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Der große Diktator - Zeitloses Porträt eines Unmenschen

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Charlie Chaplin in Der große Diktator
31.01.2017 - 08:25 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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Hier erkläre ich euch, warum Der große Diktator von Charlie Chaplin den Drahtseilakt der Satire meistert und eine Botschaft hat, die auch heute noch relevant ist.

Seit ich mein erstes Herz für Klassiker geschrieben hatte, war mir klar, dass ich irgendwann auch meiner Verehrung für Charlie Chaplin in diesem Format eine Bühne geben muss. Lange Zeit wusste ich nicht, welches seiner vielen Meisterwerke ich hier behandeln sollte, denn um die Position meines liebsten Chaplin-Films stritten sich bis vor kurzem drei Kandidaten: Goldrausch ist für mich der komödiantische Höhepunkt seines Schaffens, in Lichter der Großstadt erzählt die Slapstick-Legende seine schönste Liebesgeschichte und Moderne Zeiten bewundere ich wegen dem mit viel Witz und satirischen Biss thematisierten Übergang zwischen Stumm- und Tonfilmära.

Dass es jetzt doch Der große Diktator geworden ist, liegt wohl an den aktuellen Umständen, die mich dazu motivierten, den Film vergangenes Wochenende ein weiteres Mal anzusehen. Im Satireklassiker von 1940 zeigt Charlie Chaplin, was passiert, wenn empathielose Egomanen über das Schicksal von Millionen Menschen entscheiden dürfen und, korrumpiert durch ihr eigenes krankes Weltbild, andersfarbigen, andersgläubigen oder in irgendeiner Form andersartigen Menschen Leid zufügen. Früher hielt ich ihn aufgrund seiner für Chaplins Verhältnisse unüblichen zwei Stunden Laufzeit für etwas langatmig, doch dieses Gefühl blieb diesmal aus. Was die politische Satire bei meiner zweiten Sichtung schaffte, gelang zuvor noch keinem Film in vergleichbarer Intensität: Er brachte mich mehrfach laut zum Lachen und erzeugte in mir dennoch eine Mischung aus brodelnder Wut und tiefer Trauer.

Lachen, das im Hals stecken bleibt

Fangen wir mit dem Erfreulichen an: Der große Diktator ist eine echt witzige Komödie. Immer wieder schimmern die alten Tugenden Charlie Chaplins hervor, die ihn so bekannt und so beliebt machten. In den stummen Glanzzeiten des Komikers funktionierte eben viel über Slapstick und über die unverwechselbare Körpersprache des kultigen Tramps und davon gibt es auch hier genug zu sehen. Zusätzlich zeigt der Filmemacher hin und wieder, dass er auch überraschend gut mit dem Medium Ton umzugehen weiß, wenn er sich beispielsweise in seiner Rolle als jüdischer Friseur von der Melodie von Brahms' Ungarischem Tanz Nr. 5 mitreißen lässt, während er einen Kunden rasiert. Das ist die unbeschwerte Seite des Films und eine Hälfte von Charlie Chaplins Doppelrolle. Denn während er als tollpatschiger Friseur quasi ein Abziehbild seiner klassischen Tramp-Figur abgibt, stellt sein zweiter Charakter den krassen Gegensatz dar.

Charlie Chaplin in Der große Diktator

Chaplin ließ es sich nicht nehmen, den großen Diktator persönlich zu verkörpern. Das "groß" sollten wir hier allerdings nicht zu wörtlich nehmen. Adenoid Hynkel ist Herrscher des Staates Tomania und möchte nichts lieber, als die ganze Welt in seinen Händen halten. Außerdem hegt er einen enormen Hass auf alle Juden und lässt diese von seinen Sturmtruppen im ganzen Land terrorisieren und zur Arbeit in Konzentrationslagern verdammen. Durch die mehr als offensichtlichen Parallelen zu Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus ist es meiner Meinung nach unmöglich, diese Komödie ohne ihren politischen Kontext zu betrachten. Genau das macht es auch so schwer, darüber zu lachen. Dennoch tue ich es, auch wenn ein gigantischer Kloß im Hals sich mit aller Kraft dagegen stemmt.

Der große Diktator als kleine Witzfigur

Der Unterschied zu den meisten anderen Hitler-Parodien ist, dass Der große Diktator noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs erschien. Im Jahr 1940 war das ganze Ausmaß vom Völkermord der Nazis noch gar nicht bekannt. Für viele US-Amerikaner von damals war Hitler noch kein größenwahnsinniger Verbrecher, sondern ein willkommener Unterstützer im Kampf gegen den Kommunismus. Auch Charlie Chaplin hatte keine Ahnung, wie menschenverachtend die Bedingungen in den Konzentrationslagern wirklich waren, weshalb deren Darstellung im Film fast schon provozierend verharmlosend wirkt. Später gab die Hollywood-Legende zu, dass er es nicht besser wusste. Er hatte Hitler unterschätzt und hätte den Film in dieser Form nie gedreht, wenn er die vollen Dimensionen des Nazi-Terrors gekannt hätte.

Charlie Chaplin & Jack Oakie in Der große Diktator

Doch auch wenn der Humor des Films aus heutiger Sicht einen teils sehr bitteren Beigeschmack hat, möchte ich es Charlie Chaplin nicht verübeln. Wie sollte einer der größten Komödianten des 20. Jahrhunderts seine satirischen Pfeile nicht auf die gigantische Zielscheibe Adolf Hitler abfeuern? Ein kleiner, brünetter Rassist, der sich selbst als großer Führer feierte, während er blonde, großgewachsene Menschen als Herrenrasse propagierte. Der Witz war ja schon da, Chaplin musste ihn nur nehmen und auf Zelluloid bannen. Ein Film bietet die Chance, Diktatoren ihrer Macht zu berauben. Ohne die Möglichkeit, mit Hass und Willkür über andere Menschen zu richten, werden aus gefürchteten Faschisten größenwahnsinnige Witzfiguren. Am deutlichsten wird das in Der große Diktator, als Hynkel auf sein italienisches Gegenstück Napoloni (Jack Oakie) trifft und die Situation in einer Essensschlacht endet, da beide nicht wissen, wie sie mit Menschen umgehen sollen, die nicht unter ihrer unmittelbaren Befehlsgewalt stehen.

Ein Appell an die Menschlichkeit

Es fiel mir zunächst schwer, den moralischen Charakter von Der große Diktator zu beurteilen, wandert er doch stets auf dem schmalen Grat zwischen Verharmlosung der Ereignisse und genialer Satire. Doch schließlich sind es die letzten Minuten des Films, mit denen er sich vor dem Stolpern rettet und einen Riesensatz in Richtung moralisch wertvoll macht. Durch eine Verwechslung gerät der jüdische Friseur auf die Bühne des tomanischen Diktators. Die Rede, die darauf folgt, ist ein unvergessliches Stück Kinogeschichte. Hier seht ihr sie in der deutschen Synchronfassung:

Viele von euch werden diese Ansprache schon kennen und manche werden sie verdammt kitschig finden. Für mich ist sie ein herzergreifendes Plädoyer an die Menschlichkeit, eine beeindruckende Rede eines Mannes, der nur selten den Mund aufmachte und heute so aktuell wie damals. Vielleicht könnt ihr euch denken, was mich dazu motivierte, den Film erst kürzlich wieder anzusehen. Der Grund dafür hat zwei Daumen, befindet sich auf der anderen Seite des Atlantiks und zeigt, dass Charlie Chaplins Worte leider auch heute noch relevant sind. Tja, wenn ich in der Welt nur einen einzigen Buchstaben ändern könnte, ich wüsste welchen: Tramp for President, das hätte doch was.

Was haltet ihr von Der große Diktator?

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