Berlinale 2015

Andrew Haigh - Vom Blockbuster-Kino zu HBO

06.02.2015 - 08:50 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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© GM Films
Weekend
Im Berlinale-Beitrag 45 Years werden Charlotte Rampling und Tom Courteney in eine Ehekrise gestürzt. Wir stellen euch den Regisseur Andrew Haigh vor, dessen Weg von Hollywood-Blockbustern zu HBO führte.

"I don't know if either of us are very good at being who we think we are."
- Looking

Eigentlich stand Andrew Haigh mit einem Bein fest im Blockbuster-Geschäft. Als Schnittassistent arbeitete er bei Filmen wie Gladiator, Black Hawk Down und Königreich der Himmel - Kingdom of Heaven mit. Dabei könnten seine Regiearbeiten den aufwendigen Epen unähnlicher kaum sein. Seit seinem Debüt Greek Pete üben sich Haighs Werke in der Beschränkung auf das Wesentliche, aber nicht, was aufwendige Schauwerte oder Storywendungen angeht. In seinem zweiten Spielfilm Weekend sowie der HBO-Serie Looking wird die Intimität selbst zum Hauptdarsteller, kommen doch nur durch sie die ganz individuellen Persönlichkeits- und Lebensentwürfe seiner Helden zum, nicht immer gewollten, Vorschein. Haighs dritter Spielfilm, das Ehedrama 45 Years mit Charlotte Rampling und Tom Courtenay, feiert heute Abend im Wettbewerb der Berlinale 2015  Premiere.

"Filme werden heutzutage fast totgeschnitten", meint Andrew Haigh selbst im Interview beim Guardian  mit Bezug auf seine Karriereanfänge. "Niemand gibt den Dingen einfach nur Raum zu existieren." Das dürfen wir gern als Motto verstehen. Haigh begann während seiner Arbeit als Film-Editor damit, Kurzfilme zu drehen. 2009 legte er den semi-dokumentarischen Spielfilm Greek Pete vor, in dem er "ein Jahr im Leben eines Strichers" (so der Untertitel) verfolgt. Dokumentarische Ansätze finden sich in Weekend, wenn auch dieser klarer als Fiktion festzulegen ist. Beim South by Southwest Festival in Austin, Texas, feierte das romantische Drama 2011 Premiere, und mit einem Mal war klar, dass da ein ernstzunehmendes britisches Filmtalent auf der Bühne erschienen war.

Mehr: Die moviepilot-Berichterstattung zur Berlinale 

Von 48 Stunden im unscheinbaren Nottingham wird in Weekend erzählt, 48 gewöhnliche Stunden, die sich erst unter der Lupe bzw. Haighs Blick als möglicherweise lebensverändernd eröffnen. Russell (Tom Cullen) hat von diesem Wochenende nicht viel zu erwarten: eine Party bei seinen Freunden, der Geburtstag seiner Patentochter, dazwischen vielleicht eine flüchtige Männerbekanntschaft, ein bisschen Spaß. In einem Club trifft er den Kunststudenten Glen (Chris New), die beiden haben Sex und verabschieden sich am nächsten Morgen. Alles wie geplant, und doch ist irgendwas anders. Nur ein paar Stunden bleiben den beiden danach. Sie treffen sich wieder, schlafen miteinander, reden über ihre Unsicherheiten, darüber, wie der zurückgezogen lebende Russell sich gegenüber seinen Eltern nicht outen konnte, weil er sie nie getroffen hat; darüber wie Glen nach einer schmerzvollen Trennung festen Beziehungen entsagt. Hier erzählt Autor und Regisseur Haigh keine klassische Coming Out-Geschichte. Die risikoreiche Überwindung der Isolation, die Russells Dasein in einem anonymen Wohnblock charakterisiert, bildet den langsam freizulegenden Kern von Weekend. Davon untrennbar aber ist die genaue Beobachtung von Russells und Glens jeweiligen modernen schwulen Identitäten, ihren Wechselwirkungen und vor allem die feinen Ansätze der Veränderung, die so ein außergewöhnlich gewöhnliches Wochenende mit sich bringen kann.

Von Nottingham nach San Francisco führte Andrew Haigh die HBO-Serie Looking aus dem Jahr 2014, die auf einem Kurzfilm von Serien-Schöpfer Michael Lannan basiert. So viel Eindruck machte Weekend, dass Haigh als Autor, Regisseur und Produzent angeheuert wurde, was sich bei der Serie sofort bemerkbar macht. Die ersten unspektakulären Episoden entfalten behutsam das Leben der drei schwulen Freunde Patrick (Jonathan Groff), Agustín (Frankie J. Alvarez) und Dom (Murray Bartlett), deren Sexualität anders als beispielsweise im Serienmeilenstein Queer as Folk von Russell T. Davies nicht gegenüber einer feindlichen Umwelt behauptet werden muss. Gerade das eigene Ankommen in der Norm wirft die drei in Krisen. Geduldig legen Lannan und Haigh in längeren Dialogszenen Sehnsüchte und Ängste ihrer Figuren frei. Das ähnelt in keiner Folge dem naturalistischen Ansatz von Weekend so stark wie in Looking for the Future (S01E05), in der Game-Designer Patrick mit dem mexikanisch-amerikanischen Friseur Richie (Raúl Castillo) durch die sonnendurchflutete Stadt spaziert. Hin und hergerissen ist Patrick danach zwischen Richie und seinem Boss (Russell Tovey). Das klingt nach Soap, verführt in Looking jedoch zur Skizzierung soziokultureller Trennlinien, mit denen die Figuren bewusst spielen. Die wiederholt gestellte Frage bleibt, ob ihre Identitäten in deren dauerhafter Überwindung bestehen würden - und ob sie das überhaupt herausfinden wollen.

Mal sehen, ob Andrew Haigh in 45 Years dieser Frage und deren Antwort neue Sichtweisen abtrotzt.

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