Tote Mädchen lügen nicht - "Gut gemeint" ist das Gegenteil von "gut"

Tote Mädchen lügen nicht
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Tote Mädchen lügen nicht
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Jenny von T Jennifer Ullrich
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You want it darker, we kill the flame.

Die Netflix-Produktion Tote Mädchen lügen nicht war 2017 zweifellos die umstrittenste Serie des Jahres. Schonungslos widmeten sich die Macher dem fiktiven tragischen Schicksal der Highschool-Schülerin Hannah Baker (Katherine Langford), die vor ihrem in Folge 13 drastisch bebilderten Suizid 7 Kassetten besprochen hat. Kassetten, auf denen sich die Teenagerin ihren ganzen Kummer von der Seele redet. Gerichtet sind sie jeweils an eine bestimmte Person, die von Hannah auf diese Weise für vorangegangenes Fehlverhalten zur Rechenschaft gezogen wird. Ob diese Dramaturgie wiederum ein angemessener Ansatz ist, um Themen wie Mobbing, Gewalt, Verantwortung und zu guter Letzt auch psychische Erkrankungen wie Depressionen zu verhandeln, beschäftigt Kritiker, Eltern, Lehrer sowie Ärzte seitdem unentwegt. Nun steht uns die 2. Staffel von Tote Mädchen lügen nicht ins Haus und wir dürfen, sollten, müssen weiter diskutieren. Schließlich besteht die Gefahr, dass sich die Macher um Schöpfer Brian Yorkey an ihrem heißen Eisen abermals schmerzlich die Finger verbrennen.

Im Verlauf von 13 Reasons Why - so der Originaltitel des Netflix-Hits - erfahren wir, warum genau Hannah sich das Leben nahm, wobei die Erzählung in ein strenges Korsett gepresst ist. In jeder Episode nämlich rückt eine Kassette in den Vordergrund, jedes Mal wird eine andere Person von der Protagonistin angeklagt. Eine mögliche späte Reue der Adressierten kann nicht weit führen, denn die Tapes gehen erst nach Hannahs Suizid durch die Reihen. Hierüber findet die Serie zu einem Fatalismus, welcher ganz und gar auf der Eitelkeit seines weiblichen Hauptcharakters gründet. Hannahs Selbstbild entspricht dem einer Richterin, die über alles die Wahrheit zu wissen glaubt, was für einen Mensch ihres Alters wahrscheinlich gar nicht einmal ungewöhnlich ist. Hinterfragt werden die altkluge Protagonistin und ihr Handeln von den Autoren allerdings zu wenig. Im Gegenteil beschwören die Macher am Ende eine Katharsis: Über die Kassetten in Verbindung mit dem Suizid erteilt Hannah den Verbliebenen eine heftige Lektion. In Wahrheit jedoch hat Selbstmord denkbar wenig mit Rache zu tun. Genauer gesagt überhaupt nichts. Nie führt er zu einem Ziel.

Ein Tappen im Minenfeld

Die 13 Folgen von Tote Mädchen lügen nicht zeichnen ein düsteres Bild vom Alltag an der Liberty High, also jener Schule, die Hannah und die anderen Jugendlichen besuchen: Hänseleien, Erniedrigungen, kleine wie große Grabenkämpfe gehören dazu und nehmen auf Partys weiter ihren Lauf. Wie wir zur Kenntnis nehmen müssen, wird Hannah hintergangen, vergewaltigt und in ihrer Not schließlich nicht einmal beachtet. Aber obwohl die Serie vor Drastik nicht zurückschreckt, bleibt sie ihrer zentralen Figur letztlich doch erschreckend fern und versäumt es, all das zu vermitteln, was über pubertäre Befindlichkeiten hinaus reicht. Dass Hannah an einer tiefen Depression leiden muss, wird durch ihren Kassetten-Feldzug buchstäblich überspielt und damit erweist die Serie all jenen, die tatsächlich von dieser psychischen Störung betroffen sind, einen Bärendienst. Zu meiner Teenagerzeit galt es oft als Schrei nach Aufmerksamkeit, wenn junge Leute sich mit Rasierklingen verletzten. Nun formen sich neue Stigmata, denn nach Tote Mädchen lügen nicht müssen Teenager womöglich Angst haben, von potentiellen Freunden gemieden zu werden, weil diese fürchten, irgendwann ein Tape (oder etwas ähnliches) gewidmet zu bekommen.

"Willkommen zu deiner Kassette". Mit diesen Worten beginnen stets Hannah Bakers auditive Abrechnungen. Nicht umsonst erinnert die Formulierung an den Auftakt einer Zirkusshow, denn Tote Mädchen sucht das Spektakel. Wenn die Serie zeigt, wie das Mädchen sich in der Badewanne die Pulsadern aufschneidet, dann ist das nicht unbedingt wegen der gezeigten schonungslosen Bilder, sehr wohl aber aufgrund des dramaturgischen Stellenwerts der Szene verwerflich. Dass Hannah tot ist, wird bereits in Folge 1 vermittelt, zu sehen bekommen wir ihren Suizid hingegen "erst" in Folge 13 als zweifelhaften Höhepunkt der ganzen Geschichte. Keineswegs fehlen darf für den melodramatischen Effekt außerdem die verhinderte Liebe Hannahs zu ihrem besten Freund Clay Jensen (Dylan Minnette), besiegelt durch einen melancholisch-romantischen Tanz zu The Night We Met.

Hilfe ist keine Utopie

Tote Mädchen lügen nicht möchte die Aufmerksamkeit des Publikums auf ein wichtiges Thema lenken, das lange totgeschwiegen wurde, der Preis dafür ist allerdings sehr hoch. Speziell mit ihrer Darstellung der erwachsenen Figuren tun sich die Macher keinen Gefallen, stolpern in ihrem noblen Anliegen sogar über die eigenen Füße. Sowohl Eltern als auch Vertrauenslehrer nämlich sind in der Serie ignorant bis heillos überfordert mit den Problemen der Teenager, wodurch dem jungen Publikum suggeriert wird, dass in schwierigen Lebenssituationen keinerlei Hoffnung darauf besteht, psychologische Hilfe zu erhalten. Das ist aber selbstverständlich falsch. Es mag freilich zur Romantisierung von Hannahs Selbstmord beitragen, dass die älteren Bezugspersonen erst viel zu spät Anteil an ihren Sorgen nehmen, doch es vermittelt auch einen ebenso irrtümlichen wie gefährlichen Eindruck von Aussichtslosigkeit.

Für Tote Mädchen lügen nicht spricht, dass die Serie überhaupt ein Tabuthema ans Licht bringt, das "wie" aber ist dabei fast genauso entscheidend - gerade in Zeiten, in denen beispielsweise das Bundesland Bayern sich anschickt, psychisch Kranke künftig wie Strafttäter zu behandeln. Denke ich an Hannah Baker, sehe ich ein von sich eingenommenes Mädchen, das mit dem Finger auf andere zeigt. Die destruktiven Gedanken von Depressiven indes sind immer gegen die eigene Person gerichtet. Nichts könnte solch einer Person regelmäßig ferner liegen als ein Rachemanöver fürs Ego, dessen "Erfolg" ohnehin niemals eintritt. In der 2. Staffel von Tote Mädchen lügen nicht werden Hannahs Tapes durch Polaroids ersetzt, was ich wahrscheinlich erst fassen kann, wenn ich es sehe. Getreu dem Motto "The Show Must Go On" geht die bedenkliche Vorstellung nun also in ihre zweite Runde. Für Netflix gilt besagte Devise offenbar bis über den Tod hinaus.

Wenn ihr euch von der Thematik betroffen fühlt, kontaktiert umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110-111 oder 0800-1110-222 erhaltet ihr Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus scheinbar aussichtslosen Situationen aufzeigen konnten.

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