Brendan Fraser rührt mit krasser Verwandlung Publikum zu Tränen – The Whale ist trotzdem eine Enttäuschung

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05.09.2022 - 12:25 UhrVor 5 Monaten aktualisiert
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Meisterregisseur Darren Aronofsky zeigt in The Whale die letzten Tage eines 270-Kilo-Mannes. Doch die einzige Meisterleistung kommt hier von Brendan Fraser und dem Rest des Casts.

Die Filmfestspiele in Venedig haben offiziell einen Sieger der Herzen: Brendan Fraser. Nach der Premiere seines Films klatschte das Publikum so lange, bis der Schauspieler selbst Tränen in den Augen hatte. Und auch in den Pressevorführungen wurde heftig geschluchzt. Kein Wunder: Mit seiner fantastischen Performance in The Whale dürfte Fraser zu den Favoriten bei den nächsten Oscars gelten. Nur leider kommt das Drama von Kultregisseur Darren Aronofsky nicht im Ansatz an das ran, was sein Hauptdarsteller leistet.

Brendan Fraser überzeugt als im Sterben liegender 270 Kilo-Mann

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Charlie, ein stark übergewichtiger Professor, der seine Wohnung nicht mehr verlässt – beziehungsweise verlassen kann. Nach dem Tod seines Partners hat Charlie wahnsinnig viel zugenommen, wiegt mittlerweile über 270 Kilo und steht kurz vor einem Herzversagen. Sein einziger Kontakt zur Außenwelt sind seine Studierenden (denen er sein Gesicht allerdings nicht zeigt), der täglich vorbeikommende Pizzalieferant (der die Kartons vor der Tür abstellen muss) und seine beste Freundin Liz (Hong Chau), die nicht nur für ihn einkauft, sondern ihn auch medizinisch versorgt.

Zur Erinnerung: So sah Brendan Fraser in Die Mumie aus

Die Mumie - Trailer (Deutsch) HD
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Als Charlie einen Herzanfall bekommt, konfrontiert ihn Liz mit einer harten Wahrheit: Wenn er nicht endlich ins Krankenhaus geht, wird er in den nächsten Tagen sterben. Doch Charlie hat keine Krankenversicherung und beschließt, lieber etwas zu erledigen, was er viel zu lange aufgeschoben hat: sich mit seiner Teenager-Tochter Ellie (Sadie Sink) zu versöhnen. Die hat allerdings mehr Interesse an dem Missionar (Ty Simpkins) einer Weltuntergangs-Sekte, der plötzlich ständig vor der Tür ihres Vaters steht.

Als die ersten Bilder von The Whale veröffentlicht wurden, zeigten sich viele geschockt: Dieses aufgequollene Gesicht sollte zu Brendan Fraser gehören, dem ehemaligen Teenie-Schwarm aus Die Mumie? Doch Frasers Gewichtszunahme samt Fatsuit, den er für den Film trägt, sind nur die halbe Miete. Der Schauspieler spielt Charlie als liebenswerten Mann, der trotz aller Weltgewandtheit und seinem sozialen Wesen in seiner Wohnung isoliert, in seinem selbstgeschaffenen Köper gefangen ist, absolut berührend. Wie der Cast ineinandergreift, welche menschliche Tragik sich zwischen diesen Figuren entfaltet, ist meisterhaft. Trotzdem ist der Film kein Meisterwerk.

Darren Aronofskys The Whale ist eine verkopfte Mischung aus Deutsch-Hausaufgabe und Sat.1 Film Film

Sadie Sink spielt in The Whale die rebellische Teenagerin Ellie

The Whale hat effektive Szenen, die einem zum Lachen bringen, Tränen in die Augen treiben oder unangenehm berührt auf dem Sitz herumrutschen lassen. Das ist nicht das Problem. Trotzdem gibt es keinen einzigen Moment im Film, der überrascht. Nichts, was man so oder so ähnlich nicht schon irgendwo anders gesehen hat. Das Ergebnis fühlt sich an wie ein Frankensteinfilm, am Reißbrett auf maximale Oscar-Tauglichkeit entworfen und schließlich aus Versatzstücken anderer Filme zusammengetackert.

Die sarkastische beste Freundin, die keinen anderen Lebensinhalt hat, als dem Protagonisten unter die Arme zu greifen? Check. Die böse Ex-Frau, die sich erstmal harten Alkohol ins Wasserglas schenkt, sich schließlich aber doch rührselig an alte Zeiten erinnert? Check. Und natürlich: der aufopferungsvolle Vater, der sich nur deshalb nie bei seiner traumatisierten Teenager-Tochter gemeldet hat, um sie zu schützen. Garniert das noch mit ein paar "Dicker Mensch hat einen Tiefpunkt und erlebt eine Fressattacke, die wir maximal eklig inszenieren"-Momenten und einem Ende, für dessen Schwülstigkeit sich selbst ein Sat.1 Film Film schämen würde – und fertig ist der Film.

Nicht einmal visuell fällt den Verantwortlichen irgendetwas Interessantes ein. Klar, einen nahezu bewegungsunfähigen Protagonisten, der über 70 Prozent des Films hinweg seine farblose Couch nicht verlässt, ist nicht die einfachste Voraussetzung für spannende Einstellungen und Kamerafahrten. Aber wir sprechen hier immerhin von Darren Aronofsky! Dem Typen, der es mit Pi 1998 geschafft hat, selbst MATHE interessant aussehen zu lassen.

Am Ende wirkt The Whale wie eine Schulaufgabe, die sich Aronofsky und Autor Samuel D. Hunter gestellt haben: Entwickle eine Filmidee, in der das Leben des Protagonisten eine Allegorie auf den Literaturklassiker Moby Dick ist und zeige dabei immer wieder deutlich Parallelen zur Vorlage auf. Das Ergebnis wäre ein verkopftes, emotional manipulatives Durchschnittsdrama – würden Brendan Fraser und der Rest des Casts ihrem Meisterregisseur hier nicht derart den Arsch retten. Kann man gucken, muss man aber nicht.

Freut ihr euch auf The Whale?

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