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Moviepilot Speakers' Corner

Wenn ein Film sich selbst erkennt

26.02.2013 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Will Ferrell in Schräger als Fiktion
© Sony/moviepilot
Will Ferrell in Schräger als Fiktion
Moviepilot-User SiameseAlex hat sich intensiv mit dem Thema Meta-Ebene auseinandergesetzt und darüber einen Text geschrieben, den ihr heute in der Speakers’ Corner zu lesen bekommt.

Filmisches Material trägt ein subtiles Element in sich: die Meta-Ebene. Zwar hat Moviepilot-Polemiker Vincent Vega sie bereits angesprochen, hier wird sie aber nun ausgeschlachtet, weil sie wichtig ist. Sie ist viel wichtiger als die bloße Aussage eines Films – sie ist vergleichbar mit dem gedankenverlorenen Blick auf die Seele eines Films. Die Bedeutung der Meta-Ebene wird leider oftmals unterschätzt, da sie nicht greifbar ist. Sie versteckt sich in abseitigen Winkeln, im Schatten der Oberfläche eines Films. Nur manchmal blitzt sie auf, doch wirklich festzunageln ist sie nicht, da sie kein festes Wortrepertoire besitzt.

Unumstritten ist die Tatsache, dass in der Rezeption eines Mediums manchmal Dinge geschehen, die sich einer direkten Erklärung entziehen. Sie verblüffen einfach mal im ersten Moment. Die richtigen Worte zu finden fällt schwer; im Vordergrund steht die Gefahr sich ungünstig, unverständlich, schlicht unangemessen auszudrücken, weil die eigene Begeisterung so überwältigend ist. Dieser Augenblick ist magisch, unantastbar und darf von keiner Menschenseele auf der Welt vermiest werden. Nur leider bleibt das nicht aus, wenn damit angefangen wird, über Filme zu sprechen. Die gefürchteten Folgen: Kopfschütteln, Verständnislosigkeit, Fail.

Die Gründe für die ursprüngliche Sprachlosigkeit sind vielfältig und fest verankert in
Begriffen wie „Erwartungsbruch", „(Un-)mittelbarkeit" etc.. Wie kommt das? Ein Film, der es versteht implizit (!) selbstreflexiv zu sein, hat erst recht das Potential über sich hinaus zu wachsen, gut zu sein. Er grenzt sich auf diese Weise vom Einheitsbrei ab. Für den Film ist dieser Reflex wie ein flüchtiger Blick in den Spiegel. Er erkennt sich selbst, aber … wer versteht das, zu welcher Zeit und wie wird das alles am Ende am besten bewertet? Beispiele? Unbedingt!

Sofern ich denn dann mal anfange über einen Film zu reden, betrete ich das Meta-Terrain.
Dort existieren Aussagen über Filme, die sind weit verbreitet: „Der Film nimmt sich selbst nicht wirklich ernst" bzw. das Gegenstück: „Dieser Film nimmt sich sehr ernst". Mal im Ernst: Wie zur Hölle kann sich ein Film auch nur irgendwie nehmen? Vielmehr sind wir es, die Filmen so etwas zuschreiben, weil wir sie wahr-nehmen. Und das geschieht immer dann, wenn Ironie und Wahrheit eng umschlungen einen Krieg vor unseren Augen austragen.

Einmal, da entdecken wir ein Augenzwinkern in der Inszenierung. Inmitten einer Szene wendet sich Boris Yellnikoff – gespielt von Larry David – aus Whatever Works – Liebe sich wer kann zur Kamera, schärft den Blick und erklärt mir als seinem fiktiven Zuschauer das neurotische Maß aller Dinge. Während seine Kollegen im Film weiter plaudern und er sie stets vertröstet, sie hinhält und sich selbst erklärt, zeigt mir Boris, dass er ein Mann ist, der über den Dingen steht. Er führt es mir direkt vor Augen, er lebt es vor, während er im Film seine Mitmenschen dekonstruiert.

Dagegen verblassen augenscheinlich Charaktere aus eindimensionalen Produktionen, die stringenter bzw. linearer funktionieren. Dort begegnen uns Abziehbilder und Typen, deren Handeln unsere Erwartung bedient. [Was nicht zwangsläufig schlecht ist!] Und überhaupt: Unsere Erwartung? Haben wir etwa alle die gleiche? Eben nicht. Darin liegt ja gerade der Ursprung unserer heterogenen Bewertungsmechanismen – weshalb wir Filme mal mehr, mal weniger gut finden. Aus diesem Grund kann uns auch mal ein einfaches, aber konsequent inszeniertes Stück Zelluloid bannen und fordern.

Die Meta-Ebene ist dynamischer Natur und verschiebt sich je nach Filmsozialisation. Sie
zeigt sich überall dort, wo wir etwas glauben zu verstehen, es aber nicht direkt verständlich machen können; eben genau dort, wo der Film sich scheinbar selbst erklärt, unmittelbar wird, wie Musik. Im Verborgenen verweilt sie in Momenten der Gewohnheit, die uns langweilen. In diesen Fällen erweckt ein Film das unnachahmliche Gefühl quälender Vorhersehbarkeit. Er lässt das Besondere vermissen und verliert dadurch an Wertigkeit, wird üblicherweise gnadenloser Spielball für Hohn und Spott … wobei: Auch hier besteht Meta-Potential. Während Boris Yellnikoff in romantischer Ironie ein inhaltlicher Zugang zu meiner Meta-Ebene gelingt, instrumentalisiert und inszeniert sich Arnold Schwarzenegger in Die totale Erinnerung – Total Recall als Selbstzweck. Er bahnt sich einen formalen Weg zu mir, indem er das Zusammenspiel der eigenen Action-Klischees (die als solche natürlich erkannt werden müssen) ad absurdum führt. Erst ein gesundes Maß an sinnvoller Überspitzung zwingt einen Film sich seiner selbst bewusst zu werden. Bei Paul Verhoeven war es das Genre, das mir ermöglichte die eigene Wirklichkeit mithilfe von Möglichkeiten zu hinterfragen.

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