Diese Horrorfilme sind radikaler als eure Mainstream-Lieblinge

Hereditary - Das Vermächtnis
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"I read about this guy, gets on the MTA here, dies. Six hours he's riding the subway before anybody notices his corpse doing laps around L.A., people on and off sitting next to him. Nobody notices."

Wie facettenreich und aufregend das Horror-Genre auch in diesem Jahrzehnt noch sein kann, beweist die amerikanische Filmproduktionsschmiede A24 in wunderbar unangepasster Regelmäßigkeit ebenso wie Produzent Jason Blum mit seiner Produktionsfirma Blumhouse. Dabei erreichen deren Werke ein großes Publikum mit völlig unterschiedlicher Erfolgsquote und Wirkungsweise. Ein Film wie Get Out von Blumhouse hat sich beispielsweise zum gigantischen Erfolg entwickelt, nachdem das Werk von Jordan Peele bei einem Budget von 4,5 Millionen Dollar bis heute weltweit über 255 Millionen Dollar eingespielt hat (via Box Office Mojo). Auf Erfolgskurs befindet sich außerdem Hereditary - Das Vermächtnis von Ari Aster, dessen Horrorfilm bei einem Budget von 10 Millionen Dollar bislang über 70 Millionen Dollar weltweit wieder einspielen konnte (via Box Office Mojo).

Finanziell überaus zufriedenstellenden Entwicklungen wie diesen stehen nichtsdestotrotz regelmäßig Berichte gegenüber, nach denen ein Film wie Hereditary - Das Vermächtnis in der Gunst des Publikums gnadenlos durchfällt. Eine CinemaScore-Umfrage bescherte dem Film kurz nach Kinostart in den USA lediglich ein D+, was in deutschen Schulnoten einer 4+ entspricht. Dass ein erfolgreicher Film wie Hereditary - Das Vermächtnis, der nach ersten Festival-Vorführungen im Voraus als größtes Horror-Ereignis des Jahres gefeiert wurde, ein breites Publikum bei direkter Nachfrage derart vor den Kopf stößt oder verärgert, untermauert lediglich den Umstand, dass jüngere Arthouse-Filme wie von Ari Aster das Horror-Genre bezüglich seiner Definition an neue Grenzen treiben.

Neuere Arthouse-Horrorfilme sind vielschichtiger und anderen Genres zugeneigt

Was Filme wie Hereditary - Das Vermächtnis, The Witch, Get Out, Der Babadook und It Comes at Night verbindet, ist die Gemeinsamkeit, dass sie nur auf den ersten Blick gewöhnliche Horrorfilme sind. Stattdessen nutzen sie diese massentaugliche Genre-Zuordnung, die durch extrem erfolgreiche Mainstream-Horror-Franchises wie die Insidious-Reihe vorgeprägt ist, um sich hintergründig anderen Genres anzunähern oder wesentlich vielschichtigere Themen zu behandeln. Hierdurch lässt sich auch die große Kluft zwischen zahlreichen Kinogängern erklären, die vertrauensvoll der Horror-Kategorisierung folgen, sowie bitter enttäuschten Meinungen eines Publikums, das sich kurzweilige Schockmomente und erwartbare Jump Scares erhofft hatte und somit stark enttäuscht wurde.

Für Get Out bediente sich Jordan Peele beispielsweise den Stilmitteln des Horrorfilms, um vielmehr davon zu erzählen, wie es sich als Afroamerikaner anfühlt, in den USA der Gegenwart zu leben. Seine beklemmende Satire führte im Kern den systematischen Rassismus vor, der auf unterschiedliche Weise nach wie vor ein ganzes Land durchzieht. Als ebenso vielschichtig erweisen sich die Horrorfilme aus der Produktionsschmiede A24 wie The Witch, It Comes at Night und Hereditary - Das Vermächtnis.

Horrorfilme von A24 sind im Kern intime Dramen über Familien in Krisensituationen

Wenn es ein übergeordnetes Thema gibt, das sich in den jüngeren Filmen aus der Produktion von A24 erkennen lässt, dann ist das der Bund der Familie, der in Krisensituationen auf eine schwere Probe gestellt wird. The Witch, It Comes at Night und Hereditary - Das Vermächtnis sind hierbei ausgezeichnete Beispiele. In The Witch führt Regisseur Robert Eggers den Zuschauer in das Neuengland des 17. Jahrhunderts, wo eine streng puritanische Familie nach und nach zerbricht. Grund dafür ist die Präsenz einer angeblichen Hexe, die in den Wäldern ihr Unheil treiben soll. In unbehaglichen Einstellungen, die in ihrem streng komponierten Drang nach Perfektion durchaus an Stanley Kubrick erinnern, erzählt Eggers in dieser alptraumhaft verzerrten Variante eines Märchens der Gebrüder Grimm von religiösem Glauben, der an wahnhaften Fanatismus grenzt und die zentrale Familie zwangsläufig brutal zerreißt.

Ganz ähnlich verhält es sich mit It Comes at Night und Hereditary - Das Vermächtnis. Die Reaktionen auf den 2. Film von Trey Edward Shults wurden insbesondere durch die bewusst irreführenden Trailer beeinflusst, die im Vorfeld einen Film versprachen, der postapokalyptischen Horror bieten würde. Das postapokalyptische Setting nutzt Shults in It Comes at Night jedoch lediglich als äußeren Rahmen, um im Inneren von komplexen Familienverhältnissen zu erzählen, in denen fehlgeleitete Kommunikation und die Angst davor, die innigsten Menschen zu verlieren, in paranoiden Horror kippen und zur tragischen Eskalation führen. Dasselbe trifft auf Hereditary - Das Vermächtnis zu. Für seinen Film kombiniert Ari Aster ein dunkles Familiendrama mit übernatürlichen Anleihen und furchteinflößender Horror-Mythologie, um das Leiden an sich aus der Sicht Betroffener zu schildern. Unter Zuschauern wurde das Werk erneut äußerst kontrovers diskutiert und spaltete auch uns in der Redaktion in Pro und Kontra.

Die jüngste Welle an Arthouse-Horrorfilmen deutet eine Genre-Renaissance an

Horrorfilme dieser Art sind dabei keineswegs noch nie dagewesen. Stattdessen erinnern sie an eine Form von Horror, die zuvor immer rarer und von wesentlich simpleren Genre-Vertretern aus den Kinos verdrängt wurde. Nichtsdestotrotz sollte diese Form der Renaissance gerade von Horror-Fans mit offenen Armen empfangen werden. Werke wie Hereditary - Das Vermächtnis, The Witch, Get Out, Der Babadook und It Comes at Night erinnern ihr Publikum daran, dass das Genre seine immense Sogwirkung immer dann am effektivsten entfaltet, wenn kurzweilige Schockmomente oder explizite Brutalität einer anderen Art von Angst weichen.

Diese entsteht durch die Kraft der eindringlichen Bilder, einer intensiven Atmosphäre, die durchgängig für Unbehagen sorgt und vor allem durch intime Geschichten in einem persönlicheren Rahmen, die Menschen betreffen, deren Schicksale uns treffen oder bewegen. Dass die aktuellen Arthouse-Horrorfilme das Genre so auch an neue Grenzen treiben und all diejenigen frustrieren, die im Kino stets nach eindeutigen Kategorisierungen und festen Zuschreibungen verlangen, ist eine gleichermaßen radikale wie begrüßenswerte Entwicklung. Momentan ist es ein gutes Gefühl, Horror-Fan zu sein.

Wie steht ihr zur jüngeren Welle an Arthouse-Horrorfilmen?

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