The Handmaid's Tale versorgt euch in Staffel 2 mit Lannister-Vibes

Lena Headey in Game of Thrones und Yvonne Strahovski in The Handmaid's Tale
© HBO/Hulu
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Die Hulu-Produktion The Handmaid's Tale war 2017 die Serien-Überraschung schlechthin, was sich in zahlreichen Auszeichnungen mit prestigeträchtigen Preisen manifestierte. Bereits in diesem Frühjahr wurde das US-Publikum mit neuen Folgen versorgt, die nun auch hierzulande bei dem Telekom-Service EntertainTV Premiere feiern. Ein Erfolgsgeheimnis von The Handmaid's Tale ist sicherlich, dass die Autoren mit ihrer Geschichte rund um Frauen, die entweder als Gebärmaschinen oder Zwangsarbeiterinnen kollektiv zu Objekten degradiert werden, einen zeitgeistigen Nerv treffen. Das sogar umso mehr, seit sich im Herbst 2017 die #MeToo-Bewegung formierte. Vor Drastik und Gewalt schreckt die Serie ebenso wenig zurück, weshalb darüber hinaus ein Vergleich mit dem großen Emmy-Favorit Game of Thrones gar nicht allzu fern liegt. Die Figur der von Yvonne Strahovski verkörperten ehemaligen Polit-Aktivistin Serena Joy (nein, ihr Nachname ist in The Handmaid's Tale nicht Programm) kann dafür ohne weiteres exemplarisch herangezogen werden.

Die Abgründe der Serena Joy in The Handmaid's Tale

Achtung, Spoiler zu Handmaid's Tale: Serena Joy und ihr Ehemann Fred Waterford (Joseph Fiennes) wurden in The Handmaid's Tale frühzeitig als Antagonisten etabliert. June (Elisabeth Moss), die Hauptfigur der Serie, ist dem einflussreichen Paar zugeteilt und soll für die beiden schwanger werden und ein Kind austragen. In einer Zukunft, in der die meisten Frauen unfruchtbar (geworden) sind, kann sie dies als eine von nur noch wenigen bewerkstelligen. Die Erhaltung unserer Spezies steht in der dystopischen Republik Gilead an erster Stelle, was sich im konkreten Fall mit der Selbstbestimmung des weiblichen Geschlechts nicht verträgt. Vielsagend heißt June hier in Anlehnung an den Vornamen des Hausherren Offred. Für Serena wiederum geht es mehr als um Arterhaltung. Sie wünscht sich seit jeher Nachwuchs, vor Jahren jedoch wurde ihr Traum von leiblichen Kindern jäh zerschlagen. Nun geht sie über Leichen, um ihr Ziel auf Umwegen zu erreichen. Da sie zu den Machthabenden gehört, stehen ihr die nötigen Türen offen. Und tatsächlich wurde June in Staffel 1 schwanger. Serenas (vor)mütterliche Besessenheit kennt keine Grenzen, ähnlich verhält es sich mit ihrem Geschick im taktischen Kräftemessen. Kurzum: In ihr hat The Handmaid's Tale seine eigene Cersei Lannister gefunden.

In Staffel 2 dürfen die Nebencharaktere von The Handmaid's Tale mehr Raum einnehmen, was der Serie nur zugute kommt. June kämpft weiterhin für ihre Freiheit und zusätzlich nunmehr auch für die ihres ungeborenen Kindes, mit dem sie nach der Entbindung von Gesetzes wegen nicht mehr viel zu tun haben darf. Das Baby gehört automatisch zur Familie Waterford. Allerdings muss June erst die Hürde Serena überwinden und das ist alles andere als leicht. Am Spannendsten wird es immer dann, wenn es zu trügerischen Annäherungen zwischen den weiblichen Figuren kommt. Tut June, was ihr befohlen wird, ist Serena zu kleinen Zugeständnissen bereit, doch der Versuch, sich durch äußeren Gehorsam das Vertrauen ihrer Herrin zu erschleichen (um dieses dann auszunutzen), kann nur in einer Sackgasse enden. Durchschaut Serena ihr Gegenüber nämlich - und das tut sie ziemlich oft - erweist sie sich regelmäßig als Meisterin in Sachen psychologischer Kriegsführung. Sie kennt Junes Absichten und weiß daher auch, mit welchen Mitteln sie die willensstarke Frau für ihre Zwecke manipulieren kann. Auf diese Weise führt sie die alte Methode von Zuckerbrot und Peitsche zur vollendeten Perversion, wobei sie auf den Zuschauer eine kalte Faszination ausübt.

In The Handmaid's Tale frisst das System Gilead seine eigenen Kinder

Indes ist in Staffel 2 von The Handmaid's Tale nicht mehr nur die Beziehung zwischen Serena und June von offenen Spannungen geprägt. Erstmals erhält auch die Ehe Joy/Waterford deutliche Risse. In den neuen Folgen bekommt Serena die Gelegenheit, politische Geschicke zu lenken, was (nicht nur im Privaten) tragischerweise wie ein Boomerang auf sie selbst zurückfällt. Kaum etwas könnte bezeichnender sein für Gileads totalitäres, zutiefst destruktives System, in dem sogar die Privilegierten nicht vor grausamen Repressionen gefeit sind. Einst halfen Serena und Fred, diesen Terror-Staat mit aufzubauen, jetzt können sie jederzeit von ihrer eigenen Kreation verschluckt werden. Hier stoßen sogar jene an ihre Grenzen, die mit allen Wassern gewaschen sind.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Serena ist kein Monster in Menschengestalt. Sie ist fähig, Empathie zu empfinden und das ebenfalls über das in The Handmaid's Tale komplex ausgearbeitete Motiv der Mutterschaft. Zwar lässt sich durchaus kritisieren, dass auch "freie" Frauen wie Serena in dieser eigentlich sehr emanzipatorischen Serie ausgerechnet über derartige traditionelle Rollenbilder definiert werden, der Effektivität der Figur erweist es letztlich aber einen immensen Dienst. Bei allen Abgründen, in die das Publikum von The Handmaid's Tale regelmäßig kopfüber hineinstürzen darf und muss, wäre es fatal, mit Menschlichkeit vollends zu geizen, woher auch immer sie im Einzelfall kommt. Dafür wirken insbesondere die Rückblenden, welche im Hier und Jetzt spielen, viel zu real. Nichts könnte mehr schaden, als den Glauben an das Gute in uns verlieren.

Die 13 Folgen der 2. Staffel von The Handmaid's Tale stehen seit dem 02.08.2018 in deutscher und englischer Fassung bei EntertainTV als Stream zum Abruf bereit.

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