Berlinale: Chi-Raq - Mit dem Sex-Streik gegen die Gewalt

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Berlinale: Samuel L. Jackson in Chi-Raq
20.02.2016 - 09:30 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Spike Lee reist in seiner aktivistischen Musical-Komödie Chi-Raq in die griechische Antike und Gérard Depardieu rauft sich in Saint-Amour mit seinem Sohn und mehreren Litern Rotwein zusammen. Die Berlinale geht in die letzte Runde.

Schon Mitte der Woche zeichnete sich die Endzeit ab. Die täglichen Print-Ausgaben des Hollywood Reporters versiegten, Finsternis legte sich über den gedruckten Kritikerspiegel von Screen Daily, allmorgendlich das Licht jeden Schlangen-Small-Talks. Mehr und mehr Kritiker scheinen das Weite zu suchen, die Befreiung vom Berliner Winter, das nächste Festival oder eine Mütze Schlaf auf einem Langstreckenflug irgendwo über den Wolken des Atlantiks. Die Berlinale 2016 neigt sich ihrem Ende zu und Gérard Depardieu feiert es mit einer Flasche feinstem Beaujolais' und einem Teller voller saftig-öliger Würstchen.

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Manchmal könnten wir das liebenswert schrullige Road-Movie Saint Amour nämlich mit einem Dokumentarfilm über das Leben Gérard Depardieus verwechseln. Stellen wir uns vor, es verschlägt den Wahl-Russen in sein Geburtsland. Auf einer Landwirtschaftsmesse in Paris streichelt er über die warmen, flaumigen Hüften von Rindern, die bald auf seinem Teller liegen werden. Um seinen Durst zu stillen, begibt sich Depardieu mit einem Taxifahrer auf eine Weintour durch Frankreich, lässt jeden Traubentropfen zwischen Loire-Tal und Burgund dreimal über Zunge und Gaumen rollen. Gelegentlich dient eine Liebelei als Dessert. Wer mag da, ganz unabhängig von Depardieus Privatleben, widerstehen? Benoît Delépine und Gustave de Kervern können und wollen es jedenfalls nicht. In Mammuth ließen sie ihn auf einem Motorrad quer durch Frankreich fahren, um seine Rente zu sichern. Saint Amour, benannt nach einem Wein und der heiligen Liebe, die es zu finden gilt, begleitet Milchbauer Jean (Gérard Depardieu) und seinen Sohn Bruno (Benoît Poelvoorde) auf einer weingetränkten Straße der Annäherung. Hinter jedem Fenster, jedem nichtssagenden Gesicht lauert in der Komödie ein kleiner Freak, die Frauen werfen sich Jean und Bruno regelrecht an die stierigen Hälse und zwischen dem Wust an Skurrilitäten (Michel Houellebecq als trantütiger Hotelbesitzer!) nähern sich der Alte und der Junge nach Jahren endlich an. Delépine und Kevern tendieren zwar dazu, jede noch so offensichtliche Pointe auf ihrem Drehbuch-Pfad zu pflücken, aber wer möchte es ihnen verübeln? Saint Amour ist ein massiger, gut genährter Spaß und Depardieu und Poelvoorde verschlingen ihn in einem Ruck.

No Peace, No Pussy!
Saint Amour können wir wohl kaum Chancen beim Goldenen Bären zurechnen. Dazu lief er zu spät im Wettbewerb, distanzierte sich zu vehement von weltpolitischen Problemkomplexen (immerhin eine Kellnerin, die sich wegen der Rezession fertig macht!) und geriet wohl alles in allem zu lustig und optimistisch. Letzteres trifft auch auf den fantastischen neuen Film von Spike Lee zu. Chi-Raq könnte mit seinem Sex-Streik gegen die Gewalt zeitgemäßer kaum sein. Doch der außer Konkurrenz platzierte Lee hat im Gegensatz zu vielen Berlinale-Beiträgen nicht die Betroffenheit des Zuschauers zum Ziel. Er will Aktion, er will, dass sich etwas ändert und präsentiert das Ungeheure: eine kleine Utopie, geboren aus der grauenhaften Dystopie des Alltags in Chicago. Und so macht sich Teyonah Parris als Lysistrata wie ihre Seelenverwandte bei Aristophanes daran, den Bandenkrieg in ihrer Nachbarschaft zu stoppen. Black-on-black-crime lautet das Stichwort, das konservative Meinungsmacher in den USA immer dann in die Kameras posaunen, wenn von rassistisch motivierter Polizeigewalt die Rede ist. Also nimmt Spike Lee die grassierende Gewalt in den urbanen Vierteln seines Landes zum Aufhänger eines komödiantischen Musicals, das dem gegenseitigen Töten innerhalb der schwarzen Community ein Ende durch Aufklärung setzen will. Aufklärung, die John Cusack als Priester mit der Geschichte über eine Schusswaffe predigt. Reden über die vielen unschuldigen Opfer von Bandenkriegen, aber auch privatisierte Gefängnisse, deren Betreiber von der Masseninhaftierung von Schwarzen aus ärmeren, vernachlässigten Schichten der amerikanischen Bevölkerung profitieren. "Mass incarceration is the new Jim Crow" heißt es einmal mit Verweis auf die systematische Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung in dunkleren Jahrzehnten der US-Geschichte.

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Chi-Raq als farbenprächtige Fantasie, in der jeder in Reimen spricht, Wesley Snipes einen einäugigen Gangster mit Kicher-Attacken spielt und Samuel L. Jackson als flamboyanter Erzähler durch die Handlung führt, könnte überstilisierter nicht sein. Umso effektiver arbeiten Lee und Ko-Autor Kevin Willmott mit den Grenzen zwischen Fiktion und Realität, überhöhter griechischer Komödie und aktuellen Nachrichtenschlagzeilen. Da geht die Operation Hot 'n' Bothered der Polizei (die streikenden Frauen sollen zum Sex verführt werden) nahtlos über in eine Black Lives Matter-Demonstration, wie sie nach den Toden von Trayvon Martin, Eric Garner, Tamir Rice und vielen anderen in den Straßen der Großstädte zu sehen war. Schauspielerinnen wie Angela Bassett und Jennifer Hudson manifestieren das Leid innerhalb der knalligen Schale, geben den Müttern, die ihre Kinder verloren haben, ein Gesicht. Nun mag man anführen, dass Spike Lee offene Türen einrennt, um vor bereits Bekehrten zu predigen. Chi-Raq bleibt trotzdem ein energetisches Stück Film. Es ist der Beitrag eines jung gebliebenen alten Meisters zu einem unerschrockenen Kino der Aufruhr, wie es sich zuletzt in Dear White People, Nächster Halt: Fruitvale Station und Selma ausdrückte. Nichts an Chi-Raq ist subtil, aber was ist schon subtil an den tausenden Toten, die durch verirrte Kugeln im "Irak" Chicagos getötet wurden. Damit steckt im außer Konkurrenz laufenden Chi-Raq mehr vom politischen und (erhofften) filmischen Anspruch der Berlinale als in den meisten augenscheinlich politischen Wettbewerbsbeiträgen. Spike Lee hat den Tod genommen und einen Film für das Leben gedreht.

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