Witzig & erhaben

Cannes-Beitrag Leviathan nimmt Putin ins Visier

24.05.2014 - 08:50 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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Leviathan
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Leviathan
Mit The Return drehte Andrei Zvyagintsev einen der am meisten gefeierten russischen Filme des neuen Jahrtausends. Wie die Kritiker in Cannes auf seinen neuen Film Leviathan reagieren, erfahrt ihr in unserem Pressespiegel.

Das Familiendrama The Return – Die Rückkehr bescherte Andrey Zvyagintsev vor elf Jahren den Goldenen Löwen der Filmfestspiele in Venedig. Seitdem ist der russische Regisseur auch ein gern gesehener Gast beim Festival Cannes. The Banishment lief im Wettbewerb und ergatterte einen Darstellerpreis, wohingegen Elena den Spezialpreis der Jury der Sektion Un Certain Regard gewann. Nun kehrt Zvyagintsev mit dem politisch aufgeladenen Leviathan zurück an die Croisette und wir haben einen Überblick der ersten Kritiken für euch. Nicht von ungefähr sei der Film nämlich von den Theorien Thomas Hobbes inspiriert, der ergründet hatte, wie viel Freiheit der Einzelne zum Wohle der Gemeinschaft aufgeben muss.

Worum geht es in Leviathan?
Kolya (Aleksey Serebryakov) lebt in einem Dorf in der Nähe vom Barentssee in Nord-Russland. Er betreibt eine kleine Autowerkstatt, die gleich neben seinem Haus gelegen ist, wo er mit seiner jungen Frau Lilya (Elena Lyadova) und seinem Sohn Roma aus erster Ehe lebt. Ihr ruhiger Alltag erfährt ein plötzliches Ende, als der korrupte Bürgermeister des Dorfes (Roman Madyanov) sich die Werkstatt, das Haus und das Land der Familie unter den Nagel reißen will. Zunächst bietet er Kolya Geld, aber der lehnt entschieden ab. Kolya will nicht alles verlieren, was er besitzt. Nicht nur das Land, sondern auch die ganze landschaftliche Schönheit, die ihn seit dem Tag seiner Geburt umgibt. Als der Bürgermeister in seinem Vorgehen immer skrupelloser wird, bittet Kolya seinen besten Freund Dmitri (Vladimir Vdovichenkov), der mittlerweile Anwalt in Moskau ist, darum, ihm zu helfen. Er ahnt nicht, dass dieser Schritt sein Leben für immer verändern wird.

Mehr: Wettbewerb für Cannes Filmfestival 2014 steht fest

“Gleichzeitig ein moderner Essay über das Leid, ein Thriller mit offenem Ende und eine schwarze Sozialkomödie”, hat Leslie Felperin für den Hollywood Reporter gesehen. “[Leviathan] ist vor allem aber eine kaum verborgene Parabel durchsogen von bitterer Ironie, die sich das korrupte, zersetzende Regime des Wladimir Putin zum Ziel nimmt.”

Peter Debruge attestiert dem Film in der Variety: “Das ist der zugänglichste und lebensnahste Film des Regisseurs. […] Am Ende wird die Fans von Zvyagintsev nichts so sehr überraschen wie die Entdeckung, wie lustig dieser Film ist. […] Man stelle sich einen amerikanischen Film vor, in dem Cops in ihrer Freizeit Porträts früherer Präsidenten als Zielscheibe für Schießübungen nutzen oder eine Szene, in der ein offensichtlich sündiger, sich Absolution erkaufender Bürgermeister seinen Sohn warnt: ‘Gott sieht alles’.”

“Ein neues russisches Meisterwerk” will Peter Bradshaw für den Guardian gesehen haben. Gleichermaßen vom Alten Testament wie Elia Kazan (Endstation Sehnsucht) sei der Film beeinflusst. “Leviathan wird mit ungezügeltem Ehrgeiz gespielt und inszeniert, bewegt sich mit einer absichtlichen Langsamkeit und zieht in Momenten großen Dramas oder Spannung das Tempo an. [Der Film] hat keine Furcht vor massiven symbolischen Momenten und opernhaften Gesten. […] So viele Filme geben sich mit kleinen Fischen zufrieden – kleineren Motiven und überschaubaren Themen. Leviathan jagt größeres Wild. Es ist ein Film von echter Erhabenheit.”

“Trotz all der Schönheit, seines Humors und seiner Wut hat [Leviathan] nicht dieselbe überwältigende Wirkung wie The Return oder Elena. Was fehlt, ist ein Fokus”, heißt es dagegen bei Donald Clarke in der IrishTimes. Und Michael Phillips schreibt für die Chicago Tribune: “Der politische Inhalt ist ziemlich ungeschickt, wobei in einer Szene, ein unerwartet witziges Highlight, Kolya und seine Kollegegen sich auf eine vodkaschwangere Jagd machen, zu deren Zielen die Porträts sowjetischer und russischer Führer bis zu, aber ohne, Putin gehören. […] Aber wir haben Putin schon in einer wichtigen Szene gesehen, in der sein Konterfei bedrohlich auf den Tisch des Bürgermeisters herablächelt.”

Mehr internationale Kritiken zu Leviathan gibt es auf fandor.

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