Wie ist der Tatort heute?

Tatort: Ein Krimi-Griesgram sagt Adieu

Tatort: Das Haus am Ende der Straße
© ARD/HR
Tatort: Das Haus am Ende der Straße

Am Ende von Tatort: Eine bessere Welt landete Frank Steier (Joachim Król) mit einer Stichwunde im Krankenhaus. Es war sein erster TV-Einsatz. Steier hatte da schon ein Polizistenleben hinter sich und wie er in Tatort: Der Tote im Nachtzug, frisch aus der Reha, betäubt durch die Gegend schlurfte, wurde man den Eindruck nicht los, die Krimis von Lars Kraume würden ihn auf seinem letzten Gang begleiten, als wäre das Leben nach dem Messer im Bauch eines auf Pump und Conny Mey (Nina Kunzendorf) die personifizierte Herzmassage. Im neuen Tatort aus Frankfurt ist Mey nicht zugegen, um Steier die Hand zu halten, und Lars Kraume hat sich ebenfalls längst vom einst besten Team der Krimi-Nation verabschiedet.

In Tatort: Das Haus am Ende der Straße ist Frank Steier ein Wrack. Mit astronomischem Alkohol-Wert im Blut geht der Kommissar die Befragung eines Zeugen an und es kommt zur Katastrophe. Ein Kind stirbt, der Täter kann nicht belangt werden, Steier reicht die Kündigung ein. Also zwingen ihn die beiden Autoren Erol Yesilkaya und Michael Proehl in einen letzten Kampf, nicht um seine Seele, nicht um die eines anderen, es geht um alles, es geht um den Film. Rolf Poller (Armin Rohde) gibt den Steier-Doppelgänger, ein Ex-Polizist, der seinen Sohn an Drogen verlor und in einem jungen Mann die Chance zur Erlösung sieht. Poller wird Zeuge eines Einbruchs in der Fifty Shades-Gedächtnis-Villa nebenan und über den Umweg eines Home Invasion-Thrillers nimmt diese zweite Hauptfigur Ganove Robin (Vincent Krüger), seine drogenabhängige Freundin Lisa (Janina Schauer), seinen Bruder Nico (Maik Rogge) und Steier gefangen. Letzterer hatte Wind von dem geplanten Einbruch bekommen, gerade als er Nico eine Kugel in den Kopf jagen wollte. Es folgen Psychospielchen, als Poller die vier Gefangenen gegeneinander ausspielt, ganz vernarrt in den Gedanken, Robin das zuteil werden zu lassen, was er selbst seinem Sohn vorenthielt: Vergebung.

In seinem letzten Film-Einsatz muss Frank Steier um nichts weniger kämpfen als sein Recht Tatort-Kommissar zu sein, statt einer dieser abgehalfterten Cops, die vor langer Zeit vergessen haben, warum sie diesen Job machen. Poller gibt einen Steier aus der Zukunft und beide ringen in Tatort: Das Haus am Ende der Straße um die Kontrolle über ihr Leben und damit diesen Film. Zwar geht das alles auf ein paar idiotische Entscheidungen zurück, von denen zweifellos jedes Handbuch für Einbrecherkunde abraten würde. Gegen Ende vertraut das Drehbuch zudem so oft auf den selben dramaturgischen Kniff, dass man jede Figur zwingen will, erstmal die Kugeln im Lauf abzuzählen. Doch mit der Konstellation des doppelten Steiers und zwei fabelhaften Schauspielern wie Armin Rohde und Joachim Król gelingt diesem Krimi, woran der letzte Solo-Steier, Tatort: Der Eskimo, noch krankte: einen wirksamen Ersatz für das Energiebündel Conny Mey zu finden. Poller ist genau das nicht, also ein Energiebündel, dafür jedoch perfekte Reaktionsfläche für den kriselnden Kommissar mit Dauer-Kater.

Króls Spiel machte es Zuschauern schwer, mit diesem alkoholkranken Misanthropen mitzufiebern. Steier war kein gequältes Genie, das sich Sympathien über sarkastische oder politisch unkorrekte Kommentare erarbeitete. In seiner kompromisslosen Griesgrämigkeit bildete der Kommissar eine erfrischende Präsenz im Tatort-Land. Weder war sein Leben durch eine große Tragödie gezeichnet, noch wartete nach jedem gelösten Fall das Happy End am Imbissstand. Vielmehr hatte der Alltag selbst seinen Tribut gezollt und in Króls Darstellung von Frank Steier war jeder einzelne Tag im Dienst spürbar. In Tatort: Das Haus am Ende der Straße wartet nun endlich die Gelegenheit Steiers, sich mit dieser Last zu arrangieren.

Regisseur Sebastian Marka und Autor Erol Yesilkaya verantworten auch den ersten Krimi des neuen Frankurter Duos Margarita Broich und Wolfram Koch. Wir dürfen gespannt sein.

Mord des Sonntags: Zwei Löcher in der Wand.

Zitat des Sonntags: "Ich will wieder Held in meinem eigenen Film sein."

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Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
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