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Moviepilot Speakers' Corner

Bäume vor der Hütt‘n

05.12.2012 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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The Cabin in the Woods
© Universum Film
The Cabin in the Woods
Moviepilot-User Stormbringer beschreibt in seinem Text für die Speakers’ Corner, was an The Cabin in the Woods wahrlich meisterhaft und außergewöhnlich ist.

Verkanntes Meisterwerk
„Schon tausend Mal gesehen!“, „Nicht mal als Parodie gut!“, „Überhaupt nicht gruselig!“, „Was soll das Einhorn?!“ – diese und andere haarsträubende Aussagen durfte ich hier auf Moviepilot im Zusammenhang mit The Cabin in the Woods (kurz: TCITW) lesen. Es ist mir ein Anliegen, zu erklären, was TCITW zu einem so außergewöhnlichen Machwerk macht, darum warne ich ausdrücklich vor MASSIVEN SPOILERN. Ich werde unter anderem die obigen Fragen beantworten und aufzeigen, wo der Film mit seinen Möglichkeiten spielt. Die Pointe nehme ich gleich vornweg: TCITW sagt aus, dass jeder in Amerika produzierte Horrorfilm, der so klischeehaft abläuft wie dieser, eigentlich ein in der Realität stattfindendes Ritual ist, um die Alten Götter zu besänftigen, damit diese die Welt nicht vernichten. Da der Mensch von Natur wegen egoistisch und materialistisch veranlagt ist, wird nicht einfach ein Opfer dargebracht, nein, es wird eine (vermutlich staatliche) Institution damit beauftragt, aus ebendiesem Ritual Horrorfilme zu schustern, um sie gegen Geld zu verkaufen.

Die Klischees
Ohne die altbekannten Horror-Klischees funktioniert TCITW nicht. Fünf Jugendliche fahren in eine Hütte in einem weit abgelegenen Wäldchen, um zu feiern. Die Grundstory ist in einem Satz erklärt und deshalb so leicht verständlich, weil wir sie aus zig anderen Horrorschinken kennen. Den Grundstein hierfür legte anno dazumal Sam Raimi mit dem (mittlerweile) Genrekönig Tanz der Teufel, an den sich TCITW großzügig anlehnt. Dabei parodiert TCITW das gesamte Genre nicht, sondern hommagiert es – alleine schon mit dem Titel. Das Monster Mash Up im letzten Drittel des Films untermauert das noch deutlicher. In keinem Moment während des Films kommt eine Verballhornung dieser Klischees vor, viel mehr kopiert und projiziert der Film das Szenario, die kategorisierten Jugendlichen, die oft gesehenen Untoten Hinterwäldler, ja, sogar die letzte Warnung durch einen abgewrackten Typen. TCITW rezitiert und ironisiert sich sogar selbst. Wer in den Genuss kommt, sich den Streifen ein zweites Mal anzuschauen, der wird genau das feststellen. So wird auf dem Weg zur „Cabin“ gesagt, dass man doch mal ein Wochenende ohne Internet und Handy verbringen und für sich alleine sein möchte, weil die heutige Gesellschaft durch den Kontrollzwang ihre Augen überall habe. Diese Aussage wird ganz einfach ad absurdum geführt, weil die Fünf unter permanenter Beobachtung stehen, ohne es zu wissen. In einer späteren Szene unterhalten sich zwei der Protagonisten darüber, dass irgendetwas nicht koscher sei und sie die Gefahr im Falle des Falles gar nicht ahnen würden. Mahnend wie das Damoklesschwert hängt unscharf im Hintergrund ein mit Lefzen hochgezogener Wolfskopf, mit dem eines der Mädchen kurz zu vor noch im Rahmen eines Wahrheit-oder-Pflicht-Spiels gezüngelt hat – symbolisch dafür, dass die Jugendlichen mit der Gefahr spielen. Es gibt noch weitere beispielhafte Szenen, die die Selbstironie unterstreichen, zum Beispiel jene, in der ein von einer Seite durchsichtiger Spiegel eine tragende Rolle spielt. Jeder dieser Szenen aufzudröseln würde allerdings den Rahmen sprengen.

So läuft der Film zu zwei Dritteln so ab, wie man es erwartet und kennt (fokussiert auf die Handlung der jungen Menschen) – und das ist genau der Weg, den er gehen soll, wie schon viele andere Gruselstreifen vor TCITW. Dabei will er zu keiner Zeit besonders gruselig oder lustig sein – zumindest nicht so, wie es Parodien wie Scary Movie sein wollen, die das Ziel haben, das Horrorgenre auf den Arm nehmen.

Die Firma
Die Firma ist dazu da, das Treiben der Opfer in der Hütte zu beobachten (respektive die fünf Todgeweihten erst mal in die Ausgangslage zu bringen) und nötigenfalls einzugreifen. Dabei nehmen die beiden „Spielleiter“ die eigentliche Position der Zuschauer ein (was durch den Büroalltag in der ersten Szene noch unterstrichen wird) und handeln wie ebendiese: Sie stellen Wetten an, wie die Jugendlichen getötet werden, sie starren lechzend auf den Bildschirm, sobald eine weibliche Brust zu sehen ist, sie machen sich sogar über den in Rätsel sprechenden Redneck-Tankwart lustig, der ihr eigener Kollege ist – all das, was wir bei einem regulären Horrorfilm, mit Freunden und guter Stimmung auch tun würden. Damit wird den eigentlichen Zuschauern und Voyeuren der Spiegel vorgehalten und die beiden Knöpfchendrücker haben wesentlich mehr Bedeutung, als das Geschehen zu überwachen und den Film individueller zu machen. Der Praktikant wiederrum ist das moralische Gegengewicht.

Die Firma an sich steht, wie anfangs erwähnt, auf dem Standpunkt der Geldeintreiberei und liegt sogar im Wettbewerb mit anderen Ländern, die mit eigenen, angepassten Ritualen die selbe Show vollführen. Den Zuschauern solle etwas geboten werden, heißt es in einer Szene. Dabei verlieren sie ihr Ziel, die Großen Alten zu besänftigen, niemals aus den Augen – schließlich hängt das Schicksal der gesamten Menschheit von ihnen ab. Besagte alte Götter sind ebenfalls eine Hommage. Vor knapp 100 Jahren hat H.P. Lovecraft, Mitbegründer des modernen Horrors, die Cthulhu und die „Großen Alten“ erdacht, an denen sich TCITW bedient.

Das letzte Drittel
Sobald die Überlebenden der Sache auf die Schliche gekommen sind und sogar das Büro der Spielleiter infiltrieren, legt TCITW die Karten auf den Tisch. Mit der Mega-Monster-Schlachtplatte sollte klar werden, dass die Rituale schon zu hunderten auf verschiedenste Weisen durchgeführt wurden – zumal man einige Kreaturen wieder erkennt oder sie Anleihen auf andere Filmmonster sind oder sogar einem die ganze Idiotie vor Augen führen, wie das eingangs erwähnte Einhorn, das quasi als Antithese symbolisiert wird. Ab hier kann man TCITW auch nicht mehr viel andichten, geht es doch schnurstracks auf das konsequente Ende zu, dass alles vorhergewesene obsolet werden lässt. Somit endet dieser Streifen, in den ich noch wesentlich mehr hinein interpretieren könnte, mit einem simplen Zitat: „Pffff, Menschen“. Und treffender hätte man die gesamte Aussage und Moral des Films nicht zusammenfassen können.

Vorschau: Eine leider zu unbekannte Schauspielerin wird in der nächsten Woche vorgestellt.

Dieser Text stammt von unserem User Stormbringer. Wenn ihr die Moviepilot Speakers’ Corner auch nutzen möchtet, dann werft zuerst einen kurzen Blick auf die Regeln und schickt anschließend euren Text an ines[@]moviepilot.de

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