Jonas verabschiedet sich

TheNarrator erzählt euch die Geschichte eines Praktikums

Ein wissend grinsender Christian Bale in American Psycho
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"Alles ist in Bewegung, um zu leben genügt es vorwärts zu gehen, gerade aus zu gehen, auf alles zu, das man liebt" (Alphaville)

Um die üblichen Phrasen zu vermeiden und mich wieder etwas von den angeteaserten Wortspielen zu lösen, will ich die Drogenmetapher aus meinem Vorstellungstext aufgreifen, um euch zu schildern, wie schnell für mich die drei Monate vergingen. Ich verbrachte während meines Praktikums nicht nur die Abende auf der Droge meiner Wahl, dem Film, sondern war auch den ganzen Tag über schon in einer anderen Welt. In dieser verging die Zeit wie im Rausch und die Übergänge von Tag zu Tag, von Woche zu Woche und von Monat zu Monat verschwommen vollkommen.

Während ich mich nun am Ende insgeheim auf der Suche nach der verlorenen Zeit befinde, die ich nur aufgrund des proustschen Wortspieles als "verloren" bezeichne, scheint heute ein wenig der Tag der Abrechnung gekommen zu sein. Aber die Redaktion muss sich nicht schon bereit für den Sprung in den Tod auf das Kap der Angst machen, denn auch, wenn ich gefühlt die eine oder andere Walking Dead-News zu viel geschrieben habe, bin ich noch nicht zum Schreiberlings-Zombie mutiert und euch steht deshalb nicht die Nacht der lebenden Toten bevor. Denn mir ist klar, dass ich durch mein Journalismus-Praktikum in gewisser Weise an "einem internationalen Studentenwettbewerb Teil [genommen] habe, wobei der, der die meisten Zeitschriften verkauft, gewinnt", da es ja kein Geheimnis ist, dass der Online-Journalismus von Klicks lebt.

Zuallererst möchte ich mich bei allen Transformers-Fans dafür entschuldigen, dass ich in jedem meiner Artikel über das Spielzeug-Franchise mehr oder weniger subtil einen kritischen Gedanken eingebracht habe. Es war mir einfach eine persönliche Herzensangelegenheit, gegen die künstliche Aufgeblasenheit des modernen Blockbuster-Kinos konspirativ zu mobilisieren. Und da mir klar ist, dass dies hier eine Rechtfertigung und keine Entschuldigung darstellt, möchte ich den Fans der Action-Orgien möglicherweise Genugtuung verschaffen, indem ich ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudere und erzähle, wie meinem aufbegehrenden Treiben gekontert wurde.

Denn Hendrik, der die meisten meiner aufsässigen Transformers-Artikel Korrektur gelesen hat, hat sich ebenfalls einen kleinen Scherz mit mir erlaubt. Er hat mir bei der offiziellen Verabschiedung in der Webedia-Küche neben einer exzellenten Sammlung von Texten des Filmkritikers Michael Althen den wohl schlechtesten aller Transfomers-Teile, der passenderweise den Titel Die Rache trägt, im Namen der Redaktion übergeben. Und da stand ich dann vor Überraschung sprachlos inmitten der versammelten moviepilot-Gemeinschaft. Die verschlang nicht nur hungrig von einem harten Arbeitstag im nun sehr sonnigen Berlin Roberts leckere Star Wars-Cupcakes, sondern richtete ebenso ihre Augen auf mich, und ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wie ich diesem heimtückischen Racheakt entgegnen sollte.

Stunden später habe ich dann aus der Not eine Tugend gemacht und nach dem letzten gemeinsamen Werwolf-Spieleabend mit einigen meiner hartgesotten Kollegen Michael Bays Action-Wunderwerk im firmeneigenen Kino angesehen. Doch zum Wundern, oder, um es klarer herauszustellen, wunderlich war insbesondere die unsäglich lange Schlacht in der Wüste am Ende des Filmes. Wenn ich die gefühlt stundenlange Szene als Ende bezeichnen muss, dann vielleicht eher an Godard angelehnt als das Ende des Kinos. Denn wie nach dessen Weekend wurde ich diesmal nicht mit dem Abbild einer Welt ohne Perspektive, sondern nach all dem, was mich am modernen Blockbuster-Kino stört, zurückgelassen, und fühlte mich dadurch in meinen subversiven Akten bestätigt.

Von Michael Bays filmischer Blähung fühlte ich mich sehr an Serge Gainsbourgs einzigen Roman erinnert, indem ein erfolgloser Künstler beschließt, seine Flatulenzen zu nutzen, um Kunstwerke, sogenannte Gasogramme, zu vollbringen. Vielleicht sollte sich der ein oder andere Regisseur und Produzent in Hollywood mal die bösartige Abrechnung mit dem Kunstbetrieb des französischen Ausnahmekünstlers vor seinem nächsten Film zu Gemüte führen, um danach seinen Gesäßhusten andersartig zu kanalisieren. Aber um weg von unangenehmen Darmwinden zu kommen, will ich mich noch einmal auf den schmalen Grat der Drogenmetaphern begeben, die mir irgendwie nicht mehr aus dem Kopf wollen.

Für Transformers 2 wurden 200 Millionen ausgegeben, die das Kino in meinen Augen in keinerlei Hinsicht bereichert haben. Solche einfallslosen Einheitsbrei-Blockbuster sind meiner Ansicht nach, überspitzt gesagt, eine modernes Art "Opium fürs Volk". Darunter fallen für mich Filme, die den Zuschauer kurzfristig aus dem um sich selbst drehenden Alltagskreisel erlösen, indem sie basierend auf einer unendlichen Vervielfältigung von erprobten Erfolgsrezepten ohne jeglichen Inhalt oder gar Anspruch unterhalten. Sie lullen ihn beispielsweise ein, indem deren liebenswerte Helden Katzen oder metaphorische Katzen retten und verderben dem Betrachter im schlimmsten Fall den Appetit auf die eigentliche Kunst des Filmemachens.

Diese kristallisiert sich am stärksten bei dessen Gegenstück heraus. Nämlich Filme, die ich, und hier begebe ich mich immer mehr auf metaphorisches Glatteis, als "Kokain für das Individuum" bezeichne. Darunter fallen für mich Filme, die aufrütteln, indem sie sich inhaltlich und stilistisch etwas Neues trauen. Sie brechen aus den gewohnten Schemata des Blockbuster-Kinos aus und schaffen etwas, das man nicht bereits in unzähligen anderen Filmen gesehen hat. Über diese Art von Film habe ich deshalb auch leidenschaftlich gerne mein Herz für Klassiker ausgeschüttet, als ich über Isabelle Adjanis Wahnsinns-Darstellung in Possession oder Leos Carax surreales Meisterwerk Die Nacht ist jung geschrieben habe. Ich war froh, von den fast täglichen Marvel-News wegzukommen, als ich mich genauer mit der Arbeit von herausragenden Regisseuren wie Brian De Palma, Xavier Dolan und Terrence Malick beschäftigen durfte.

Zum Schluss meines letzten Textes möchte ich mich noch bei einigen Leuten bedanken. Bei Ines, die mir überhaupt erst die Möglichkeit zu diesem wundervollen Praktikum verschafft hat, bei meinen anfänglichen Mitpraktikanten Benjamin und Adrian, die mir erklärt haben, wie der Hase läuft. Bei deren Nachfolgern Philipp und Felix, mit denen ich nicht nur angeregte Diskussionen in der Mittagspause, sondern auch nach einigen Kinobesuchen hatte. Zudem insbesondere bei Christoph, den ich mit unzähligen Fragen gelöchert habe, und bei Hendrik, Andrea und Jenny für ihr fachkundiges Feedback, das mir und meinen Texten wirklich sehr weitergeholfen hat. Da ich imaginär schon den anklingenden Oscar-Dankesreden-Überspieler höre, der immer lauter wird, bis er mich endgültig übertönt, bleibt leider keine Zeit mehr, herauszustellen, warum und wofür ich den vielen lieben Menschen vom Content-Team dankbar bin. Stattdessen will ich mich, bevor ich endgültig überspielt werde, noch schnell bei euch allen, hiermit auch ausdrücklich bei der Community, verabschieden.

Sage niemals 'Auf Wiedersehen', denn 'Auf Wiedersehen' bedeutet Weggehen. Weggehen bedeutet Verlassen. Und Verlassen bedeutet Vergessen.

Da ich es mit Peter Pan halte, werde ich mich hüten "Auf Wiedersehen" zu sagen und euch stattdessen mit der Schlussszene eines meiner Lieblingsfilme aus diesem Text entlassen. Das Lied passt perfekt zu meinem Abschied.


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