Eine kurze Geschichte der Streaming-Revolution

Die Gilmore Girls
© Netflix
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

Spider-Man schwingt sich durch die Skyline von New York und fängt die Schurken in einem riesigen Netz zwischen den Türmen des World Trade Centers. Im Sommer vor 16 Jahren saß ich gefesselt vor dem Bildschirm unseres heimischen Computers, um in einem winzigen Fenster den ersten Teaser für Sam Raimis Spider-Man zu bewundern. Heute kann ich in wenigen Klicks den ganzen Film online abrufen. Doch über die Möglichkeiten einer Onlinevideothek hinaus hat das Internet das Sehverhalten von Film- und Serienfans nachhaltig gewandelt. Das reicht tief in unseren Alltag hinein und betrifft die Inhalte, die wir schauen, die Zeit, die wir darin investieren und die Art und Weise, wie wir zwischendrin und hinterher darüber reden. Das Bingen von Serien ist massentauglich geworden, was manche Serien in ihrer Erzählweise wiederum antizipieren. In den kommenden Wochen widmen wir uns bei moviepilot deswegen dem Thema Streaming in seinen verschiedensten Formen und Auswirkungen. Wir betrachten, wie ihr Streaming-Dienste nutzt, was ihr am liebsten schaut und wo. Dabei interessiert uns besonders, ob im Übergang von physischen Medien zum Video on Demand das Angebot an Vielfalt einbüßt - oder womöglich gewinnt. All das und noch viel mehr erwartet euch in den kommenden Tagen, aber werfen wir zunächst einen Blick zurück.

Damals 2001, als der Teaser für Spider-Man rauskam, stand der Distribution von Filmen übers Internet nicht zuletzt die verfügbare Bandbreite entgegen. In den Jahren davor konkurrierten verschiedene Anbieter wie Microsoft und Progressive Networks (später RealNetworks) um die Entwicklung der Streaming-Technik. 1995 wurde mit dem Live-Stream eines Baseball-Spiels im Audioformat ein Meilenstein genommen, Konzerte folgten und mit steigenden Bandbreiten in der Internet-Verbindung gesellte sich auch Video zum Live- und On-Demand-Abruf. Mit Hilfe von Set-Top-Boxen, die an den Fernseher angeschlossen wurden, oder Online-Portalen breitete sich das Angebot an Video-on-Demand-Diensten aus. Auf Grund der Kosten konnte es der wachsenden Popularität von Peer-to-Peer-Filesharing-Netzwerken, die zur illegalen Verbreitung von Filmen gebraucht wurden, aber kaum etwas entgegen halten.

Einen entscheidenden Schritt in der Vereinfachung der Nutzung von Streaming-Angeboten für den Ottonormalverbraucher bildete die Verbreitung des Flash Players und darauf aufbauend die Gründung von YouTube 2005. Im selben Jahr stellte Apple mit iTunes 6.0 eine Version seines Programmes vor, mit der wir ausgewählte Musikvideos und Serienepisoden im iTunes-Store kaufen und herunterladen konnten, darunter Lost und Desperate Housewives. In Deutschland stiegen die Wachstumsraten der Branche ebenfalls in diesem Zeitraum signifikant. Maxdome beispielsweise wurde 2006 gegründet. Ursprünglich für die Übertragung von Sportereignissen konzipiert, mauserte es sich zum Video-on-Demand-Portal und Konkurrenz zu entsprechenden Angeboten beispielsweise der Telekom. Zum Todesstoß (es sollte ein langes, gequältes Sterben werden) für den DVD-Markt entwickelte sich jedoch die Einführung von Abonnement-Diensten mit Hilfe von Streaming-Angeboten.

1997 wurde Netflix gegründet und zwar als Online-Alternative zu lokalen Videotheken, die dem Anwender ausgeliehene DVDs per Post zuschickt. Anno 2006 machte sich jedoch die wachsende Popularität von digitalen Downloads via Apple oder Amazon im Versandgeschäft bemerkbar. Insofern war es nur konsequent, dass Netflix sein Abo-Geschäftsmodell auf Streaming ausweitete. Vor zehn Jahren, im Januar 2007, startete der rote Gigant seinen Dienst Watch Now mit rund 1000 Titeln (via Quartz). Für knapp 6 Dollar konnten Nutzer nicht mehr nur DVDs ausleihen, sondern pro Monat sechs Stunden Content streamen, im 18-Dollar-Plan waren hingegen 18 Stunden inklusive. Der erste echte Streaming-Anbieter für Filme und Serien war geboren, da Interessierte diese nun nicht mehr komplett runterladen mussten, um sie anzusehen. An die Qualität von DVDs kam das noch nicht heran, doch für Studios war ein Netflix-Deal besonders attraktiv, weil das Streaming-Konzept die Angst vor Filmpiraterie minderte. Netflix-CEO Reed Hastings damals (via Arstechnica) :

Während die Annahme des Online-Streamings von Filmen durch die Masse der Konsumenten noch einige Jahre dauern wird wegen der inhaltlichen und technologischen Hindernisse, ist es jetzt die richtige Zeit für Netflix, um den ersten Schritt zu gehen. In den kommenden Jahren werden wir unsere Auswahl an Filmen erweitern und daran arbeiten, jeden mit dem Internet verbundenen Bildschirm, vom Handy bis zu PC und Plasma-Bildschirm, zu integrieren.

Als Netflix im September 2014 auch in Deutschland startete, hatten sich Hastings Versprechungen für den Konzern erfüllt. Während Videotheken-Konkurrenten wie Blockbuster vom Markt verschwanden, überlebte Netflix dank der Verlagerung des Geschäftsmodells vom physischen Verleihdienst auf das Streaming. Dabei profitierte der Dienst von der allgemeinen Popularität des Fernsehens und dem Serien-Boom. Das Bingen, bei dem wir nicht alle vier Folgen aufstehen und die DVD wechseln mussten, wurde erst durch den Stream im Abo salonfähig. Als andere Dienste mit ähnlichen Modellen nachzogen, ging Netflix einen weiteren entscheidenden Schritt für die Entwicklung des Fernsehens.

Profitierte der Streaming-Dienst zuvor von einem Katalog, der von Disney bis zum kleinsten Indie-Film eine große Auswahl anbot, positionierte sich Netflix zunehmend als Content-Produzent. Mit Lilyhammer wurde 2012 erstmals "exklusiver" Content eingekauft und das Serien-Remake House of Cards bildete 2013 die erste echte Eigenproduktion von Netflix. Damit begab sich Netflix in Konkurrenz zu Premium-Kabelsendern wie HBO, die an der Entwicklung des Goldenen Serienzeitalters entscheidenden Anteil hatten und wenig später eigene Abo-Dienste gründen sollten. Die Wurzeln des sogenannten Peak TV waren gegeben, einer Phase, in der so gut wie jeder Sender und jede Plattform es sich zum Ziel macht, originären Content zu produzieren anstatt nur Lizenzen zu erwerben. Auf Netflix folgten online Anbieter wie Amazon, Hulu, Yahoo, Crackle und viele mehr. In Deutschland äußerte sich dieser Trend etwa in Form von jerks. mit Christian Ulmen und Fahri Yardim, der ersten Eigenproduktion von Maxdome.

So hat sich das Streaming über die Jahre im Alltag vieler Film- und Serienfans verankert, ob nun über Netflix, Amazon, Maxdome, Sky Ticket oder einem anderen Anbieter. Vielfach schauen wir Filme und Serien anders als noch vor 10 oder 15 Jahren - ob nun per Beamer, Laptop oder Smartphone. Das Kino als Institution selbst wird derweil in Frage gestellt, wenn Anbieter wie Netflix eine Auswertung von Spielfilmen auf der Leinwand ganz umgehen. Tom Hollands Smartphone-vernarrter Peter Parker aus Spider-Man: Homecoming gehört schon zu einer Generation, für die lineares Fernsehen sekundär oder irrelevant geworden ist. Inhalte, ob Filme oder Serien, sind jederzeit und überall verfügbar, wo es Internet gibt. So lautet zumindest das Versprechen. Doch wie verändern Video-on-Demand- und speziell Streaming-Angebote uns Zuschauer? Und die Serien und Filme selbst? In den kommenden Wochen wollen wir es herausfinden.

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