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Wir schauen Better Call Saul - Staffel 1, Folge 10

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08.04.2015 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Im Staffelfinale von Better Call Saul entscheidet sich Jimmy auf den letzten Metern doch für die andere Seite des Gesetzes. Eine tragische Entscheidung, wenn auch verständlich.

Für einen Moment hat uns Better Call Saul glauben lassen, dass es mehr braucht, um Jimmy (Bob Odenkirk) vom rechten Weg abzubringen, als einen verräterischen Bruder und einen toten Freund. Auf dem Weg zum Gerichtssaal geht er bereits das Szenario durch, Partner in einer renommierten Kanzlei zu sein; eine Position, die er seit Anbeginn der Staffel anstrebt. Doch es ist, als hätte Marcos (Mel Rodriguez) Ring an seinem kleinen Finger Besitz von ihm ergriffen: Jimmy dreht um, lässt jegliche moralische Vorsätze hinter sich und fährt in die Ferne, während er gut gelaunt Smoke on the Water summt. Genauso wie Marco, kurz bevor er sich mit den Worten "this was the greatest week of my life" für immer verabschiedet.

Damit kam Jimmys Entschluss, sich seine Fähigkeiten anderweitig zunutze zu machen, doch ein wenig früher als gedacht, wenn auch nicht gerade überraschend. Die Motivation dahinter wurzelt in weitaus mehr, als einen toten Freund zu ehren und denjenigen Pfad einzuschlagen, der ihn glücklich gemacht hätte. Es ist viel mehr die Erkenntnis, dass der Schlüssel zum persönlichen Erfolg darin liegt, ehrlich zu sich selbst zu sein und sich auf seine Fähigkeiten zu besinnen, anstatt irgendwelchen unerfüllbaren Idealen hinterherzujagen. Denn was würde schon auf ihn in dieser neuen Kanzlei warten? Die Wahrscheinlichkeit, dass er dort auf eine ganze Horde von Chucks (Michael McKean) treffen würde, ist ziemlich hoch. Die würden zwar nicht im Detail über seine Vergangenheit informiert sein, doch wie schon die Kettlemans bewiesen haben, ist das gar nicht notwendig, um Jimmy in eine bestimmte Ecke zu stellen.

Insofern ist es durchaus nachvollziehbar, dass Jimmy eher pessimistisch auf eine potentielle Zukunft in einer großen Kanzlei blickt. Denn selbst diejenigen, die in der Branche Sympathie für ihn hegen - ob nun Kim (Rhea Seehorn), seine Senioren oder, wie sich herausgestellt hat, Howard Hamlin (Patrick Fabian) - tun das in erster Linie gar nicht aus Anerkennung für seine beruflichen Fähigkeiten als Anwalt, sondern aus Respekt für seine menschlichen Attribute: der unermüdliche Arbeitswille, die uneingeschränkte Fürsorge, der Ehrgeiz. "I always liked you Jimmy. Remember? I used to call you Charlie Hustle" lässt Howard Jimmy beim Rausgehen wissen, nachdem er voller Bewunderung über die Einkaufsliste für Chuck gestaunt hat, um die sich Jimmy über ein Jahr lang täglich gekümmert hat. Jimmy weiß diese Respektbekundung zu schätzen, genauso wie er Kims Mühen zu schätzen weiß, ihm bei seiner Karriere weiterhelfen zu wollen. Doch es ändert nichts daran, dass diese Sympathien seiner Mentalität gelten, nicht seinen Fähigkeiten. Wenn es so wäre, hätte Kim vielleicht zur geschäftlichen Partnerschaft eingewilligt. Vielleicht hätte Howard sich auch nicht so widerstandslos von Chuck steuern lassen.

Die Woche in Chicago mit Marco hat ihm jedoch gezeigt, dass er durchaus beides bekommen kann. Denn Marco ist nicht nur ein guter Freund, mit dem munter im Chor Lawrence von Arabien zitiert werden kann, sondern auch ein Kollege, der Jimmys Talente bewundert. Der Name Slippin' Jimmy gleitet nie ohne einen Hauch Ehrfurcht über seine Lippen. Und der Erfolg gibt ihm Recht: Ob sie nun mit der erbeuteten Kohle eine Runde in der Kneipe schmeißen können, oder zwei Frauen mit einer Lüge davon überzeugen können, mit ihnen zu schlafen ("You know, the guy in Dance with the Wolves?"). Es sieht tatsächlich ganz nach einer spaßigen Woche aus, für die es zu sterben lohnt. Das Verhältnis zu Marco ist für das Finale auch deshalb ein Katalysator, weil es in jeder Hinsicht fruchtbarer ist als das zu Chuck. Denn auch wenn Marco ihn auf die falsche Seite des Gesetzes lockt, so ist der Umgang doch zumindest human. Es ist von beiden Seiten ein liebevolles, empathisches Entgegenkommen. Es ist der exakte Gegensatz zu Chuck, der stehts mit dem Zeigefinger auf Jimmys Vergangenheit zeigte und wie der Oberlehrer diktierte, was richtig ist und was nicht. Kein Wunder, dass Jimmy sich so sehr schämt, als die beiden darauf zu sprechen kommen, dass er sich nicht bei Marco gemeldet hat, als er für die Beerdigung seiner Mutter in der Stadt war. Schließlich hat er dieses brüderliche Verhältnis zu Marco aufgegeben, um sich von Chuck schikanieren und zurechtbiegen zu lassen. In Anbetracht der jüngsten Geschehnisse ist das ein besonders bitterer Umstand.

Dass Jimmy die Nase von der aktuellen Situation voll hat, ist natürlich auch im Rahmen dieser Episode keine Überraschung. Das symbolische Bingospiel hat die Marschrichtung für dieses Staffelfinale bereits vorgegeben: Jimmy zieht nur B-Zahlen, niemand gewinnt. Sein Monolog, an Tragikomik kaum noch zu überbieten ("Ever seen The Hills Have Eyes? It's a documentary!"), fühlt sich nicht zuletzt wie ein kollektives emotionales Einbrechen aller Charaktere im Breaking Bad-Universum an. Als wäre er das Sprachrohr für all diejenigen, die in Albuquerque und der entsprechenden Wüste von New Mexico an ihren Träumen verzweifelt und gescheitert sind, sinniert er über Betrug, Brüderlichkeit und Belize, sicherlich ein schöner Ort, doch "let’s face it, none of us is ever leaving this god-forsaken wasteland." Wir wissen, dass er Recht hat. Doch wir wissen auch, dass gerade er keinen Grund dazu hat, darüber in Melancholie zu verfallen. Denn Slippin' Jimmy ist ein einwandfrei funktionierendes Zahnrad in diesem gottlosen Konstrukt aus Kriminalität, Habgier und Selbstverwirklichung. Für Jimmy McGill ist kein Platz in dieser Stadt, für Slippin' Jimmy schon - das weiß unser Held nun besser als alle anderen.

“It’s like watching Miles Davis give up the trumpet. It’s just a waste, that’s all I’m saying.”

Notizen am Rande:

- Diese Episode war ein reines Referenzen-Feuerwerk. Von Belize hat Saul Goodman in Breaking Bad geredet, um jemanden verschwinden zu lassen, Marcos Ring war ebenfalls stets an seinem Finger zu sehen und Walter hat er beim Kennenlernen erzählt, dass er Mal jemanden abgeschleppt hat, weil er ihr weiß gemacht hat, er sei Kevin Costner. ("She believed it, because I believed it.")

- Peter Gould zufolge, der das Finale geschrieben und inszeniert hat, ist die Montage von Jimmys Woche in Chicago an das Schaffen von Slavko Vorkapich angelehnt, dessen Arbeit zum Beispiel hier  zu sehen ist.

- Im Gegensatz zu Jimmy weiß Mike (Jonathan Banks), warum er das Geld der Kettlemans nicht genommen hat. Er hat einen Code, den er befolgt.

- Endlich wissen wir, was ein Chicago Sunroof ist. Peter Gould und Vince Gilligan haben uns lang genug damit auf die Folter gespannt.

- Mel Rodriguez ist super. Nicht nur hier, sondern auch in The Last Man on Earth. Wollt ich bloß gesagt haben.

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