlosencamp. Eines der zerreißendsten Bilder des Films.
  • Grand Junction, Colorado: Das Beklemmende wird von einer weiten Landschaft abgelöst, die aus einem Western stammen könnte. Bäume und Dürre.
  • New Milford, Connecticut: Die amerikanische Flagge flattert vor blauem Himmel im Wind, doch wir sehen sie aus der spiegelverkehrten Perspektive.
  • Wilmington, Delaware: Ein großes Haus mit spitzen Ausformungen sitzt seelenruhig am Rand einer Straße, während aus einem Radio reden zu vernehmen sind.
  • Washington, D.C.: Die Statue eines Mannes dominiert das Bild. Erschöpft sitzt er vor seinem Pflug und mustert seine Hände. Für immer versteinert in seiner Arbeit.
  • Key Biscayne, Florida: Eine große Yacht umringt von vielen Booten. Der Hafen geht direkt in Hotelanlagen über. Ein ausgestorbenes Urlaubsparadies.
  • Okefenokee, Georgia: Grünes Gras und ein friedliches Gewässer. Wir sehen Bäume und den Himmel, während diverse Tiere Laute von sich geben.
  • Kilauea, Hawaii: Trotz des trockenen Bodens zeigt und Benning ein kleines Stück einer Plantage. In der Sonne stehen dicke Palmen.
  • Shoshone, Idaho: Vor uns zieht sich ein steiniges Terrain aus, das in einer flachen Anhöhe mündet, über die – winzig klein – ein Mensch spaziert.
  • Minier, Illinois: Gras, Grad und noch mehr Gras. Das Land ist flach und weit. Durch den dichten Nebel klingen die vertrauten Töne von This Land Is Your Land.
  • Gary, Indiana: Gigantische Silos im Hintergrund, ein Laster, der wendet, im Vordergrund. Dazu kommen monotone Industriegeräusche.
  • Rice Lake, Iowa: Eine trübe Aufnahme von einem See, über dem ein paar Vögel fliegen. Es könnte auch das einsame Moor aus einem düsteren Märchen sein.
  • Wallace, Kansas: Vor unseren Augen breitet sich eine Wüste aus, nicht nur aus Steinen, sondern auch aus Windmühlen. Ein unendliches Rauschen.
  • Willard, Kentucky: Ein paar Pferde laufen durchs Bild und an einem Zaun entlang. Im Hintergrund gackern ein paar Hühner. Hier ist nicht viel los.
  • Lake Charles, Louisiana: Vor einer Industrieanlage parken zwei Wagen, ein alter und ein neuer. Rauch steigt auf und ein Hund bellt in die Leere.
  • Albione, Maine: Riesige Sonnenblumen nehmen das Bild fast komplett für sich ein. Lediglich das Geräusch eines sich nähernden Helikopters trügt das Idyll.
  • Baltimore, Maryland: Benning zeigt uns einen Hafen mit großen Kränen und noch größeren Lagerhallen. Ein kleines Schiff tuckert auf dem Wasser.
  • Tonset, Massachusetts: Langsam rollen Wellen an den Strand. Die Bewegung wiederholt sich, alles im Umbruch. Nur der Himmel bleibt beständig stehen.
  • Muskegon, Michigan: Noch mehr Wasser und Weite. Allerdings kein Bild der Hoffnung. Eher ein trüber Anblick und ein einsames Boot.
  • Hibbing, Minnesota: In die Tiefen eines Steinbruchs bohrt sich die Kamera. Gewaltige Maschinen, die aus der Distanz trotzdem klein und ohnmächtig wirken.
  • Fayette, Mississippi: Strommasten, Telefonleitungen und eine Baumwollplantage, die auf der Tonspur von Bestandsaufnahmen des Rassismus begleitet wird.
  • St. Elizabeth, Missouri: Gemütlich fließt ein Fluss um die Ecke. Ein Angler mit gelber Jacke wirft mehrmals seine Rute aus. Ein Hund. Und die Vögel im Hintergrund.
  • Stemple Pass, Montana: Erstmals wird es richtig kalt. Unmengen an Schnee fallen auf die Bäume. Es ist diesig aber auch sehr friedlich.
  • Omaha, Nebraska: Am Horizont die Berge. Ansonsten Steppe und trockenes Gras so weit das Auge reicht. Gleichermaßen einengend wie befreiend.
  • Warm Springs, Nevada: Kleine Kakteen ragen aus der Erde. Der Boden ist steinig und Trocken. Wolkenspiel am Himmel und – ja – auch hier wieder Berge.
  • Carroll, New Hampshire: Der Wüstencharakter verschwindet. Dafür breitet sich ein gespenstischer Neben zwischen dürren Bäumen aus.
  • Laurence Harbor, New Jersey: Wieder ein Hafen. Dieses Mal ziehen riesige Containerschiffe an uns vorbei. Das Wetter ist trüb. Sehr trübt.
  • VLA, New Mexico: Auf staubigem Boden stehen vertrocknete Büsche und Satellitenschüsseln. Aus weiter Ferne tönen Kampfjets.
  • New York, New York: Inmitten einer Häuserschlucht blicken wir in eine verlassene Straße. Keine Menschen, keine Autos. Die Rückseite der Stadt.
  • Ashford, North Carolina: Umgeben von Stromleitungen steht eine Kirche im Nebel. Zuerst ist still, dann läuten andächtig die Glocken.
  • Grassy Butte, North Dakota: Telefonleitung ziehen sich durch die Prärie. Das gütliche Muhen der Kühe und das aufweckende Krähen eines Hahns.
  • Cleveland, Ohio: Wolken, als wären sie aus einem Bilderbuch. Sie sind kuschelig und weiß, nur minimale Schatten. Und Lovin' You von Minnie Riperton. "La-la-la-la-la."
  • Duncan, Oklahoma: Ölpumpen gehen in die Tiefe. Streng ist das Bild aber vor allem aufgrund der ganzen Leitungen und Rohre, die es durchbohren.
  • Durkee, Oregon: Ein Güterzug mit zweistöckiger Last auf seinen Anhängern fährt und fährt und fährt an uns vorbei. Er scheint, gar kein Ende zu nehmen.
  • East Berwick, Pennsylvania: Die hoch in den Himmel ragenden Schornsteine eines Atomkraftwerks im Kontrast zu flachen Solaranlagen. Beide hinter einem Zaun.
  • Arecibo, Puerto Rico: Aus der Distanz klingende Musik bringt Leben in eine sonst trostlosen Straßenzug, dessen Häuser zum Verkauf stehen.
  • Jamestown, Rhode Island: Eine Brücke, im Hintergrund ein Windpark. Außerdem: Wasser und ein Steg. Menschen sind nur ganz klein zu erkennen.
  • Kershaw, South Carolina: Der Blick auf ein Feld. Bäume mit weißen Blüten stehen in mehreren Reihen geordnet friedlich in der Gegend herum.
  • Little Eagle, South Dakota: Die Wolken liegen tief in der Landschaft und ziehen an uns vorbei. Es ist trocken, doch die Bäume und Berge scheint es nicht zu stören.
  • Paris, Tennessee: Wolken ziehen im Licht der untergehenden Sonne auf, während schon der Mond am Himmel steht. Ein unglaubliches Farbenspiel.
  • Valentine, Texas: Eine heruntergekommenes Tankstelle, pragmatisch mit Brettern zugenagelt. Fraglos eines der tristesten Bilder des Films.
  • Hanksville, Utah: Wir starren Schichten des ewigen Steins entgegen. Der Lauf der Zeit vor unseren Augen und trotzdem scheint Bewegung unmöglich.
  • Milton, Vermont: Eine hügelige Landschaft im Schnee. Tannen stehen hier dicht an dicht, ein bisschen Sonne und viel Schatten.
  • Norfolk, Virginia: Der vierte und letzte Hafen. Dieses Mal sitzt ein Kriegsschiff im Wasser mit Flaggen und Leinen. Drei Kanonen ragen direkt ins Bild.
  • Okanogan, Washington: Ein steiler Abhang, aus dem Bäume ragen. Die Erde ist nass und Nebel hängt in den Bergen. Donnergrollen. Ein ganz starkes Bild.
  • Meadow Bridge, West Virginia: Durch eine matschige Stockcar-Strecke rasen vor großen Werbetafeln mehrer Wägen. Hauptsächlich rutschen sie im Schlamm.
  • Milwaukee, Wisconsin: Ein Parkplatz schmiegt sich an ein Fabrikgebäude und wartet auf die Lastwagen. Der vertrauten Töne von Imagine erklingen.
  • Kelly, Wyoming: Das letzte Bild zeigt einen Maschendrahtzaun und ein verschlossenes Tor. Die Straße hat Risse. "Privat Property." Hier ist Schluss.

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Habt ihr euch schon mal in die filmischen Welten von James Benning gewagt?

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