Tief in David Lynchs Kaninchenbau

16.11.2013 - 08:50 UhrVor 10 Jahren aktualisiert
Tief in David Lynchs Kaninchenbau.
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Tief in David Lynchs Kaninchenbau.
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Skurril geht es heute im Kommentar der Woche zu, wenn drei Menschen in Hasenkostümen in einem dunklen Raum “lynchian” mümmeln.

Im Kommentar der Woche versuchen wir jede Woche, einen der zahlreichen Kommentare zu feiern, die ihr aus eurem Hut zaubert, egal ob groß oder klein, hakenschlagend oder scheu, zu einer Person oder einem Film, zu einer Serie oder einer News – die Voraussetzungen für den Kommentar der Woche kann theoretisch jeder Kommentar im moviepilot-Bau erfüllen. Wenn euch ein besonders toller Kommentar vor die Flinte gekommen ist, dann schlagt ihn uns vor! Am besten per Nachricht.

Der Kommentar der Woche
David Lynch versteht Rabbits als Sitcom aus neun kurzen Episoden – und wenn dazu jemand etwas zu sagen hat, dann kann das nur SKURRIL sein – vielleicht steckt in jeder Angst ein Funken Wahrheit, und vielleicht ist dieses Werk genau der filmische “Harvey”, der sich hinter euch stellen sollte:


„And then, there it was.“
„No, nothing.“
„Well then, it must be very dark“
„It was the man in the green coat“
„I wonder who i will be“

Inkohärenz, verschobene Synchronisation und Chronologie. David Lynchs „Rabbits“ ist eine neunteilige Antisitcom der befremdlichsten Art. Drei Hasen (Jack, Suzie und Jane) spielen in einer suggerierten Live-TV Show unter Gelächter, Applaus und Angst vor dem Unbekannten. Jegliche Kommunikation schlägt fehl, nur das gemeinsame Verharren in starrer Position vermag den Dreien verhelfen, aus der unglaublichen Atmosphäre zu entkommen, die ihr ebenso starrer Raum mit der obligatorischen Lynch-Lampe und der roten Couch im Zusammenspiel mit dem einmal mehr genialen Angelo Badalamenti erzeugt. Die irrealen Dialoge sind keine, sie täuschen eine gesellschaftliche Homogenität vor, die das sardonisch jubelnde Publikum erfrischt und den Zuschauer kalt erwischt. Die Helden, sie werden bei Erscheinen applaudiert, leben in einer schwachsinnigen Monotonie kreisender Neophilie und -phobie. Sie schauen sich einander an, sprechen dabei mit sich selbst über eine unbekannte Bedrohung und ohne, dass eine Konsequenz aus irgendeiner Aktion entsteht, lässt Lynch nur eines evolvieren: Ratlosigkeit. Eine Ratlosigkeit, die der Zuschauer mit den mysteriösen Hasen teilt, eine Ratlosigkeit, so ratlos und spannend, dass er sich nicht von der gespielten Wirklichkeit abwenden kann. Das Fehlen jeglicher Kontinuität ermöglicht einem kaum, das Gesehene zu reflektieren. Trotz dieser Diskontinuität ist ein Muster zu erkennen. Jeder der Drei bekommt eine eigene Episode gewidmet, in der er allein die Realität in einem langen, traumartigen Monolog zu beschreiben versucht. „Something is wrong! The dark crawls. Light blows out. Dark smiling teeth.“ sagt bzw. singt ein jeder zu Beginn. Währenddessen brennt an der Wand ein Feuer, eine vermutlich mächtige Instanz, die in anderer Form immer wieder kehrt. Die unnachahmliche Erzeugung dieses Befremden frisst sich weiter durch alle Episoden, hört nicht auf und erreicht in jenem absurden Moment, als ein ohrenbetäubendes Telefonläuten die vermeintliche Stille unterbricht, sein Maximum, was zugleich ein Minimum ist. Minimum, da die Last der beunruhigenden Stille endlich verfällt und die Hoffnung auf eine stringente Lösung, eine dramatische Konsequenz, eine nachvollziehbare Aktion besteht. Um den Zuschauer das noch munter unter die Nase zu reiben und ihn mit angesprochener, zweifelhaften Hoffnung zu füttern unterstreicht Lynch sein Genie mit einem absoluten Bruch in der Bildsprache: Alle Sequenzen spielten sich in einer unbewegten Totale ab, doch plötzlich wird das Telefon in einer Naheinstellung gezeigt – die Spannung ist kaum auszuhalten! Wie einfach der Mensch zu manipulieren und verwirren ist, wie leicht und naiv er alles glaubt, was ihm als real erscheint, das ist Lynchs Intention dieses Meisterwerks. Vielleicht steckt in jeder Angst ein Funken Wahrheit und wenn Jack Suzie und Jane erzählt, „I need to tell you something!“, ohne es zu tun, ist vielleicht dieses unbekannte Geheimnis der Auslöser aller Angst.

Den Kommentar findet ihr übrigens hier.

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