Bizarres Sci-Fi-Highlight: Dieser elektrische Penis stellt unzählige Zeitreisen in den Schatten

Incredible but True
© Atelier de Production/Arte France Cinema/Versus Production
Incredible but True
13.02.2022 - 14:45 UhrVor 6 Monaten aktualisiert
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Einst terrorisierte er die Menschen mit einem Autoreifen. Jetzt mischt Quentin Dupieux die Berlinale mit einem elektrischen Penis auf und schickt uns durch einen verschwommenen Science-Fiction-Film voller Zeitreisen.

Wenn sich Quentin Dupieux mit einem neuen Film auf der Leinwand zu Wort meldet, ist stets ein höchst eigenartiges Ereignis zu erwarten. Der französische Regisseur, Musiker und Künstler lotet im Kino gerne das Begreifbare aus, was bereits durch den Titel seines Regiedebüts deutlich wird: Nichtfilm. Konventionelle Bilder existieren hier nicht. Im Idealfall rollt ein Autoreifen durch die Gegend und zieht eine Blutspur hinter sich.

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Seit Rubber, jenem Slasher mit dem Killer aus Gummi, ist Dupieux zu einer festen Größe des bizarren Kinos geworden. Jedes Mal, wenn man denkt, ihm gehen die Ideen aus, kommt er mit einer weiteren absurden Gedankenspiel um die Ecke, das uns die vertraute Welt aus einer extrem befremdlichen Perspektive zeigt. Incredible but True, der am Freitag auf der Berlinale seine Premiere gefeiert hat, stellt keine Ausnahme dar.

Sci-Fi-Komödie auf der Berlinale führt in ein dunkles Loch

Der Titel ist Programm: Als Alain (Alain Chabat) und Marie (Léa Drucker) ein neues Haus kaufen wollen, können sie den Beschreibungen des Maklers kaum glauben. Im Keller befindet sich ein Loch, das in die Tiefe führt und als Portal in die Zukunft fungiert. Wer sich die Gitterstufen des röhrenförmigen Schachts hinunterwagt, macht einen Zeitsprung von 12 Stunden. Und es kommt noch besser: Man wird drei Tage jünger.

Die Aussicht auf ewige Jugend zieht Marie in den Bann. Kaum hat sie mit ihrem Mann das Haus gekauft, springt sie einen halben Tag nach vorne, was den Zeitplan der beiden gewaltig durcheinander wirft. Das Haus, das sie vereinen sollte, wird zum Grund, warum sie sich auseinanderleben. Marie dringt weiter und weiter in das Kommende vor, obwohl sie eigentlich nur eine verklärte Vergangenheit jagt.

Dupieux hat sichtlich Spaß, die Anziehungskraft des Lochs auf die Figuren auszuloten. Präzise studiert er, wie Menschen von einer Idee korrumpiert werden, die zu Abhängigkeit und Realitätsverlust führt. An diesem Punkt ist der verhängnisvollen Obsessionen noch nicht genug: Beim gemeinsamen Abendessen mit seinem Chef, Gérard (Benoît Magimel), erfährt Alain, dass dieser einen elektrischen Penis hat.

Incredible but True

Eine Zeitreise mit Verjüngungskur oder doch das mechanische Glied? Es lässt sich schwer sagen, welche Enthüllung in Incredible but True die ungläubigeren Blicke erntet. Sicher ist nur, dass die Figuren keine Ahnung haben, was sie mit den unerwarteten Möglichkeiten anfangen sollen, die sich ihnen offenbaren. Bedingungslos ergeben sie sich zerstörerischen Fantasien und verlieren die Kontrolle, bevor sie es realisieren.

Incredible but True: Wenn der elektrische Penis eskaliert

Die Erfüllung der Sehnsüchte ist zum Greifen nah. Wahrhaftige Erfüllung findet trotzdem nicht statt. Dupieux isoliert die Figuren vor verschwommenen wie verzerrten Hintergründen. Dazwischen das grelle Licht der Sonne: So gemütlich Incredible but True erzählt ist, hier kommt niemand zur Ruhe. Wir folgen einem hilflosen Stolpern, einem Versagen der Kommunikation – und dann brennt der elektrische Penis durch.

Ja, in diesen Penis ist Dupieux regelrecht vernarrt. Ab einem gewissen Punkt dreht sich jedes zweite Gespräch um ihn. Zu Gesicht bekommen wir das Gerät allerdings nicht. Zahlreiche Umschreibungen schaffen dafür ein gutes Bild, ganz zu schweigen von inszenatorische Spielereien, die dem ganzen die Krone aufsetzen: Plötzlich qualmt es aus dem Schoß und ein beunruhigender Blick sagt alles, was wir wissen müssen.

Was die Figuren begehren, um sich vollständig zu fühlen, treibt sie in den Ruin. Selbst mit den weniger fantastischen Elementen ihres Lebens sind die überfordert. In einer entlarvenden Szenen will Gérard das Mannsein ergründen und in der Schießbahn seinem Jagdtrieb freien Lauf lassen. Er hält aber nicht einmal den Rückstoß der Waffe aus. Kein Wunder, dass ihn sein Penis komplett außer Gefecht setzt.

Ironisch kommentiert Dupieux die kläglichen Niederlagen der Figuren – die Musik ist selten auf ihrer Seite, der Schnitt erst recht nicht. Es macht durchaus Spaß, diesem absehbaren Untergang voller Seltsamkeiten zu folgen, auch wenn der große Paukenschlag am Ende ausbleibt. An dem Moment, wo sich die Menschen aufkratzen, um zu ihrem Inneren vorzudringen, ist die Sci-Fi-Komödie bereits vorbei.

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Wie steht ihr zum Werk von Quentin Dupieux?

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