Tatort Kritik

Tatort - Eine Handvoll Paradies im Saarland

07.04.2013 - 21:45 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Je weniger wir an das Drehbuch denken desto besser.
© SR/ARD
Je weniger wir an das Drehbuch denken desto besser.
Tatort – Eine Handvoll Paradies ist keine Katastrophe, aber wesentlich Besseres lässt sich nicht über den neuen Fall aus dem Saarland sagen.

Vor Tatort: Melinda und Tatort: Eine Handvoll Paradies war Devid Striesow einer meiner Lieblingsschauspieler aus deutschen Gefilden. Diese Haltung mit nur zwei Filmen in ihr Gegenteil zu verkehren, ist einer der wenig erfreulichen Verdienste des neuen saarländischen Tatort -Teams. Vor diesen beiden Krimis hegte ich außerdem eine leichte Abneigung gegen die Münsteraner Blödel-Könige, aber auch diese Einschätzung muss revidiert werden. Nach Tatort – Eine Handvoll Paradies sollte jeder der routinierten Pointen-Schmiede von Thiel und Boerne Respekt zollen. Für selbstverständlich nehme ich die komödiantische Chemie der Darsteller in diesen Krimis jedenfalls nicht mehr. Das ist der kleine Funke Licht am Ende des dunklen, unlustigen Tunnels aus dem Saarland.

Lokalkolorit: Wie in Tatort – Melinda beherrscht das fröhliche Gemüt Jens Stellbrinks die Kulisse seines zweiten Einsatzes. Wenn am Konzept des saarländischen Tatorts etwas als gelungen bezeichnet werden kann, ist es der pralle Sonnenschein, der auf heruntergekommene Straßenzüge trifft; ein ästhetischer Kniff, der die Figurenkonstellation widerspiegelt. Stellbrinks Naivität, sein kindlicher Optimismus bringen ihm die Außenseiterrolle ein in einem Job, der sich mit den abschreckenden Tendenzen menschlichen Zusammenlebens befasst. Benähmen sich weniger Figuren in diesem Tatort wie hyperaktive Karikaturen, sondern ähnlich zurückgenommen und humorresistent wie die wieder einmal als einzige überzeugende Elisabeth Brück als Lisa Marx, dann fiele der saarländische Ulk vielleicht erträglicher aus.

Plot: Fällt einem nichts mehr ein, dann hält eben eine Rockerbande als Aufhänger für einen Krimi her. Die sind seit einer Weile en vogue bei den Sonntagskrimis, doch Tatort – Eine Handvoll Paradies holt am wenigsten aus ihnen heraus. Ein Rocker wird tot am Straßenrand gefunden. Was nach einem Bandenkrieg aussieht, entpuppt sich als Ergebnis einer verbotenen Liebe zwischen einem “Dark Dog”, so der Titel der lächerlichen, aber nicht witzigen Gruppe, und einer Transsexuellen. In einem Tatort, der Figuren nicht nur als Ansammlung von Ticks und hölzern vorgetragenen Dialogzeilen betrachtet, hätte dieser Twist womöglich irgendeine emotionale Reaktion ausgelöst. Die Was wäre, wenn -Szenarien beim neuen Saarland-Krimi sind aber leider unerschöpflich…

Unterhaltung: Es mag Zuschauer geben, die Devid Striesows übertriebenes Gekicher belustigt, welche, die über die Fremdscham-Traumsequenz im Schwimmbad schmunzeln und nicht vor der dreisten Abwesenheit gelungener Komik in diesem Krimi zusammenzucken. Gehört man nicht zu den Glücklichen, dann sind die sich knapp 90 Minuten hinziehenden, stumpfsinnigen und ins Leere zielenden Attacken auf die Lachmuskeln des Zuschauers in etwa so unterhaltsam wie eine Operation am offenen Gehirn… oder die Migräne beim Babysitten eines kreischenden Kleinkinds … oder ein Zahnarzt, der mit einem rostigen Nagel in einer entzündeten Mundhöhle herumstochert.

Tiefgang: Konnte Tatort – Melinda als Fehltritt eines neuen Teams entschuldigt werden, das sich selbst sucht, gibt Eine Handvoll Paradies klar vor, in welche Richtung die Reise der Saarländer geht. Inspiriert vom Erfolg der Münsteraner wurde die Fernsehwelt um einen weiteren Spaß-Tatort bereichert. Nur stimmen die Variablen nicht, um die Rechnung aufgehen zu lassen. Was Striesow in anderen Rollen eine latente Bedrohlichkeit verleiht, gerät ihm hier zum Nachteil. Zu undurchdringlich ist er, um wie ein Axel Prahl oder Jan Josef Liefers automatisch Sympathiepunkte einzufahren, weshalb die Toleranzschwelle für die schrulligen Ausfälle seines Kommissars in Windeseile sinkt. Es hilft nicht, dass er, mit Ausnahme von Elisabeth Brück, von Schauspielern umgeben ist, die sich in der Überbetonung von Pointen toppen, welche gar nicht vorhanden sind. Es sei allerdings angemerkt, dass Sandra Steinbachs Staatsanwältin Dubois weniger irritiert als in Tatort – Melinda, was nicht bedeutet, dass ihre platt geschriebene Anti-Figur in irgendeinem Krimi-Universum eine Existenzberechtigung hätte.

Mord des Sonntags: Als würde sich in diesem Krimi irgendjemand für einen Mord interessieren…

Zitat des Sonntags: “Meine Behinderung sieht man wenigstens.”

Nicht so schlimm wie Tatort – Melinda, aber immer noch ziemlich schlecht war dieser Saarland-Fall oder konnte er euch überzeugen?

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