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Die meistunterschätzten Comicverfilmungen

30.04.2014 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Hulk von Ang Lee
© Universal
Hulk von Ang Lee
Das Blockbuster-Kino zehrt von seinen Superhelden. Sie sind die erfolgsverwöhnten Lieblingskinder einer Industrie aus Comicverfilmungen, für deren Bastarde es nur wenig Liebe gibt. Obwohl einige von ihnen ganz fürchterlich unterschätzt sind.

Der Blick auf die erfolgreichsten Filme des Gegenwartskinos könnte zu der Annahme verleiten, das US-amerikanische Blockbuster-Geschäft bestehe eigentlich nur noch aus (Superhelden-)Comicadaptionen. Wirtschaftlich erklärt sich das natürlich von selbst: Comicfilme – zumindest aus jenem Vorlagenfundus der großen Hausbetriebe, dem die hiesige Filmindustrie einzig ihr Vertrauen zu schenken scheint – sind dem Wesen nach Franchise-tauglich (also nach Belieben optimier- und erneuerbar). Und an nichts anderem außer Franchising hat Hollywood in seiner Filmproduktion ja noch ernsthaftes Interesse, wenn es um kostenintensive Unterhaltung, große Spektakel, die eigene Rentabilität geht. Das war nicht immer so. Oder nicht immer war das so deutlich. In der Fülle der Marvel- und DC-Adaptionen, im Gros sich gegenseitig verzahnender Cinematic Universes zumindest, sind Wagnisse, Irrsinn und Unfälle selten geworden.

Die Bastarde der Comic-Kinogeschichte
Die Konsequenz der gegenwärtig so eifrig produzierten, sich immer wieder selbst rebootenden oder auch innerhalb eines eigenen Verweissystems gegenseitig bedingenden Comicverfilmungen ist, und da spreche ich bestimmt nicht nur für mich selbst, ein kaum noch gesundes Sättigungsempfinden. Ein Comic-Kino-Overkill, nicht mehr weit entfernt von vollkommen generischen, am Fließband produzierten Filmen. Vielleicht lohnt sich gerade jetzt, da Comic-Helden- und Antihelden wie nie zuvor die Leinwände der Welt beherrschen, ein flüchtiger Blick zurück. Auf die Bastarde der Comic-Kinogeschichte, an der eigenen Franchise-Ökonomie gescheiterte Abfallprodukte, Film gewordene Hollywood-Produktionsfehler. Auf ein Comic-Kino eben, dessen erfolgsversprechende Konversionen nicht genug – oder ja auch viel zu sehr – nach Maß gefertigt und auf Effizienz bedacht waren. Und deshalb radikal aussortiert oder korrigiert werden mussten. Dieser Text soll einige Beispiele interessant gescheiterter, grandios geglückter oder auch schlicht höchst eigenwilliger Comicadaptionen vereinen, die ich manch Klassenbestem jederzeit vorziehen würde.

Welt am Abgrund
Superhelden also. Oder: wenn Hollywood sich in der Wahl der Sujets und Genres seiner Comicadaptionen schon ohnehin nicht sonderlich probierfreudig zeigt. Gleichwohl ich mich nie recht für ihn zu begeistern wusste (der Fluch der Spätgeborenen?), gilt Superman von Richard Donner ja als Mutter aller modernen Superheldencomicverfilmungen, und das wohl sicherlich auch aus guten Gründen. Dennoch gibt es lediglich einen Superman-Film, zu dem es mich immer wieder hinzieht, der sich mir in einer Mischung aus bizarrer Faszination und wohlmeinendem Schutzbedürfnis doch als der entschieden liebste Versuch offenbart, diesen ersten und größten aller Comic-Helden filmisch verewigen zu wollen. Ich würde nie behaupten, Superman IV – Die Welt am Abgrund (Community-Schnitt: 4.7, immerhin deutlich höher als das IMDb-Rating) sei eine adäquate Adaption der Superman-Figur oder gar der beste Film über sie. Aber es ist unter den zahlreichen Bemühungen, sie in Film und Fernsehen darzustellen, doch diejenige, in der sich ihre Macken und letztlich auch Widersprüche am besten veranschaulichen lassen.

Der stählerne Held auf Friedensmission
Kein Superman-Film, auch nicht der jüngste, hat die unbegreiflichen Kräfte dieser Figur bisher zu fassen bekommen. Und keinem ist es gelungen (oder keiner hat es überhaupt erst versucht), den ganzen Übermenschwahnsinn dieser Comicschöpfung in Frage zu stellen oder der nötigen Lächerlichkeit preiszugeben (nur die TV-Serie von 1993 fand diesbezüglich einen ansatzweise spielerischen Zugang). In Superman IV werden die Kräfte hingegen gleich auf ein angemessenes Nonsensniveau gedrückt (der Wiederaufbau der Chinesischen Mauer via Telekinese!). Und der stählerne Held befindet sich hier nicht nur auf der Suche nach Frieden (Originaltitel: The Quest for Peace), sondern stellt das eigene Superheldensubjekt auch radikal in Frage. Zwischen Abrüstungsfantasie und Gottkomplex hält er in diesem so wunderbar naiven Film schließlich Reden vor der UN (die hier im englischen Milton Keynes ihren Hauptsitz hat!), schleudert alle Atomraketen der Erde in die Sonne und rettet in der Schlussphase des Kalten Krieges sogar russische Generäle und Staatsmänner. Die irre Krux: Superman befördert Nuclear Man in einen Kernreaktor, der mithilfe des bezwungenen Bösewichts fortan noch effizienteren Atomstrom produzieren kann! Ein verdient unernster Film zu einer denkbar unernsten Figur.

Supermans lesbische Cousine?
Zum filmischen Universum des nunmehr angemessen ramponierten DC-Helden gehört indes noch ein anderes, gleichfalls ausgestoßenes Familienmitglied: Supermans Cousine Supergirl (Community-Schnitt: 3.1). Ihr Misserfolg bei Publikum und Kritik bescherte der Filmgeschichte ja überhaupt erst den Superman-Rechte-Verkauf an die Cannon Group (und damit eben den vierten, verkannten Teil der Kinoserie). Nun ist Supergirl wahrlich kein Meisterwerk – höchstens ein kaputtes, eines, das einfach nicht sein darf – und gilt wohl zu Recht als Camp-Debakel, wie es sich Hollywood nur alle Jubeljahre zu gönnen wagt. Doch Helen Slater ist grandios (!) in der Titelrolle, und die ganze homosexuelle Aufmachung des Films buchstäblich vom anderen Stern (vgl. auch Tank Girl, ebenso zu Unrecht gefloppt). Clark Kents Cousine teilt sich hier ein kuscheliges Studentenzimmer mit der Schwester von Lois Lane, Faye Dunaway ist als in einer Geisterbahn (!) lebende Hexe zu sehen, die sich eine Haushaltssklavin namens Bianca hält. Und das männliche Objekt der (eigentlich nicht existenten) Begierde wird entweder per Zaubertrank gefügig gemacht – oder gleich in Ketten gelegt. Sagenhaft.

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