24: Legacy - Jack Bauers undankbares Vermächtnis im Serien-Check

24: Legacy im Pilot-Check
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24: Legacy im Pilot-Check
Moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
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Redakteur bei Moviepilot. Schaut zu viel ins Internet, mag den Weltraum und fühlt sich auf Tatooine genauso zu Hause wie in Hogwarts und Mittelerde.

Update, 21.07.2018: Unseren Serien-Check zu 24: Legacy haben wir bereits anlässlich der US-Premiere im Februar 2017 geschrieben. Nun startet das Spin-off in Deutschland auf kabel eins.

Vermutlich hätte es keinen schlechteren Zeitpunkt für die Premiere von 24: Legacy, der neuen Action-Thriller-Serie aus dem Hause FOX, geben können. Direkt nach dem Super Bowl strahlte das US-amerikanische Network am vergangenen Sonntag die Pilot-Episode des 24-Ablegers aus. Wenige Tage nachdem US-Präsident Donald Trump ein Einreiseverbot für Bürger aus sieben überwiegend islamischen Ländern verhängt hat. Ausgerechnet in diesem Augenblick wird Corey Hawkins die undankbare Aufgabe zuteil, in die Fußstapfen von Kiefer Sutherland zu treten. Als Eric Carter soll er das Vermächtnis von Jack Bauer übernehmen, einem CTU-Agenten, der von 2001 bis 2010 regelmäßig Terroranschläge in den USA verhinderte und dabei unter anderem aufgrund des umstrittenen Gebrauchs von diversen Foltermethoden Aufsehen erregt hat.

Als 24 kurze Zeit nach den Anschlägen des 11. September ausgestrahlt wurde, entwickelte sich die Serie schnell zum Katalysator eines nationales Traumas, das Vorurteile gleichermaßen entkräftete wie bestärkte, vor allem aber die Angst vor einer weiteren Katastrophe schürte. Wie eine tickende Zeitbombe zählt ein Counter die Minuten und Sekunden herunter, was ein nervenaufreibendes bis verstörendes Gefühl der Unabwendbarkeit mit sich bringt. Wenn 24: Legacy über 15 Jahre später erneut Gebrauch von diesem vermeintlich authentischen Konzept macht, ist die Verantwortung nicht gering. Jeden Sonntag werden fortan mehrere Millionen Zuschauer die Abenteuer von Jack Bauer 2.0 verfolgen, während sie erschöpft in den Feierabend entgleiten. Dass ausländische Terroristen, die einen Army Ranger in seiner Wohnung zuerst foltern und im Anschluss mit seiner gesamten Familie töten, das Erste sind, was sie sehen, stellt dieses Echtzeit-Update allerdings gewaltig infrage.

Wenngleich sich 24: Legacy auf den ersten Blick als zeitgemäße Fortführung des populären 24-Franchise behauptet, offenbart die Serie im Rahmen ihres Debüt ein unerträgliches Schwarz-Weiß-Denken, das anno 2017 nicht nur von unzähligen Genre-Vertretern überholt wurde, sondern sich wie eine uninspirierte Kopie des Originals anfühlt, die sich nicht entscheiden kann, ob sie ernst genommen werden will oder nicht. Auf der einen Seite befinden sich in den ersten 45 Minuten von 24: Legacy zahlreiche Szenen, die bewusst den Bezug zu aktuellen Geschehnissen suchen, wie etwa den Anschlägen beim Boston-Marathon 2013. Auf der anderen Seite hat die Pilot-Episode ebenfalls kein Problem damit, ihren Protagonisten ein gewaltiges Betonrohr als rollendes Schutzschild gegen seine Widersacher auszuspielen, als wäre er ein amerikanischer James Bond, der furchtlos für sein Vaterland einsteht, obwohl dieses ihn soeben verraten hat.

24: Legacy weiß folglich sehr wohl, welche Werte der sich zunehmend verdichtende Thriller-Plot aus der Feder von Manny Coto und Evan Katz hochhält und welche nicht. Patriotismus und Familie stehen ganz oben auf der Prioritätenliste, eine diverse Darstellung der Guten und Bösen in dieser Hetzjagd weniger. Zwar deutet der von 24-Veteran Stephen Hopkins inszenierte Auftakt immer wieder an, dass wir uns in den kommenden Wochen auf zahlreiche unerwartete Wendungen gefasst machen dürfen. Bisher bleibt es allerdings bei reißerischen Gesten, die von altbekannten Mechanismen Gebrauch machen und damit alles andere tun, außer zu überraschen. Zudem irritiert die extreme Widersprüchlichkeit des Gezeigten, das für posttraumatische Belastungsstörungen sensibilisieren will, während gleichzeitig ein engstirniges Feindbild beschworen wird, um - zum Beispiel - allumfassender Überwachung ausschließlich positive Aspekte abzugewinnen.

Nur so kann Eric Carter einen alten Freund aus seiner ehemaligen Einheit aufspüren, die sich im Begriff befindet, von Terroristen vollständig ausgelöscht zu werden. Satellitenbilder verfolgen jeden Schritt und Tritt des Gesuchten, der um sein Leben rennt, ohne die Gewissheit zu besitzen, ob die Dämonen, die ihn verfolgen, wirklich existieren. Eric Carter dagegen ist sich seiner Sache binnen weniger Minuten sicher, denn er ist der Held der Geschichte, der zwar daran beteiligt war, einen Terroristenanführer zu eliminieren, ansonsten jedoch eine reine Weste hat und ausschließlich für das Gute einsteht, das auf keinen Fall korrumpiert werden kann. 24: Legacy macht sich beide Charakterinformationen zu eigen, um den Gebrauch der Waffen im Anschluss zu legitimieren. So vielversprechend die Casting-Entscheidung von Corey Hawkins im Vorhinein wirkte, umso enttäuschender ist die Figur geschrieben, die er nun verkörpern muss.

Eric Carter ist im Grunde eine Figur purer Behauptung und ohne Identität. Alle seine Probleme sind lediglich Entschuldigungen, um die Handlung ins Rollen zu bringen. Wenn das erst einmal geschehen ist, muss Eric Carter nur noch den Abzug drücken. Ein innerer Konflikt existiert dabei nicht. Im Gegenteil sogar: Nicole (Anna Diop), Erics Frau, die gerettet und beschützt werden muss, beantwortet sämtliche Fragen, bevor sie überhaupt gestellt werden können: "After seeing him kill those two men today I realized it's not PTSD. He misses it. He needs it." Es ist einer der wenigen Einwürfe, die unseren Held überhaupt etwas Kontur verleihen und gleichzeitig wird er so lieblos und penetrant in die Serie geworfen, dass es sich mehr wie eine dreiste Entschuldigung anfühlt, um weiteres Blutvergießen zu rechtfertigen. Immerhin taucht am Ende eine Liste mit den Namen, Adressen und Aktivierungscodes von terroristischen Schläfern auf, die sich in den USA befinden.

Spätestens ab diesem Punkt steht das unglaubliche Tempo, das die Pilot-Episode an den Tag legt, nicht mehr für aufregende Action, sondern bekräftigt Donald Trumps jüngste Entscheidungen mit dem blinden Abspulen angsttreibender Terror-Klischees: Der Einreisestopp hätte nicht früh genug in Kraft treten können. Die Bösen sind längst im eigenen Land und haben womöglich schon die höchsten Regierungsebenen infiltriert. Bleibt zu hoffen, dass 24: Legacy im Verlauf der 1. Staffel dieser düsteren Terror-Fantasie entsagt und den ernüchternden ersten Eindruck mit einer frischen Perspektive entkräftet, die mehr als ein einseitiges Weltbild zutage fördert und ihrem Protagonisten die gleiche komplexe Abgründigkeit verleiht, die Jack Bauer seit seiner Abschiedsvorstellung in 24: Live Another Day nachgesagt wird. Ansonsten dürfte 24: Legacy auf Dauer eine deprimierende wie frustrierende Angelegenheit werden.

24: Legacy wird in den USA jeden Sonntag auf FOX ausgestrahlt. In Deutschland übernimmt Sky 1 ab dem 13.02.2017 diese Aufgabe.

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