Wie ist der Tatort heute?

Tatort: Dicker als Wasser - Noch jemand wach?

Tatort: Dicker als Wasser
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Kann denn nicht mal einer an die Opfer denken? Im Tatort als erster zu sterben, heißt das Leben in der Marginalisierung zum Prinzip werden zu lassen. Klar, manchen Leichen werden Flashbacks maßgeschneidert, andere Gemeuchelte erhalten einen leidlich detaillierten Prolog und die ganz Glücklichen kehren unter mirakulösen Plot-Umständen ins Reich der Lebenden zurück. Im schlimmsten Fall - und Tatort: Dicker als Wasser ist ein verdammt schlimmer Fall - bleibt der Verblichene ganz der Vorstellung, also den Autoren und Ausstattern ausgeliefert. Im neuen Kölner Tatort sieht das dann so aus: Der Tote, Oliver Mohren, ist ein Club-Besitzer. Sein Club heißt Sax-Club. Mitten in seiner Wohnung steht ein Saxophon. Hinter dem Saxophon hängt das großformatige Gemälde eines Saxophons. An anderen Wänden der Wohnung (Schuss-Gegenschuss sei gedankt!) hängen zwei Poster: das eine für ein Jazzfest (nichts dran auszusetzen!), das andere eine Kollage aus Wörtern wie "Piano & Drums" (mittelgroß) und "Jazz" (riesengroß). Als die Wohnung zum ersten Mal betreten wird, hauchen ein paar Saxophon-Klänge über die Tonspur. Ein Jazzkonzert oder auch nur eine vierminütige Till Brönner-Einlage (keine zu hohen Ansprüche) hören wir in den knapp 90 Minuten allerdings nicht.

Nun ist das hier kein Gastbeitrag des Neuköllner Fanclubs von Jazzmusik in Sonntagabendkrimis (e.V.). Als symptomatisch für den lethargisch geschriebenen Tatort von Kaspar Heidelbach (Regie) und Norbert Ehry (Buch) stellt sich diese Form der Charakterisierung trotzdem heraus, denn viel greifbarer als die paar Großbuchstaben an der Wand wird so gut wie keine Figur in Dicker als Wasser. Selbst Freddys (Dietmar Bär) notdürftig hergeleitete Dirty Harry-Attitüde bei der Ermittlung in der Mordsache Mohren wirkt nur wie ein verzweifelter Versuch, die beiden Kommissare vor dem Tatort-Koma zu bewahren. Nur einmal läuft dieser Krimi Gefahr, seine Primetime-Platzierung zu rechtfertigen: Wenn Freddy beim bösartigen Ralf Trimborn (Armin Rohde) am Mittagstisch sitzt und sich inmitten von George Best-Zitaten so etwas wie ein Katz-und-Maus-Spiel ankündigt, das aber sogleich abgeblasen wird.

Stattdessen serviert uns das Kölner Team ein bisschen Gemotze und Gemobbe im Büro, gegen ein Nulllinien-Drehbuch chargierende Jungschauspieler und einen teuflischen Armin Rohde als einsames Highlight. Gewaltmensch Ralf Trimborn zwingt Familie und Freunde in seinen Bann und bis zu einem gewissen Punkt kann Rohde, der zuletzt im um einiges besseren Tatort: Das Haus am Ende der Straße beeindruckte, diese Figur durch seine bloße Präsenz glaubhaft machen. Doch leider entkommt auch er dem schrecklich träge inszenierten Klimax nicht, in dem die ungeheure Inkompetenz der Gesetzeshüter wenigstens für ein gewisses Unterhaltungspotenzial sorgt - ungewollt und viel zu spät.

Mord des Sonntags: 87,52 Minuten tote Zeit.

Zitat des Sonntags: "Ich würge meine Chefs nicht. Nicht während der Probezeit."

Was ist dicker: Blut oder Currywurstsoße?


Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
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