Mr. Vincent Vega sieht fern

Alles Schwindel - Totes Genrekonzept heruntergedooft

Alles Schwindel
© ARD
Alles Schwindel

Weniges ist im Kino so abgeschmackt wie die Gaunerkomödie. In der Wahl der Mittel beschränkt, scheint ihr vorrangig daran gelegen, den Coup als Plot und den Plot als Coup aufzuziehen. Einbruch, Überfall, Kunst- oder Diamantenraub sind wesentliche Bausteine ihrer mit zunächst undurchsichtigen Verstrickungen und schließlich vergnüglichen Twists ausgeschmückten Handlung. Durch die sich stets listenreiche Ganoven, sympathische Draufgänger, liebenswürdige Taugenichtse manövrieren, deren Unzuverlässigkeit genregerechtes Figurenprinzip ist. Wenn eben alles ganz anders kommt als gewollt, geplant, gedacht. Und so lange sich das mit ausreichend diebischer Musik à la Henry Mancini selbst unterlegt, ist der Lustspielcharakter der Gaunerkomödie mit all ihrer oberflächlichen Spannung, forcierten Vergnüglichkeit und schlussendlichen Banalität gesichert. Im geläufigen, nicht ganz so gekonnten Fall zumindest. Für die Gaunerkomödie indes, so sie schon per se zur Setzkastendramaturgie verpflichtet ist, braucht es mindestens handwerkliches Geschick, um mit ihrer Einfachheit nicht langweilen zu wollen.

Filmtopos von anno dunnemals
Die besseren Heist Comedys liegen filmgeschichtlich demnach weit zurück. Einige von ihnen umgingen die strukturellen Beschränkungen (Drehbuchfixiertheit, Handlungskorsett, Stereotypen), andere machten sie sich durchdacht zueigen. Topkapi von Jules Dassin etwa ist der Versuch, die in seinem eigenen Klassiker Rififi bereits zur Vollendung gebrachten Motive auf einem überzogenen Niveau neu zu ordnen und als amüsantes Caper-Movie der eigenen Absurdität zu überführen. Als Filmtopos von anno dunnemals hat der komödiantische Raubüberfall nach seinem letzten großen, aber eben auch nur nostalgischen Höhenflug mit Ocean’s Eleven und Co. heute ausgedient. Weil er, insbesondere während der klassischen Studioära Hollywoods und im britischen Kino, alles zu Genüge durchspielte. Da wirken vereinzelte, meist romantisch-altmodische Ehrerbietungen wie etwa Gambit – Der Masterplan, das Remake der bereits damals schon ein wenig ausgeleierten Gaunerkomödie Das Mädchen aus der Cherry-Bar, wie Fremdkörper im gegenwärtigen Kino. Und gehen über Spielereien, zumal aus Händen der Coen-Brüder, nicht hinaus.

Bequem, beschwingt, bescheuert
Wenn also überhaupt, dann hat die Gaunerkomödie allerhöchstens noch im Fernsehen etwas verloren. Vor allem in der ARD, wo Genrestoffe jenseits von Spießbürgerbefindlichkeitsdrama (mittwochs) und romantischer Hirnlosklamotte (freitags) mit Samthandschuhen angefasst werden. Abgehangene Lockerleichtkomödien mit Trickbetrügern und ein bisschen Liebesgeflüster sind wohl gerade muffig genug, um den entsprechenden Redakteuren des Bayerischern Rundfunks noch frisch zu erscheinen. Weil das gebührenverpflichtete Publikum vom Mitspracherecht zuverlässig befreit ist, kann die Koproduktion des BR und ORF auch beherzt eine vor Genreuraltkonventionen triefende Gaunerkomödiensoße zur Primetime anrühren, ganz so wie es den verantwortlichen Unterhaltungsfilmchefs beliebt. Und Unterhaltung ist Alles Schwindel natürlich zweifellos, wenn auch im schlechtesten Sinne: Bequem, beschwingt, bescheuert. Gemäß ungebrochener Richtlinie zur Konzeption von Fernsehfilmen leicht verständlich und „ohne verquasten Tiefsinn“. Mit anderen Worten: Ein Film, der auf einem weitgehend toten Genrekonzept basiert und trotzdem noch mal zusätzlich heruntergedooft ist.

Schwindel hin, Schwindel her
An Dassin-Cleverness ist da selbstverständlich genauso wenig zu denken wie an Coen-Mechanik. Stattdessen erzählt Alles Schwindel die Geschichte von den Irrungen und Wirrungen rund um einen Kunstraub derart komatös konventionell, als glaube er selbst tatsächlich, der erste Film seiner Art zu sein. Der Nachtwächter einer Wiener Galerie bringt die Ereignisse in (gemütliche) Fahrt: Albert Wolf (Udo Samel) erleidet einen Herzinfarkt, als er bemerkt, dass Der Kuss von Gustav Klimt gestohlen wurde. Dass es sich dabei allerdings lediglich um eine von ihm angefertigte Fälschung handelte, weiß nur sein früherer Komplize. Die Umstände erfordern es jedoch, dass Albert auch seine besorgte Tochter Isabella (Ursula Strauss) in dessen Nebenerwerbsgeheimnis einweiht. Und weil es natürlich ein Screwball-Element braucht, läuft Isabella andauernd dem verschuldeten Grafen Leopold von Hohensinn (Benno Fürmann) in die Arme – der als rechtmäßiger Besitzer des Gemäldes ebenfalls starkes Interesse am verschollenen Kuss hat. „Schwindel hin, Schwindel her, jetzt küsst euch endlich“, fasst eine Randgestalt die eigentliche Schnarchprämisse des Films zusammen.

Schulmeisterlich gradlinig
Das ist alles bemüht temporeich und vor allem mit Hang zu Kalauerdialogen („Sind Sie ein Stalker oder was?“ – „Nein, ich bin katholisch.“) inszeniert, aber eben bestenfalls so originell wie ein, haha, Imitat. Gaunerkomödien, mit ihren hintersinnigen Betrügereien und all der falschen Vertrauensseligkeit, bleibt in der Regel nicht viel mehr übrig, als die eigenen Absurditäten mindestens pointenreich und einigermaßen vertrackt zu stricken. Die klaren Vorgaben öffentlich-rechtlicher Fernsehfilme aber unterbinden narrative Komplexität (und inszenatorische ohnehin), und so ist Alles Schwindel nicht nur schulmeisterlich gradlinig, sondern auch vorhersehbar öde. Gegen den garantiert nicht raffinierten Superplot, der sich im Finale zudem auf ziemlich billige Art auflöst, können auch die spielfreudigen Hauptdarsteller Udo Samel und Ursula Strauss wenig ausrichten. Und Benno Fürmann, seit jeher eines der talentfreiesten deutschen Filmgesichter, wird selbst von den Knallchargenfiguren aus der zweiten Reihe (eine demente Großmutter, unfähige Polizisten, usbekische Gangster mit Narbengesichtern) mühelos an die Wand gespielt.

Alles Schwindel. Mittwoch, 18. September 2013 um 20:15 Uhr in der ARD.

Moviepilot Team
Mr Vincent Vega Rajko Burchardt
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