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Tatort-Kritik

Tukur glänzt in farblosem Tatort

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29.11.2010 - 07:00 Uhr
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Ulrich Tukur und Martina Gedeck
© ARD
Ulrich Tukur und Martina Gedeck
Ulrich Tukurs Einstieg als Tatortkommissar geriet stimmungsvoll bis pathetisch: Neben einem Gehirntumor hatte der Neue auch mit dem Verlust seiner großen Liebe und dem RAF-Terrorismus fertigzuwerden. Daneben verblassten leider die exzellenten Darsteller Martina Gedeck und Fritzi Haberlandt.

Pünktlich zum 40jährigen Jubiläum schickte die ARD Ulrich Tukur als LKA-Ermittler Felix Murot auf Verbrecherjagd – und erinnerte an ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte: In Tatort: Wie einst Lilly ließen Drehbuchautor Christian Jeltsch und Regisseur Achim von Borries den neuen Wiesbadener Kommissar in Sache RAF ermitteln. Autor und Regisseur wendeten in Murots erstem Fall viel Erzählzeit für die neue Ermittlerfigur an. Ulrich Tukur in der Hauptrolle verkörperte dabei eine ganz eigene Mischung aus Komik und Poesie: In seiner Rolle als eigenbrötlerischer Einzelgänger verzichtete er auf steife Konventionen und frönte einer mondänen Lebensart. Leider rückte dabei die brillante Besetzung mit Gedeck und Haberlandt in den Hintergrund, und es blieb wenig Zeit, die vertrackte Story über die politischen Seilschaften aus RAF-Zeiten zu verfolgen. Ob Tukur tatsächlich eine Bereicherung für den hessischen Tatort ist, werden wohl die nächsten Fälle zeigen. Der gestrige Fall geriet leider ziemlich farblos.

Foto-Show: die Bilder zum Tatort

Hirntumor mit kriminalistischem Gespür

Diesige Landschaft, graue Bilder – der gestrige Auftakt des neuen Tatortkommissars Ulrich Tukur begann verschwommen. Noch bevor wir ihn kennenlernen durften, war das Fadenkreuz auf ihn gerichtet. Mit einer Hiobsbotschaft startete Murot in seinen ersten Fall: Ärzte diagnostizieren bei ihm einen haselnussgroßen Gehirntumor. Doch anstelle einer Behandlung zog der Debütant die Flucht vor – und behandelte sein “Gewächs” in fragwürdiger Eigenregie: In Erinnerung an eine Verflossene taufte er es auf den Namen Lilly, “so wie man Wirbelstürmen Namen gibt, um sie zu beherrschen.” Und Lilly hatte es in sich: Obwohl sie Schmerzen bereitete und Murot fortan in wilder Dr. House-Manier Medikamente schluckte, schärfte sie sein kriminalistisches Gespür.

Sepiafarbene RAF-Geschichte

Und dieses Gespür benötigte er dringend. Denn in einem Boot auf dem hessischen Edersee wurde eine männliche Leiche geborgen. Die örtlichen Kollegen setzen auf Suizid – doch Murot zweifelte und forschte auf eigene Faust weiter. Treu an seiner Seite stand Sekretärin Magda Wächter (Barbara Philipp), deren Aufgabe in diesem ersten Tatort hauptsächlich darin bestand, ihm den Rücken frei zu halten. Als Murot sich in der Unterkunft einquartierte, in der der Tote zuletzt wohnte, war er sofort von Pensionsbesitzerin Jana Maitner (Martina Gedeck) fasziniert, die ihn an die verflossene Lilly erinnerte. Bei ihrer ersten Begegnung kam ihm jedoch seine Krankheit in die Quere: “Felix, ich bin es, Lilly”, sprach das Geschwür zu ihm, begleitet von Flashback-Sequenzen in Sepiatönen, die allzu real an die RAF-Attentate erinnern. Sie machten klar: Die Besetzung Gedeck war kein Zufall – der Jubiläumsermittler befand sich mitten in einer RAF-Geschichte. Murot hingegen sah noch nicht ganz klar und tappte weiterhin durch Hessens mystisch-neblige Seelandschaft.

Verschwörung im Schnelldurchlauf

In der zweiten Hälfte legte der Film dann gehörig an Tempo zu: Der Ermordete, ein Journalist und ehemaliger RAF-Sympathisant, hüteten Informationen über ein Attentat der Gruppe, das nie aufgeklärt wurde. Mit ihm in Kontakt stand Kirsten Vegener (Fritzi Haberlandt), die ihren an den Rollstuhl gefesselten Vater – den Chauffeur des Attentat-Opfers – rächen wollte. Murot wühlte tief in der Vergangenheit und fand heraus, dass auch Pensionsbesitzerin Maitner sowie sein ehemaliger Chef Paul Kraft (Vadim Glowna) in die damaligen Geschehnisse verwickelt waren. Doch bevor es dem Zuschauer gelang, die Verschwörung final zu durchschauen, nahm die Geschichte eine fatale Wendung.

Diesig, neblig, pathetisch – Murots “Tumorfall” bildete einen rührseelig eingefärbten Auftakt einer neuen Tatortreihe.

Diskutiert mit: Wie fandet ihr den gestrigen Tatort: Wie einst Lilly?

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