Warum Black Mirror: Bandersnatch als Experiment gnadenlos scheitert

Black Mirror: Bandersnatch
© Netflix
Black Mirror: Bandersnatch
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"I read about this guy, gets on the MTA here, dies. Six hours he's riding the subway before anybody notices his corpse doing laps around L.A., people on and off sitting next to him. Nobody notices."

Einer der häufigsten Kritikpunkte am gegenwärtigen Kino besteht in dem Vorwurf, dass innovative Ideen Mangelware seien. Zu häufig wäre dieser und jener Film in ähnlicher Form schon zu sehen gewesen und überhaupt seien die Kinosäle großer Multiplexe mittlerweile wochenlang von den immer gleichen Marvel-Auswürfen und anderen Cinematic Universes verstopft. Über die vergangene Woche hinweg entfachte Netflix hingegen eine neue Diskussion, in der es um nichts weniger als die Zukunft des Mediums Film geht. Grund dafür ist das neue Werk Black Mirror: Bandersnatch, welches der Streaming-Dienst als große Überraschung kurz vor Jahresende veröffentlichte. Der interaktive Konzept-Film, obgleich in seiner Art schon häufiger so dargeboten, wird von der Mehrheit als große Innovation gefeiert, verschleiert aber genau hierdurch geschickt seine eigene Inkonsequenz sowie die altbackenen Klischees der eigentlichen Handlung.

Die Interaktivität in Black Mirror: Bandersnatch ist nur eine Scheinfreiheit

Der Clou von Black Mirror: Bandersnatch besteht darin, dass der Zuschauer dem Protagonisten Stefan regelmäßig eigene Entscheidungen abnimmt. In der Geschichte des Films ist dieser ein junger Programmierer im Jahr 1984, der den titelgebenden Fantasy-Roman in ein ebenfalls interaktives Videospiel übersetzen will. Noch bevor Regisseur David Slade die Hauptfigur jedoch auf einen Black Mirror-typischen Trip zwischen Realität und Wahn schickt, soll der Zuschauer erste Entscheidungen treffen. Denkbar banal muten die zunächst an, wenn sich Stefan, also der Netflix-Abonnent, beim Frühstück zwischen Sugar Puffs und Frosties sowie kurz darauf im Plattenladen zwischen zwei verschiedenen Alben entscheiden muss.

Natürlich bleibt es nicht bei solchen harmlosen Entscheidungen. Sobald sich Stefan auf das Unternehmen Tuckersoft einlässt, für das er seine Videospiel-Idee entwickeln soll, und mit dem berüchtigten Programmierer Colin in Kontakt gerät, wird der Protagonist des Films mit immer weitreichenderen Konsequenzen konfrontiert. So hat es zumindest den Anschein, bis sich Black Mirror: Bandersnatch nach einer Weile als plumper Gimmick-Film entpuppt, der dem Zuschauer tiefschürfende Entscheidungen nur als Schein verkauft. Sobald in dem interaktiven Experiment mal ein Weg gewählt wird, der als ansatzweise risikofreudig erachtet werden kann, führt dies überraschend schnell zum vorzeitigen Ende mitsamt einer Art Game-Over-Bildschirm, von dem aus zu einem vorherigen Punkt der Handlung zurückgesprungen werden kann.

In einer Szene muss sich Stefan unter dem Einfluss einer mysteriösen Droge hoch oben auf dem Balkon von Colins Wohnung entscheiden, ob er springen soll oder doch lieber dem exzentrischen Programmierer den Vortritt lässt. Wählt der Zuschauer den eigenen Sprung in den Tod, blickt er nach einem unüberlegten Ende derselben Entscheidung kurz darauf schon wieder entgegen, um sich doch noch anders entscheiden zu können. Lediglich ein schneller Kick also, der mehr und mehr die schlampig konstruierte Struktur dieses Films offenlegt.

Black Mirror: Bandersnatch versagt als Experiment und ist weder Film noch Spiel

Hinter all den Entscheidungen, die in Black Mirror: Bandersnatch zu unterschiedlichen Enden führen, entpuppt sich die Handlung des Films abseits des inkonsequenten Gimmicks als Ansammlung altbekannter Klischees. Das Spiel rund um Realität und Fiktion im Wahn digitaler Welten ist spätestens nach dem Science-Fiction-Meilenstein Matrix mehr als genug wiederholt worden. Auch die Thematik der Überwachung durch eine höhere Macht, die den freien Willen des Menschen als Trugschluss entlarvt, wurde in der prophetischen Satire Die Truman Show mit Jim Carrey bereits 1998 weitaus klüger behandelt.

Es hilft wenig, dass Black Mirror-Schöpfer Charlie Brooker diese Scheinfreiheit in einer der Handlungsentwicklungen des Films als Meta-Kommentar selbst anbringt, wenn Netflix höchstpersönlich und damit auch der Zuschauer wie eine bedrohliche, beobachtende Allmacht in der Geschichte auftaucht. Längst ist das Experiment als dramaturgisch zerfaserte, erzählerisch stockende Anhäufung öder Abziehbilder von Figuren gescheitert. Black Mirror: Bandersnatch wird als revolutionärer Anstoß für die Zukunft des medialen Storytellings gehandelt, doch letztlich bleibt es bei einem schlecht zu Ende gedachten Versuch, der weder als Film noch als Spiel funktioniert. Eine Scheininnovation.

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