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Watchmen hat das Zeug zur besten Serie des Jahres

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© HBO
Regina King in Watchmen
04.11.2019 - 13:40 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Mit Watchmen setzt HBO eine der besten Superhelden-Geschichten fort. Besudelt die Serie das Meisterwerk oder bereichert sie die Vorlage? Wir haben einen Blick riskiert.

Watchmen ist eines der großen Meisterwerke der Comic-Geschichte. Der Graphic Novel von 1986/87 von Alan Moore und Dave Gibbons hat das Superhelden-Genre für immer verändert. Mit seiner düsteren, alternativen Realität, in der kostümierte Rächer Selbstjustiz übend durch die Straßen ziehen, hat Watchmen selbst Literaturkritiker begeistert, die sich sonst eher wenig mit Comics beschäftigen.

Jetzt hat HBO eine Watchmen-Serie an den Start gebracht, die an die Geschehnisse des Comics anknüpft, der 2009 bereits von Zack Snyder mit einem alternativen Ende verfilmt wurde. Damon Lindelof, Co-Schöpfer von Lost und The Leftovers, tritt ein schweres Erbe an. Der Beginn der Serie macht aber große Hoffnung auf eine würdige Fortsetzung.

  • Watchmen verlangt von seinen Zuschauern viel Vorwissen und ist selbst für Kenner der Vorlage verwirrend.
  • Damon Lindelof kreiert eine moderne Neuinterpretation des Watchmen-Mythos, die der Vorlage treu bleibt, ohne von ihr abhängig zu sein.
  • Trotz schwerem Einstieg hat Watchmen das Potential, eine der besten Serien des Jahres zu werden.

Darum geht's in der Watchmen-Serie von HBO

Der Comic Watchmen spielt 1985 und endet mit einem schrecklichen Ereignis, das allerdings positive Folgen hat. Denn um einen atomaren Krieg zwischen der USA und der Sowjetunion zu vermeiden, inszeniert das Supergenie Ozymandias eine Alienattacke auf New York, woraufhin die Millionenstadt fast vollständig vernichtet wird. Im Angesicht des vorgetäuschten gemeinsamen Feindes schließen die beiden Großmächte Frieden und beenden den Kalten Krieg.

Die Serie setzt 34 Jahre danach ein und spielt in Tulsa, Oklahoma, einer Stadt, die für eines der größten rassistisch motivierten Massaker in der Geschichte der USA bekannt ist. Wie der Comic übernimmt die Watchmen-Serie reale Ereignisse, ändert sie teils aber auch ab. In der alternativen Geschichtsschreibung von Watchmen hat Richard Nixon den Vietnamkrieg gewonnen, der aktuelle Präsident im Jahr 2019 ist Schauspieler Robert Redford.

Watchmen

Indes ist Tulsa immer noch eine Brutstätte des Rassismus. Eine White Supremacy-Gruppe namens Siebte Kavallerie terrorisiert Polizisten. Sie tragen Masken, die von Rorschach inspiriert sind, dem brutalen Antihelden aus dem Comic. Durch die Siebte Kavallerie sind die Polizeibeamten gezwungen, im Dienst selbst Masken zu tragen, um sich vor Angriffen im Privatleben zu schützen.

Innerhalb der Polizei gibt es außerdem (aus unerklärten Gründen) eine Gruppe grotesker Gestalten: Den Verhörspezialisten Looking Glass (Tim Blake Nelson), der eine verspiegelte Haube über den Kopf trägt, den ganz in rot gekleideten Kommunisten-Proll Red Scare (Andrew Howard) und Panda (Jacob Ming-Trent) mit seiner riesigen Tiermaske. Im Zentrum der Geschichte steht Angela Abar alias Sister Night (Regina King), die gefragt ist, als die Lage eskaliert und die Siebte Kavallerie einen Schritt zu weit geht.

Watchmen macht es seinen Zuschauern schwer

Die Welt von Watchmen ist skurril und kompliziert und die Serie setzt viel Vorwissen voraus. Damon Lindelof schöpft einerseits aus den Ereignissen des Comics, andererseits aus der Realität und schließlich aus den eigenen Abwandlungen der amerikanischen Geschichte, die im alternativen Universum zwischen 1985 und 2019 stattgefunden haben.

Watchmen

Dabei ist die Handlung an sich nicht sonderlich verschachtelt, doch sie nimmt den Zuschauer eben nicht bei der Hand. Da kann es schon mal sein, dass von Redfordations die Rede ist, ohne dass jemals erwähnt wurde, was das eigentlich bedeutet (von Präsident Redford veranlasste Reparationszahlungen an Opfer rassistischer Gewalttaten). Oder es regnet schleimige Tentakelwesen vom Himmel. Selbst Comic-Kenner werden nur eine vage Ahnung davon haben, warum das geschieht.

Die Watchmen-Serie ist der Vorlage treu, ohne sie zu kopieren

Der anstrengende Einstieg der Watchmen-Serie lässt sich leicht kritisieren. Doch sie beweist damit eben auch Vorlagentreue. Auch das Comic-Meisterwerk bietet keine große Exposition am Anfang, sondern verteilt die einzelnen Puzzlestücke seiner verschiedenen Zeitebenen erst im Laufe der Erzählung und fügt sie erst langsam zu einer kohärente Geschichte zusammen.

Es mag bequem sein, wenn die Personen in einer Geschichte ausführlich über den Status quo ihrer Welt reden, als würden sie einen Vortrag halten. Doch warum sollte jemand Redfordations erklären, wenn jeder in der Serie weiß, was es bedeutet? Beim Erschaffen einer authentischen Welt können zu ausschweifende Erklärungen schädlich sein. Dass Watchmen darauf verzichtet, mag beim Einstieg stören, aber langfristig gesehen kann die Serie davon profitieren. Beim Comic hat es ja auch geklappt.

Regina King in Watchmen

Damon Lindelof zeigt einen genialen Umgang mit dem Watchmen-Mythos. Zwar schafft er es eine Geschichte zu erzählen, die mit ihren faszinierenden Figuren und den brutalen gesellschaftlichen Umständen auch ohne Watchmen-Bindung funktionieren könnte. Andererseits trifft er den Kern der Vorlage nahezu perfekt.

Dass sich die Serie einem brandaktuellem, politischen Thema widmet, nämlich dem Erstarken der White Supremacy-Bewegung, verschafft dem Crime-Drama eine ähnliche Relevanz wie dem Vorgänger, der vor dem Hintergrund des Kalten Krieges spielte und auch die Gewaltdarstellung trifft genau den richtigen Ton. Da geht es schon Mal sehr direkt zur Sache, die Serie deutet aber auch vieles nur an und lässt so der Fantasie den Rest erledigen.

Watchmen: Eine der besten Serien des Jahres?

Die erste Episode Watchmen hat den Grundstein für eine der möglicherweise besten Serien des Jahres gelegt, auch wenn sich das so früh schwer sagen lässt. Vor allem wegen der (noch) konfusen Handlung hat die HBO-Serie immer noch die Chance zu versagen.

Damon Lindelof schürt Neugier und kreiert zahlreiche Mysterien, stiftet aber auch Verwirrung. In den kommenden Folgen muss er es schaffen, die vielen losen Fäden zu einem befriedigenden Ganzen zusammenzuführen. Wie zum Beispiel Ozymandias (Jeremy Irons) in das Gesamtbild passt, der scheinbar völlig ohne Relevanz für die Haupthandlung abgeschieden in einer Burg lebt, muss sich erst noch zeigen.

Jeremy Irons in Watchmen

Watchmen-Neueinsteiger werden an der Serie wohl wenig Freude haben, weil die Einstiegshürde viel zu hoch ist. Wer den Comic nicht gelesen hat, aber dafür den Film von Zack Snyder kennt, sollte sich über das unterschiedliche Ende im Original informieren und kann sich dann in die HBO-Serie wagen. Für Fans des Comic-Meisterwerks schafft Damon Lindelof eine neue, eigenständige Erzählung, die den Geist der Vorlage trotzdem gelungen einfängt.

Watchmen besteht aus 9 Episoden à 60 Minuten und läuft ab dem 4. November 2019 bei Sky Ticket . Wöchentlich erscheint jeweils montags eine neue Folge. Als Grundlage für diesen Seriencheck dient die erste Episode der 1. Staffel.

Werdet ihr euch die Watchmen-Serie von HBO ansehen?

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