Bügelfernsehen

Wenn deutsche TV-Ärzte Zuschauer verarzten

In aller Freundschaft
© ARD
In aller Freundschaft

Über 495 Episoden in 13 Staffeln liefen 12 Jahre lang auf demselben Sendeplatz, 17 Hauptfiguren, 7 davon sind seit Serienstart dabei und stetig wachsende Quoten. Dies ist das Dienstagabend-Flaggschiff der ARD: Die Krankenhausserie In aller Freundschaft erreichte im Jahr 2010 durchschnittlich über 6,2 Millionen Fernsehzuschauer und wird heute Abend ihre 500. Folge ausstrahlen. Wir wünschen der Sachsenklinik und ihren TV-Ärzten Happy Birthday!

Der MDR zeigt auf der Webseite zur Sendung stolz die In aller Freundschaft Zahlen: „Während der Dreharbeiten wurden über 8.000 OP-Masken benutzt, 794 Operationen durchgeführt, 967 verschiedene Krankheitsbilder behandelt und über 300 Liter Filmblut verbraucht.“ Letztlich ist uns aber doch allen klar, dass es in TV-Ärzte und Krankenhausserien nicht auf die OPs ankommt, sondern das, was danach geschieht. Welche Krankenschwester macht dem Chefarzt schöne Augen? Wie wird sich die angehende Anästhesistin schlagen, wenn sie den Ex-Freund in Tiefschlaf versetzen muss? Warum hat Dr. Moritz seinen Sohn jahrelang verheimlicht? Bügelfernsehen mit TV-Ärzten eben.

Für die Medienpsychologin Katrin Döveling von der Freien Universität Berlin liegt der Erfolg von Arzt- und Krankenhausserien vor allem in der Möglichkeit der Realitätsflucht. Weil Arztserien ein Bild von entspannten und hilfsbereiten Traumärzten zeichnen, das sich grundlegend von der Realität unterscheidet, und weil „gesundheitliche und zwischenmenschliche Probleme innerhalb von kürzester Zeit gelöst“ werden, sind diese Serien so beliebt. Dass sich die menschlichen Dramen im Krankenhaus und nicht etwa im Bürgeramt abspielen, läge außerdem daran, dass es sich bei dem Beruf des Arztes um einen sehr angesehenen handelt. Das sagte sie gegenüber dem Rheinischen Merkur. Durch die permanente Konfrontation mit menschlichen Schicksalen von außerhalb lassen sich zudem dramaturgisch geschickt neue Handlungsstränge in das bestehende Beziehungsgeflecht einflechten, die für immer neue Wendungen oder kulturelle Bezüge genutzt werden können.

Deutsche TV-Ärzte-Serien unterscheiden sich von amerikanischen vor allem durch das Setting, in dem praktiziert wird. Aber auch hier ändert sich einiges. Von idyllischen Urlaubsorten wie dem Schwarzwald oder dem Allgäu zieht es die Herren und Frauen Doktoren vermehrt in den Sog der Großstädte. Hier eine Auswahl deutscher TV-Ärzte.

Die Schwarzwaldklinik, ZDF Samstag/Sonntag 19:30 Uhr 1984–1988, 2004–2005
Professor Klaus Brinkmann leitete die erfolgreichste deutsche Die Schwarzwaldklinik sowie Fernsehserie und galt als „Halbgott in Weiß“ (Focus), ist der wohl populärste TV-Arzt seiner Zeit. Über die Avancen seines Sohnes triumphiert Klaus’ Charme, der das Herz von Krankenschwester Christa erobert. Den kleinen Ausrutscher mit Gutsbesitzerin Marie Rothenburg verziehen ihm Christa und die Schwarzwaldklinik-Fans.

Der Landarzt, ZDF Freitag 19:25 Uhr seit 1986
Mama Olga hilft Dr. Karsten Mattiesen als Sprechstundenhilfe in der kleinen Arztpraxis auf dem Land, die er von seinem verstorbenen Vater übernommen hat. Die Pendelei zwischen Hamburg und Deekelsen gibt dieser TV-Arzt bald auf. Im ländlichen Idyll nimmt Mattiesen sich Zeit für seine Patienten und um sich über das eigene Privatleben klar zu werden.

Praxis Bülowbogen, ARD Dienstag 17:25 Uhr 1987-1996
Dr. Peter Brockmann hilft seinen Patienten, die zu einem Großteil der Arbeiterklasse entstammen, in seiner Praxis in Berlin-Schöneberg auch bei privaten Problemen. Der Obdachlose “Gleisdreieck” unterstützt der TV-Arzt diesbezüglich mit seinen Verbindungen zur Straße. Sein eigenes Privatleben ist dabei nicht nur von eigenen Fehltritten, sondern auch von Schicksalsschlägen durchsetzt. Berlin zeigt sich in der Serie in dem ihm eigenen ruppigen Charme als eine Mischung aus Herz und Schnauze.

Der Bergdoktor, Sat. 1 Montag 20:15 Uhr 1992–1997
Der Münchner Arzt Dr. Thomas Burgner lässt sich nicht ohne Altlasten in der Tiroler Bergwelt nieder. Schwiegervater und Tierarzt Pankraz Obermayr gibt ihm die Schuld am Tod seiner Tochter und sieht die Autorität, die er sich nebenbei durch Humandiagnosen verdient, von Burgner gefährdet.

Für alle Fälle Stefanie, Sat. 1 Donnerstag 21:15 Uhr 1995–2005
Die Macher der Sendung haben für alle Fälle immer noch eine Stefanie in petto. Nicht nur einmal macht das Privatleben der liebenswerten Hauptfigur und Krankenschwester, die mal Stefanie, dann Stephanie, dann Fanny heißt, einen Strich durch die Rechnung. Hochzeit, Schwangerschaft, Vertrauensbrüche des Geliebten, veranlassen Stefanie mehrmals dazu, das Berliner Krankenhaus in verlassen. Am Ende ist sie zur TV-Ärztin aufgestiegen.

In aller Freundschaft, ARD Dienstag 21:05 Uhr seit 1998
Doktor Roland Heilmann ist der monogame, „souveräne Chefarzt der Sachsenklinik“, Familienvater und Großvater, der auch die größten Ehekrisen gemeinsam mit seiner Jugendliebe und Ehefrau Pia in den Griff bekommen konnte.

Doctor’s Diary, RTL Montag 20:15 Uhr seit 2007
Sofort nachdem die etwas übergewichtige Margarete „Gretchen“ Haase sich für den Vorschlag ihres Vaters entschieden hat, in der Chirurgie seines Krankenhauses in Berlin zu arbeiten, steckt sie mitten im Beziehungsdrama. Jugendschwarm Marc Meier macht ihr nun auch als Chef das Leben schwer. Und dann ist da noch der geheimnisvolle Gynäkologe Dr. Kaan.

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