Serienale 2016 - Warum Musik in Serien so wichtig ist

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Was wäre Game of Thrones nur ohne die Musik?
01.10.2016 - 09:20 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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In Berlin findet momentan die erste Serienale statt. Wir waren auf dem Panel Musik und Serien zugegen und haben vier Komponisten beim Reden über ihre Arbeit gelauscht. Es ging um Temp Music und die Frage, warum Musik so wichtig für Serien ist.

Game of Thrones, Breaking Bad und Die Simpsons: Was haben die populärsten Serien unserer Zeit gemeinsam? Richtig, eine Melodie, mit denen sie sich unverkennbar ins popkulturelle Gedächtnis gebrannt haben. So wie jeder halbwegs bewanderte Cineast die Main Theme von Krieg der Sterne summen kann, gehört die gesangliche Wiedergabe der Westeros-Hymne zum Standardrepertoire eines jeden Serienliebhabers. Keine drei Sekunden vergehen, bis selbst die weniger eingefleischten Fans das Thema erkannt haben. Ramin Djawadi hat bei der musikalischen Untermalung der Fantasy-Serie ganze Arbeit geleistet. Trotzdem ist es keine Selbstverständlichkeit, dass ein Komponist, der den Score einer Serie komponiert, auch für das Titelthema verantwortlich ist. Ganz im Gegenteil: Oftmals stammt die typische Erkennungsmelodie von einer gänzlich anderen Partei.

Es ist die erste Feststellung, die im Musik und Serien-Panel, das am Freitag im Rahmen der Serienale in Berlin stattgefunden hat, durch den Raum geistert. Auf dem Podium sitzen drei Komponisten, ein vierter ist via Webcam zugeschaltet. Hans Hafner leitet ins Gespräch ein, indem er kurze Auszüge bekannter Serien-Intros vorspielt. Es dauert nicht lange, bis seine Kollegen - Reinhold Heil, Moritz Denis und Stefan Maria Schneider - sowie das anwesende Publikum die angespielten Stücke aus Kobra, übernehmen Sie!, Die Muppet Show und I Love Lucy erraten haben. Dennoch ist sich die Runde einig: Es ist alles andere als einfach, so einen unverkennbaren Hit zu landen. Auch Hans Hafner erzählt aus eigener Erfahrung vom Scheitern an der eingängigen Melodie, die unter Umständen mehrere Generationen in einer prägenden Tonabfolge vereint. Wer einen Pitch für seinen Serien-Soundtrack einreicht, erhält keine Garantie auf die Untermalung des Intros, umgedreht läuft die Sache genauso.

Reinhold Heil, der zuletzt für das Underscoring  von Helix und Deutschland 83 verantwortlich war, führt das Dilemma am konkreten Beispiel aus. Bei der EPIX-Produktion Berlin Station durfte er das musikalische Zepter selbst in die Hand nehmen. All seine Bemühungen, die Agentenserie das wiederkehrende Thema der Opening Credits zu verleihen, sind jedoch gescheitert. Das Nine Inch Nails-Cover von David Bowies Single I'm Afraid of Americans hat die Produzenten am Ende mehr überzeugt. Dagegen hatte Reinhold Heil keine Chance. Allgemeine Zustimmung mit tragischer Note: Auch Moritz Denis und Stefan Maria Schneider können solche Geschichten erzählen. Immer wieder geht es um unterschiedlichen Erwartungshaltungen von allen Seiten. Wer ein Engagement als Komponist bei einer Serie habe will, der muss bereit sein, sich schnell von seinen eigenen Vorstellungen zu verabschieden und sich anderen Ideen anzupassen.

Sehr viel Ungewissheit existiert folglich bei der Arbeit als Serien-Komponist, zumal die Kommunikation über die Ästhetik der Musik eine überaus schwierige ist. "Man kann Musik nicht theoretisieren", sagt Reinhold Heil und spricht dabei über den kniffligen Dialog mit Showrunnern und Produzenten. Konkret bezieht er sich jedoch vor allem auf den US-amerikanischen Markt, denn in Deutschland läuft die Geschichte anders. Hans Hafner erläutert, dass bei seiner Arbeit an Danni Lowinski der Regisseur die einflussreichste Persönlichkeit hinsichtlich der gestalterischen Ausrichtung des Formats war. Ärgerlicherweise ist es bei Serien nun selten der Fall, dass ein Regisseur durchgängig alle Episode inszeniert. Somit kann der Wechsel auf dem Regiestuhl zu drastischen Veränderungen führen, denen sich die Musik dann anpassen muss. In solch einem Fall gilt es, "gegen den Regisseur zu kämpfen".

Daraus ergibt sich die Frage nach der Freiheit eines Komponisten und ob sie denn überhaupt existiert. Stefan Maria Schneider berichtet von seiner Arbeit an Ritter Rost und stellt klar, dass es durchaus eigenwillige Noten gibt, die er als Kreativer setzen kann. Allerdings sind da mindestens genauso viele Regeln, an die er sich halten muss, je nach Format abhängig. Im Fall einer bunten Animationsserie sind die Ansprüche an die Musik natürlich ganz andere als an eine schwerwiegende Dramaserie, von einem Procedural  ganz zu schweigen. Während Stefan Maria Schneider auf Hupen verweist, die wohl oder übel in die Musik mit einfließen musste, erklärt Reinhold Heil die Zusammenarbeit mit den US-amerikanischen Networks um Musik, die in erster Linie nur aus dramaturgischen Akzenten besteht, um das Gezeigte zu untermauern. Die Formel- und Zweckhaftigkeit dieser Soundtracks schreckt Reinhold Heil ab, obgleich er gesteht, dass es sich dabei um komplexe Formeln handelt.

Inspirierender redet er dagegen über vergangene Kollaborationen mit Tom Tykwer: angefangen bei Lola rennt über Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders und The International bis hin zu Cloud Atlas - Alles ist verbunden: Gemeinsam haben die beiden schon viele Projekte umgesetzt, bei Babylon Berlin war es leider nicht mehr möglich. Eine gemeinsame Sprache haben sie trotzdem gefunden und genau darauf kommt es an. Vergleiche mit der Harmonie, die zwischen Steven Spielberg und John Williams besteht, werden gezogen. Spätestens bei der zweiten, dritten Zusammenarbeit profitiert man von einen eingespielten Team, ganz im Gegensatz zur ständigen Rotation bei der Episode eines Krimis, wo es ausschließlich darauf ankommt, den Vorgaben von Showrunnern und Networks gerecht zu werden. Es dauert nicht lange, bis im Gespräch der Begriff der umstrittenen Temp Music  fällt.

Spätestens seit Tony Zhous jüngstem Video-Essay weiß jeder Freund der bewegten Bilder etwas mit dem Begriff der Temp Music anzufangen. Auch die vier Komponisten sind sich einig: Die gängige Methode, um Filme im Schneideraum in Form zu bringen, bringt viele Probleme mit sich und sollte vor allem von Komponisten kritisch hinterfragt werden. Wurde ein bestimmtes Musikstück erst einmal im Kontext des Films oder der Serie etabliert, ist es sehr schwer, dagegen mit eigenen Entwürfen anzukommen. Zwar bildet Temp Music durchaus eine Basis zum Dialog zwischen Komponisten, Regisseuren und Showrunnern. Gleichzeitig engt sie die möglichen Musikresultate enorm ein und sorgt für eine ewige Wiederkehr altbekannter Motive. "Das will aber das Publikum so hören", ist die allgemeine Ausrede. Gefragt hat das Publikum allerdings niemand, welch verantwortungsloser Umgang.

Ja, Verantwortung ist bei der Komposition von bewegten Bildern und musikalischen Klängen unheimlich wichtig. "Man kann mit Musik auch jede Menge kaputtmachen", betont Reinhold Heil und hat die drei Podiums-Kollegen auf seiner Seite. Wenn für eine acht- bis zehnstündige Serie vier bis fünf Stunden Soundtrack komponiert werden, dann sollten engstirnige Vorgaben auf keinen Fall die Grundlage bilden. Nicht zuletzt bietet die Serienwelt ein unglaubliches Entfaltungspotenzial, was die Arbeit mit verschiedenen Themen und Klängen angeht. Bei einem Film ist der Ausgang durch sein Drehbuch in 99 Prozent aller Fälle gewiss. Doch wusste Bear McCreary beim Pilot von Battlestar Galactica, welches Ende die Science-Fiction-Serie eine halbe Dekade später nehme würde? Mit Sicherheit nicht. Deswegen muss der Score (auch in Verbindung mit dem Sound-Design) ein flexibler sein. Wer weiß, welches Thema in den finalen Minuten einer epischen Geschichte zu hören sein wird, die sich über mehrere Jahre lang aufgebaut hat.

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