Mein Herz für Klassiker

Stummfilm-Highlight - Varieté & die entfesselte Kamera

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Chefredakteurin von Moviepilot, sozialisiert von Gerippchen Unsterblich, David Lynch und Kirk aus Stars Hollow. Einziges Redaktionsmitglied, welches Mathe mag. Wertet deshalb am liebsten Daten aus.

Mit unserem Filmerbe gehen wir leider nicht besonders sorgsam um. Es wäre schön, wenn wir in der Schule nicht nur von Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller, von Hans Magnus Enzensberger und Christa Wolf hören, sondern auch von F.W. Murnau und Fritz Lang, von Rainer Werner Fassbinder und Konrad Wolf etwas erfahren würden. Umso löblicher ist es, wenn Filmgeschichte digital aufbereitet wird und für eine jüngere Generationen überhaupt verfügbar ist. Die Murnau Stiftung hat sich eines Filmklassikers angenommen, der nicht nur in der Weimarer Republik Spuren hinterlassen hat. Es geht um Varieté (1925) von Ewald André Dupont, den wir euch in einer digital restaurierten Version - als DVD/Blu-ray erschienen - wärmstens an euer Klassiker-Herz legen wollen.

Die Geschichte des Films ist schnell erzählt: "Boß" Huller (Emil Jannings) war einst ein berühmter Trapezkünstler, ist aber nach einem Unfall zum Schaubudenbesitzer auf der Reeperbahn abgestiegen. Dann lernt er die Artistin Berta-Marie (Lya De Putti) kennen, in die er sich verliebt und für die er Frau und Kind verlässt. Huller wird "Fänger" und tritt zusammen mit Berta-Marie als Trapezkünstler auf. Aber Berta-Marie beginnt eine Affäre mit dem Artisten Artinelli (Warwick Ward). Als Boß davon erfährt, tötet er aus Eifersucht den Liebhaber und stellt sich danach der Polizei. Die Geschichte ist rückblickend erzählt, denn Boß erzählt sie seinem Gefängnisdirektor, da die Aussicht auf eine Begnadigung besteht.

Mehr: Variete bei edel:kultur

Die Story hört sich wie ein x-beliebiger, kitschiger Kolportage-Roman an. Die Vorlage ist auch einer; Felix Holländers "Der Eide des Stephan Huller" aus dem Jahre 1912 bildet die Grundlage für den Film. Aber das Filmteam (Kamera: Karl Freund und Carl Hoffmann) macht mittels der bewegten Kamera deutlich mehr daraus, weil sie sich der filmischen Bildsprache bewusst sind und sie überaus innovativ und konsequent einsetzen. Zu sehen sind schwindelerregende Kameraschwenks aus extremen Aufnahmewinkeln, die die Trapezkunst der Artisten zeigen und in den Spiegelwänden des Varietés reflektiert werden. Der Film wurde wegen seiner bewegten Kamera mit Lob überschüttet, fand sogar seinen Weg in die amerikanischen Kinos und wurde dort euphorisch aufgenommen. Siegfried Kraucauer schrieb damals: "Duponts Leistung bestand darin, dass er mit denselben filmischen Mitteln, wie man sie ursprünglich zur äußeren Sichtbarmachung einer Innenwelt verwendet hatte, jetzt auch der Außenwelt seines Films sichtbare Gestalt gab." (in: Von Caligari zu Hitler) Regisseur Ewald André Dupont drehte übrigens am Ort seiner fortwährenden Leidenschaft, dem Varieté, im Wintergarten in Berlin. Er hatte früher selbst - leider finanziell erfolglos - in Mannheim ein Varieté geleitet.

Der Erfolg brachte Ewald André Dupont nach Hollywood. Er erhielt einen Dreijahresvertrag bei der Universal. Aber Amerika war dem Künstler nicht gut gesonnen, nach einem Flop und verschiedenen Vorhaben, die sich nicht realisieren ließen, kehrte er bereits ein Jahr später nach Deutschland zurück. Auch die Hauptdarsteller Emil Jannings und Lya De Putti gingen nach Hollywood und starteten dort mehr oder minder erfolgreich ihre Karriere. Emil Jannings folgte dem Ruf der US-Film-Metropole 1926 und erhielt einen Dreijahresvertrag bei der Paramount. In den USA drehte er vier Filme, wobei er für seine Darstellung in Der Weg allen Fleisches (1927) und Der letzte Befehl (1928) mit dem ersten Oscar der Filmgeschichte ausgezeichnet wurde. Durch die Einführung des Tonfilms brach seine Karriere in Amerika allerdings jäh ab.

Im Booklet zur Varieté-DVD könnt ihr einiges mehr über den Film erfahren. Michael Wedel setzt sich mit dem "filmischen Saltomortale" auseinander und schaut auf die optischen Schwindelgefühle und sinnlichen Sensationen, die der Film zur damaligen Zeit erzeugte. Guido Altendorf rekapituliert die Geschichte der Codonas, jener Artistentruppe, die die Hauptdarsteller des Films gedoubelt haben. Ihr dreifacher Salto gehörte damals zu den größten Zirkus-Sensationen der Zeit. Anke Wilkening blickt auf die Rezeption und die Folgen von Varieté, besonders in den USA. Unterschiedliche Fassungen spielen hier eine gewichtige Rolle.

Als Bonusmaterial gibt es zudem die unzensierte Version für den amerikanischen Markt mit der Musik von Peer Kleinschmidt an der Welte-Kinoorgel, die sich im Filmmuseum Potsdam befindet und aus dem Jahre 1929 stammt. Komponist Martyn Jaques, Mitglied der "Tiger Lillies", beschreibt in seinem Text im Booklet, wie er an das Projekt der Neu-Vertonung von Varieté heranging. Leider ist die Musik das Gewöhnungsbedürftigste an den neuen digitalen Version. Nichtsdestotrotz ist Varieté in der neuen Edition, die von Edel:kultur vertrieben wird, ein Klassiker-Highlight, das sich Stummfilmfans und solche, die es werden wollen, unbedingt anschauen sollten.

Seid ihr neugierig auf Varieté geworden?

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