Andor bei Disney+: Wie ausgerechnet Bourne-Autor Tony Gilroy die ehrgeizigste Star Wars-Serie geschaffen hat

Star Wars: Andor
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Star Wars: Andor
20.09.2022 - 13:00 UhrVor 3 Tagen aktualisiert
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Andor ist die bisher ambitionierteste Star Wars-Serie von Disney+. Serienschöpfer und Showrunner Tony Gilroy spricht im Interview über die Entstehungsgeschichte des Rogue One-Ablegers.

Auf Andor mussten wir lange warten. Seit Ankündigung des Projekts sind fünf andere Star Wars-Serien bei Disney+ erschienen, angefangen bei The Mandalorian bis hin zu Obi-Wan Kenobi. Jetzt erobert die aus Rogue One: A Star Wars Story hervorgegangene Spin-off-Serie den Streaming-Dienst und erzählt die Vorgeschichte von Cassian Andor.

Aus diesem Anlass haben wir uns mit dem kreativen Kopf hinter dem Projekt zum Interview zusammengesetzt: Serienschöpfer und Showrunner Tony Gilroy. Bekannt ist er vor allem für seine Arbeit als Drehbuchautor an der Bourne-Reihe. Mit seinem Regiedebüt, Michael Clayton, festigte er seinen Status als Thriller-Experte in Hollywood.

Durch Rogue One, der uns 2016 Diego Lunas Rebellen Cassian Andor vorstellte, kam Gilroy erstmals mit dem Star Wars-Universum in Berührung. Für Andor hat er sich nun ein besonderes Konzept ausgedacht: Die Handlung setzt fünf Jahre vor der Zerstörung des ersten Todessterns ein und mündet direkt in den Ereignissen von Rogue One.

Hier könnt ihr den Trailer zu Andor schauen:

Andor - S01 Trailer (English) HD
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Die zwölf Episoden der 1. Staffel decken das erste Jahr ab. Die 2. Staffel zieht das Tempo an und behandelt die verbliebenen Jahre. Im Interview spricht Gilroy über die Struktur der Serie, seine Star Wars-Rückkehr und eine der faszinierendsten Figuren aus der weit entfernten Galaxis: den Time Grappler.

Moviepilot: Du warst bei Rogue One als Drehbuchautor und Second-Unit-Regisseur involviert. Was hat dich dazu bewegt, ins Star Wars-Universum zurückzukehren?

Tony Gilroy: Die Idee kam ursprünglich gar nicht von mir. Disney wollte die Geschichte von Cassian Andor ausbauen. Doch dann wurde mir klar: "Wenn ihr diese Geschichte erzählt, dann sollten darin gewisse Dinge passieren." Cassian ist eine äußerst spannende Figur in Rogue [One]. Das liegt u.a. daran, dass wir nur sehr wenige Details über sein Leben erfahren. Er hat angefangen, als er sechs Jahre alt war. Er hat alle möglichen schrecklichen Dinge getan. Direkt am Anfang [von Rogue One] tötet er sogar seine Quelle. Trotzdem ist er jemand, der sich selbstlos für die Galaxis opfert. Das hat mich nicht losgelassen und daraufhin habe ich mir meine Gedanken gemacht. Wie weit weg kann Cassian [in der Serie] von dem Cassian in Rogue sein? Wie weit könnte ich die Figur von ihrer späteren Version entfremden? Und wie groß ist das Loch, aus dem er sich selbst herausgegraben hat, um dorthin zu kommen? Diese Fragen waren mein Startpunkt.

Die Sache ist: Cassian stirbt im Finale von Rogue One. Wie schreibt man eine spannende Geschichte, wenn das Ende bereits feststeht?

Die Frage taucht immer wieder auf, aber ich bin sehr zufrieden mit meiner Antwort. Es gibt da diesen Begriff: Suspension of Disbelief. Die willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit bringt uns durch den Tag, denn früher oder später werden wir alle sterben. Wir leben in einem großen Prequel – alles ist eine Vorgeschichte. Suspension of Disbelief ist der Grund, warum man sich von Filmen mitreißen lassen kann, die man schon sieben Mal gesehen hat. Ja, er wird sterben, du wirst sterben und ich werde sterben. Aber wie kommen wir an diesen Punkt? War es das alles wert? Was erleben wir auf dem Weg? Das ist es, was mich fasziniert. Für mich war es somit nie ein Problem, dass das Ende von Cassians Geschichte bereits feststeht.

Bevorzugst du das Prequel als Erzählform?

Es gibt definitiv einige Romane, die sehr gut davon Gebrauch machen. Ich finde, es offenbart wirklich interessante Möglichkeiten.

Tony Gilroy und Diego Luna am Set von Andor

Ein Großteil von Andor ist auf dem Planeten Ferrix angesiedelt. Ihr habt ein riesiges Set mit Straßen und Häusern in England errichtet. War das für dich wichtig?

Ich finde es sehr, sehr wichtig, ein Gefühl für einen Ort zu haben. Im Lauf der Serie haben wir gleich mehrere Orte, die wir erkunden. Wir fahren nicht einfach durch sie hindurch oder passieren sie aus der Ferne. Wir lernen ihre Gemeinschaften und Kulturen kennen, die wiederum für den Fortgang der Handlung bedeutsam sind. Zudem wollten wir zeigen, wie sich ein Ort im Lauf eines Jahres – also den zwölf Episoden – verändert, denn diese Veränderung spiegelt die Figurenentwicklung. Das, was mit Ferrix in der 1. Staffel passiert, wartet mit einigen Parallelen zu Cassians Innenleben auf. Aus erzählerischer Sicht fand ich das extrem spannend. Das kann man nicht künstlich im Computer erschaffen. Diese Dynamik ergibt sich erst vor Ort beim Dreh. Lasst uns ein großes Set bauen mit Gebäuden und Straßen, wo man richtig durchwandern kann.

Das Volume, in dem The Mandalorian und Co. vor riesigen Videowänden gedreht wurden, kam für Andor also gar nicht infrage?

Nein, nicht wirklich. Wir haben es uns angeschaut, aber leider ist es momentan sehr knifflig, beides zu machen. Vielleicht findet jemand in den nächsten Jahren einen einfacheren Weg, um diese zwei Herangehensweisen zu verbinden. Es gibt zwar ein paar Produktionen, denen das schon gelungen ist, aber es ist sehr schwer. Man muss sich eher für eine Sache entscheiden. Was willst du genau machen? Die Antwort bestimmt den kompletten Arbeitsprozess. Es gibt einige spannende Dinge, die nur mit dem Volume möglich sind, aber unsere Serie ist in eine andere Richtung gegangen. Wir wollten mehr Größe und Weite – und als wir uns dazu entschieden haben, gab es kein Zurück mehr.

Als ich die ersten vier Episoden von Andor geschaut habe, kamen mir oft die ersten Alien-Filme in den Kopf, sowohl aus thematischer als auch aus ästhetischer Sicht. Was hat dich bei der Arbeit an der Serie inspiriert?

Wow, das ist eine große Frage. Immerhin lasse ich mich seit 65 Jahren von den unterschiedlichsten Dingen inspirieren. Die Geheimwaffe unserer Serie heißt Luke Hull, unser Produktionsdesigner. Er hat zuvor an Chernobyl gearbeitet, ist sehr jung und extrem talentiert. Ich glaube, er ist ganz gut mit Ridley Scotts Werk vertraut. Er ist einer der ersten Menschen, an die ich mich bei dem Projekt gewendet habe, fast schon wie ein Drehbuchpartner. Luke und ich haben alles von Anfang an gemacht. In so einer Serie muss alles designt werden. Und es war weder die einfachste noch die offensichtlichste Entscheidung, den Produktionsdesigner von Chernobyl für Star Wars zu engagieren.

Diego Luna als Cassian Andor

Ein anderer spannender Name bei Andor ist Komponist Nicholas Britell. Kannst du erzählen, wie ihr die Musik der Serie gefunden habt, ohne euch zu sehr von John Williams' Star Wars-Vermächtnis einschüchtern zu lassen?

Wir wollten ein vollständig neues musikalisches Vokabular für Andor, weil wir uns auch erzählerisch einige neue Dinge ausgedacht haben. Disney und Lucasfilm haben das komplett unterstützt. Doch was passiert, wenn du dich komplett von John Williams' Star Wars-Musik loslöst? Wo genau befindest du dich dann? Und was denkst du dir Neues aus? Da wird ein sehr langes Gespräch angestoßen. Nic [Britell] und ich haben zwei Jahre an der Musik gearbeitet. Nicht zuletzt brauchten wir einige diegetische Stücke. Mit denen haben wir angefangen. Aufbauend auf dieser Grundlage ist nach und nach der Rest entstanden. Es war ein sehr langer, aber auch sehr aufregender Prozess. Nun haben wir um die sieben Stunden neue Star Wars-Musik, die wir, die Nic komponiert hat. Ich habe nur geholfen. Und jetzt bin ich sehr gespannt, was die Leute davon halten, wenn sie es endlich hören.

Andor wartet mit einer interessanten Struktur auf. In Staffel 1 erzählen zwölf Episoden ein Jahr, in Staffel 2 werden die restlichen vier Jahre in vier Drei-Episoden-Blöcken abgehandelt. Hat sich das automatisch beim Schreiben ergeben?

Als wir mit der 1. Staffel angefangen haben, wussten wir noch nicht genau, wo die Reise hingeht. Der grobe Plan war, das erste Jahr in zwölf Episoden zu erzählen. Doch dann haben wir realisiert, was das auf lange Sicht bedeutet und sind erschrocken: "Oh mein Gott, was haben wir getan?" Vor eineinhalb Jahren haben wir dann die Entscheidung getroffen, nicht alle fünf Jahre [in jeweils einer Staffel] zu erzählen. Diego [Luna] wäre irgendwann zu alt dafür geworden – und wir wären auf dem Weg dorthin gestorben. [Lacht] Die Frage war also: Wie können wir die Geschichte angemessen beenden? So sind wir auf das Konzept der 2. Staffel gekommen. Manchmal – also eigentlich fast immer – sind kreative Einschränkungen von Vorteil. Wer ist der große Advokat davon? Werner Herzog! Solche Einschränkungen können den Fokus schärfen, wenn man an einem großen Projekt arbeitet. Du kannst nur diese bestimmten Teile haben. Dir stehen nur Rot und Blau zur Verfügung. Daraus entstehen die großartigen Dinge.

Werner Herzog ist also auch eine Inspiration für Andor – ist das bestätigt?

Absolut! [Lacht] Werner Herzog ist immer für alles eine Inspiration.

Eine andere Sache, die mir bei der Gestaltung der Serie sehr gefallen hat, ist der Typ, der auf Ferrix die Glocken schlägt. Erzähl mir alles über ihn.

Okay, bist du bereit? Wir nennen ihn den Grappler. Er ist ein wichtiger Mann in der Stadt, aber lass mich ein bisschen weiter ausholen. Eine der ersten Sachen, die ich mir für die Serie ausgedacht habe, sind die vielen Handschuhe der Arbeiter auf Ferrix, die an einer Mauer hängen. Hier existiert eine ganze Kultur, die einer Gewerkschaftsarbeit ähnelt. Die Jobs werden von Generation zu Generation weitergegeben. Du bekommst also den Handschuh deines Vaters und damit auch den Platz an der Mauer. Wir haben uns ein umfangreiches Konzept für Ferrix ausgedacht – und da sind wir irgendwann auch zu den Tageszeiten gekommen. Es gibt insgesamt neun davon.

Der Time Grappler von Ferrix

Jedes Glockenläuten folgt einer anderen Melodie. Auf Ferrix schaut niemand auf seine Uhr. Die Menschen behalten allein durch das Glockenläuten die Zeit im Auge. Das sorgt für ein ganz anderes Gefühl von Gemeinschaft. Alle warten, bis sie das Glockenläuten des Time Grapplers hören. Früher oder später werden wir das bestimmt veröffentlichen, vielleicht irgendwo auf dem Soundtrack. Ich weiß es noch nicht genau. In der Serie spielt es definitiv eine wichtige Rolle. Wir kehren oft zu dem Time Grappler zurück. Er wird immer präsenter. Wir haben uns viele Gedanken über die Architektur des Tagesablaufes auf Ferrix gemacht. Das freut mich sehr, dass du das erwähnst. Wir lieben den Time Grappler!

Die 1. Staffel von Andor startet am 21. September 2022 bei Disney+ mit ihren ersten drei Folgen. Der Rest der Staffel wird im Wochentakt veröffentlicht.

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Werdet ihr euch Andor anschauen?

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