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Aufreger der Woche

Cinecittà - Der Tod eines italienischen Symbols

04.08.2012 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Auch die Serie Rom wurde in der Cinecittà gedreht
© HBO/moviepilot
Auch die Serie Rom wurde in der Cinecittà gedreht
Manchmal bekommt es fast niemand mit, dass sich etwas zusammenbraut. Da ist es besser, schon vorher darauf aufmerksam zu machen, bevor das Kind längst im Brunnen ertrunken ist.

In London kämpfen Sportler aus aller Welt um Medaillen. In der Nähe von Rom wird ebenso gekämpft. Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen sportlichen Wettkampf, es geht auch nicht um Ruhm und Ehre, sondern um ein bedeutendes Kulturgut, das womöglich bald nicht mehr existieren wird.

Die geplante Zerstörung einer Wiege der Filmkultur ist der Aufreger der Woche.

Ein Symbol des Kinos
Was haben die Filme La dolce vita – Das süße Leben, Ben Hur, Für eine Handvoll Dollar und Gangs of New York gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel, genauer gesagt sogar gar nichts. Unterschiedliche Genre, Regisseure, Entstehungszeitpunkt. Aber eine Sache verbindet diese Meisterwerke: Sie entstanden alle in der weltberühmten Cinecittà. Die bei Rom gelegene Filmstadt diente den Größten als Ort, an dem sie ihre Visionen wahr werden lassen konnten. Federico Fellini hat hier viele seiner Filme gedreht. Roberto Rossellini hat ebenso in der Cinecittà gearbeitet wie Martin Scorsese, Sergio Leone, Mel Gibson und viele mehr. Ganze Genre wie der Italowestern haben ihren Ursprung in dem legendären Komplex. Für Fans bewegter Bilder ist dieser Ort ein Mythos, eine Pilgerstätte, ein filmhistorischer Traum. Leider scheint einigen Menschen die Bedeutung der Cinecittà ziemlich egal zu sein, denn dort geht alles vor die Hunde. Und wenn es ganz blöd läuft, existiert dieses Symbol der italienischen Kino-Nation bald gar nicht mehr.

Kultur bringt kein Geld ein
Wo früher noch Tausende Menschen arbeiteten, gehen heute nur noch knapp 200 Bedienstete ihrem Tagewerk nach – eigentlich, denn sie befinden sich derzeit im Streik. Sie wollen nicht akzeptieren, dass der Komplex einem Shopping-Center, Hotels, Parkhäusern und Wohngegenden weichen soll. Es ist, wie sollte es anders sein, ein lukratives Geschäft, die Cinecittà zu opfern, um Baugrund zu generieren. Dass damit ein Stück Geschichte unwiederbringlich dem Erdboden gleichgemacht wird, scheint die Investoren gar nicht zu interessieren. Die Angestellten wie Marco Santis dafür um so mehr: “Wir bleiben hier, als Zeichen unseres Protests gegen die Schließung Cinecittas. Wir bleiben hier, weil wir den Plan, alles zu zerstören, ungerecht finden. Deshalb werden wir so lange weiterprotestieren, bis die Verantwortlichen verstehen, dass dieser Ort für nichts anderes genutzt werden darf als für das Kino. Das müssen die Manager begreifen.” Es ist ein Skandal, dass Kulturgut aus Gewinngründen zerstört wird. Niemand kommt doch auf die Idee, das Brandenburger Tor abzureißen, um einen schicken Wolkenkratzer zu bauen oder den weltbekannten Hollywood-Schriftzug zu entfernen, um dort Parkplätze zu schaffen.

Es brennt nahe Rom
Wie wenig sich um die Filmstadt gekümmert wurde, ist schon beschämend. Sie jetzt womöglich durch seelenlose Konsumtempel und Touristenabsteigen zu ersetzen, ist nur noch traurig. Vor wenigen Wochen brannte es auch noch in der Cinecittà und die Streikenden mussten vor den Flammen flüchten. Ob es sich dabei um ein absichtlich gelegtes Feuer handelte, um die unbequemen Protestierenden zu vertreiben, lässt sich nicht beantworten. Dass es den gierigen Bossen aber zugetraut wird, spricht schon Bände.

Irgendwann können wir in einer Mall nach dem Platz suchen, an dem Richard Burton und Elizabeth Taylor sich in Cleopatra angeschmachtet haben. Und vielleicht stehen wir dann in einem Modegeschäft zwischen T-Shirts und Shorts. Diese Vorstellung hat nichts Magisches, sie ist erschreckend. Es wäre allemal sinnvoller, sich Nanni Moretti anzuschließen, der vorgeschlagen hat, die Cinecittà zum nationalen Museum zu erklären. Durch öffentliche Gelder wäre die Zukunft des Komplexes gesichert. Aber das würde ja bedeuten, dass das Portemonnaie für Kultur geöffnet werden müsste – und das scheint eher unwahrscheinlich.

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