Mein Herz für Serie

UnREAL - Clever, bissig, gnadenlos fies

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28.07.2016 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Unerwartet gewann UnREAL mein Herz für Serie. Die Satire-Serie über die Produktion einer Reality Show hebt das heimliche Vergnügen an Formaten mit hohem Fremdschäm-Faktor auf eine Metaebene und macht daher doppelt Spaß.

Hinter den Kulissen einer Reality-Show geht es fast genauso so zu wie man es erwartet, nur eben schlimmer. Die TV-Satire UnREAL dreht sich um die Produktion eines Reality-Formats und spielt sich fast ausschließlich am Set der fiktiven Dating-Show Everlasting ab, die sehr stark an ein real existierendes TV-Format erinnert, in dem ein Junggeselle wöchentlich rote Rosen an Damen in tief de­kolle­tierten Roben als Zeichen seiner tiefen Zuneigung verteilt. Wie der Titel UnREAL es bereits offenbart, hat die Show nicht viel mit dem Suchen und Finden der wahren Liebe zu tun. Es wird manipuliert, provoziert, intrigiert und zusammen geschnitten, was nicht zusammen gehört.

Wer das perfekte Paar abgibt, welche Kandidatin die Rolle des Hausfrauchens einnimmt, wer die Zicke wird und wer als Luder den Junggesellen verführt, ist der Regie von Quinn King (Constance Zimmer) unterworfen. Sie ist die Ausführende Produzentin und würde ihre eigene Mutter verkaufen, um Traumquoten zu erzielen. Ihr Credo lautet "Money, Dicks, Power" und damit sie das ja nicht vergisst, trägt sie diesen Leitfaden aufs Handgelenk tätowiert. Ihre rechte Hand ist Rachel (Shiri Appleby), die als Produzentin dafür verantwortlich ist, dass es ausreichend Tränen, Brüste und Streit vor der Kamera zu sehen gibt. Rachel, vielleicht die interessanteste Figur in der Serie, sorgt allerdings auch für ordentlich Drama, wenn alle Kameras abgeschaltet sind. Sie gilt als geniale Produzentin, verlor ihren Job allerdings nachdem sie das Geschäft als "Satans Arschloch" bezeichnete und einen psychischen Zusammenbruch erlitt. Nicht nur Geldnöte ziehen sie zurück ans Set von Everlasting.

Rachel leidet an einer bipolaren Störungen. Wenn sie nicht selbst depressive Phasen durchlebt und ihren menschenverachtenden Job verteufelt, schafft sie es wie keine andere, die Kandidatinnen der Show zu manipulieren und nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Dabei geht sie buchstäblich über Leichen. Die romantische Liebesgeschichte, die sich für den (fiktiven) Zuschauer auf den Bildschirmen entspinnt, basiert auf den perfiden Drehbüchern von Quinn, Rachel und ihren Kollegen. Für jeden, der sich schon einmal an einem tristen Abend an derartigen Shows ergötzte und zusah wie Schwiegermütter, Models und Bäuerinnen gesucht wurden, mag das jetzt keine desillusionierende Überraschung sein. Da bedarf es nicht erst eines Jan Böhmermanns, der einen schildkrötenliebenden Trottel als Kandidaten einschleust.

Dennoch funktioniert UnREAL nicht wegen des Unfall-Effekts (man will nicht hinsehen, kann sich aber auch nicht abwenden) so wunderbar. Die cleveren, bissigen und gnadenlos fiesen Dialoge und Twists stammen aus der Feder von Sarah Gertrude Shapiro, die selbst drei Jahre lang als Produzentin der US-Version von Der Bachelor arbeitete und genau weiß, wie schief der Hase in dem Geschäft läuft. Ihre Hassliebe, die sie höchstwahrscheinlich mit diesem Format verbindet, spiegelt sich in Rachel wieder, die auch nach mehrmaligen Versuchen den Absprung nicht schafft und dann sogar nach Höherem strebt. Im Grunde ist Rachel keine schlechte Person, aber am Set werden Menschen zu Monstern. Während sie sich selbst als Feministin bezeichnet und in Jeans und labberigen Shirts zur Arbeit schlurft, drapiert sie die Kandidatinnen als Püppchen in knappen Bikinis im Pool und benutzt deren Essstörungen gezielt als Katalysator für weitere tränenreiche Dramen.

Dabei entpackt UnREAL eine gute Portion Gesellschaftskritik. Mit der Offenlegung der gängigen Arbeitsweisen wird klar, wie das Fernsehen funktioniert, um hohe Quoten zu erzielen, im Umkehrschluss scheint das Publikum nun mal genau das sehen zu wollen. Der afroamerikanische Produzent belehrt die afroamerikanische Kandidatin, dass es Minderheiten niemals ins Finale schaffen werden, die Latina wird zur verführerischen Sexbombe stigmatisiert, und wer innerhalb der Show mit dem Junggesellen schläft, muss sowieso gehen, denn die wahre Liebe seines Lebens muss natürlich jungfräulich vor den Altar treten. Und wer wird eigentlich zur Verantwortung gezogen, wenn ein Leben zerstört wird und neben den moralischen auch juristische Konsequenzen zu befürchten sind?

UnREAL befriedigt nebenbei die (meine) dunkle Leidenschaft für derartige Reality-Formate mit hohem Trash- und Fremdschämfaktor, die den meisten Zuschauern eben doch inne wohnt. In zehn Episoden einer Staffel UnREAL wird genau eine Staffel Everlasting produziert. Von der Vorstellung der Kandidaten bis zum großen Finale wird die gesamte Produktion einer Show gezeigt. Trotz (oder gerade wegen?) der Manipulation nach Maß möchte man (ich) doch wissen, für wen der Junggeselle sich entscheiden wird und ob die potenzielle Gewinnerin noch vor dem Finale einen Skandal liefert. Wer bereits ambitioniert an einer Bewerbung als Praktikant für eine derartige TV-Show schrieb, wird diese nach der Sichtung von UnREAL mit hoher Wahrscheinlichkeit verstohlen in den Papierkorb knüllen.

Quinn und Rachel sind vielschichtige Charaktere, die nicht nur Skrupellosigkeit auf eine neue Ebene heben, sondern selbst immer mal wieder Opfer des konkurrenzstarken Geschäfts werden. Anders als Rachel hinterfragt Quinn ihre herzlosen Methoden jedoch nicht. Constance Zimmer darf sich in diesem Jahr über eine Emmy-Nominierung für ihre Leistungen freuen. Was in UnReal fehlt, ist eine Identifikationsfigur. Aber mal ehrlich: Wer schaut schon das Dschungelcamp oder GNTM, um sich mit einem strauchelnden Helden zu identifizieren? Die Zuschauer wollen Kakerlaken statt Katharsis.

Habt ihr schon in die zwei Staffeln UnREAL reingeschaut?

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