Profile - Warum sich Desktop-Filme ideal für Horror eignen

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the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Timur Bekmambetov hat einen Plan. Der Mann mit einer der abwechslunsgreicheren Filmografien der globalisierten Filmwirtschaft, von dem man durchaus behaupten kann, er habe noch nie einen guten Film gedreht, glaubt an die sogenannten "Screen Movies". Desktop-Filme haut als Gattungsbegriff mit Abstrichen auch hin. Filme also, die ausschließlich auf dem Bildschirm spielen. Sogar ein Manifest hat er verfasst, damals 2015, als der Horrorfilm Unknown User ins Kino kam, in dem Teenies vom digitalen Geist einer verstorbenen Mitschülerin gemeuchelt werden - per Skype-Konferenz. Er schrieb das Dogme 95 des Found Footage-Films. Seitdem produziert Bekmambetov, ein Viertel Filmvisionär, ein Dreiviertel sparsamer Marketingguru, Desktop-Filme. Immerhin spielte Unknown User bei einem Budget von 1 Million Dollar weltweit 60 Millionen ein. Zwei neue präsentierte der Regisseur von Wanted und Wächter der Nacht bereits in diesem jungen Jahr. Der Entführungsthriller Search mit John Cho und Debra Messing sammelte in Sundance überraschend gute Kritiken. Im Rahmen des Panoramas bei der Berlinale 2018 folgte Profile, in dem eine Journalistin online mit einem Rekrutierer des sogenannten Islamischen Staats anbandelt.

Ein Manifest für den Desktop-Horror

Als Erfinder des Desktop-Films kann sich Timur Bekmambetov leider nicht bezeichnen. Zu den bekanntesten Vertretern des Genres gehört Open Windows, das englischsprachige Debüt von Nacho Vigalondo, der Elijah Wood in eine Verschwörung mit Sasha Grey wirft. Außerdem sorgte Kevin B. Lee mit seinem Desktop-Essay Transformers: The Premake für Aufsehen, der mit seinen 25 Minuten Laufzeit bei Vimeo auf Zuschauer wartet. Beide Filme brechen oder ignorieren die Regeln, die Bekmambetov für den Desktop-Film aufgestellt hat. In seinem Manifest proklamiert er nämlich die Einheit von Zeit, Raum und Ton für die Screen Movies. So darf die Handlung...

  • ... den Bildschirm niemals verlassen. Dessen Größe darf sich nicht ändern und alle Veränderungen der visuellen Elemente des Bildschirms müssen eine logische Erklärung haben.
  • ... sich ausschließlich in Echtzeit abspielen.
  • ... ihre auditive Begleitung ausschließlich durch den Rechner erhalten. Alle Töne des Films entspringen dem Computer und der Zuschauer muss immer wissen, woher sie kommen.

Sinn und Unsinn solcher Regeln seien einmal dahingestellt. Sie dürften vor allem Bekmambetovs kleinem Filmimperium dienen, seiner russisch-amerikanischen Produktionsfirma Bazelevs. Liest man Interviews mit Kollegen, übt der Produzent eine beachtliche kreative Kontrolle über die Projekte aus, gerade bei den Desktop-Filmen, die er per (natürlich) Skype-Konferenz aus der Ferne mit dirigiert. In erster Linie stellt der Chef der Firma so eine Einheit des Stils sicher, die Filmen wie Unknown User zum Erfolg verholfen haben. Dazu gehört auch das Drängen auf Authentizität der zu sehenden Nutzer-Erfahrung. Wer kennt sie nicht, die erfundenen Suchmaschinen in Filmen oder die völlig unrealistische Nachahmung von Kameras mit ihrem blinkenden roten Rec-Button. Das Kino tut sich seit Jahren schwer in der Darstellung unserer täglichen digitalen Erfahrung. Wenn Bekmambetov eines hoch anzuschreiben ist, dann das Drängen auf Realismus bei seinen Desktop-Filmen. So wurden bei Unkown User Go-Pro-Kameras verwendet, um dem Look von Webcams möglichst nahe zu kommen. Das ist bei Desktop-Horror unerlässlich. Der Zuschauer, selber Skype- und Spotify- und Google-Nutzer, muss sich im Bildschirm eines Fremden wiederfinden, kennt aber dessen Regeln. So wird die Immersion perfektioniert, die der Found Footage-Film früher mit auf die Wackelkamera tropfendem Rotz simulierte.

Mit Katzen-Gifs zum Islamischen Staat

Das Desktop-Konzept dient sich Horrorfilmen und Thrillern an, was auch Profile unterstreicht. Der basiert auf einer wahren Geschichte, niedergeschrieben in Anna Erelles Buch In the Skin of a Jihadist. Darin gibt sich eine Journalistin als frisch konvertierte Muslima aus, um die Rekrutierungsmethoden des IS offenzulegen, der Hunderte junge Frauen aus Europa nach Syrien lockte. Katzen-Gifs spielen dabei eine überraschend große Rolle. Womöglich ist es diese Nähe zum Zeitgeschehen, die kolportierte "soziale Relevanz", die dem Film zum Plätzchen im Panorama verhalf. Das beste an Profile ist allerdings, dass er Amy Whittaker (Valene Kane) wie eine Figur in einem Horrorfilm anlegt. Was die Vorsichtsmaßnahmen im Umgang mit Quellen betrifft, geht Amy, sagen wir es mal so, alle zehn Minuten allein in den Keller, um nach dem Generator zu schauen. Es ist nicht wirklich klar, ob diese Kritik des investigativen Journalismus im Zeitalter von Vice und Co. so gewollt ist. Vernichtend ist sie allemal.

Mit einem frisch angelegten Facebook-Profil unter falschem Namen lernt Amy den Rekrutierer Bilal (Shazad Latif) kennen, der in Syrien charmant mit Kalaschnikow und iPhone herumwedelt. Nach und nach verliert sie die Distanz zu ihrer Story, während Erinnerungen an die ausstehende Miete aufpoppen und ihre Redakteurin im Chat Druck macht. Dabei wird das humoristische Potenzial von Google-Suchen ("Are Skype marriages legal?") ausgenutzt, wechselt Amy doch ständig die Tabs, macht sich Notizen, wird von Selfies ihrer besten Freundin zugespamt und wiegelt die Calls ihres Yuppie-Freundes ab. Bekmambetov wäre nicht Bekmambetov, würde er die wahre Geschichte mit der gebotenen Seriosität umsetzen. Zum Glück. Die selbst gesteckten Grenzen des Desktop-Films hindern den Regisseur zudem daran, sich stilistisch aufzuspielen. Man könnte fast sagen, er habe endlich einen guten Film gedreht.

In den Found Footage-Grenzen

Als Found Footage-Film zeigt Profile, wie die Bildschirm-Beschränkung dem Horror entgegenkommt. Die sonst lähmende Exposition solcher Filme funktioniert hier durch den Fenster-Wechsel. Flashbacks können mit einem Scrollen durch Timelines, Bilder- und Video-Ordner integriert werden. Der Zuschauer kann seinen Blick über den Desktop schweifen lassen und Rückschlüsse auf die Figur ziehen. Die Unordnung der Dateien auf Amys Mac wird sich beispielsweise in ihrer auf fatale Weise improvisierten Vorbereitung widerspiegeln. Die Erzählung eines solchen Films basiert dermaßen auf der Lesebereitschaft des Zuschauers, wie man es sonst höchstens in Stummfilmen gewohnt ist.

Der Bildschirm verspricht, intensiver als die "gefundenen" Aufnahmen einer Kamera, objektive Wahrheit, unterstützt durch seine nüchterne Organisation. Der Desktop lügt nicht. Gleichzeitig ist die Perspektive enorm beschränkt. Wir sehen, wie Amy im Chat einen Satz anfängt, pausiert, redigiert. Was sonst das Spiel oder Off-Kommentare leisten würden, also den Einblick in den Gedankenprozess, übernimmt die Tastatur. Hinzu kommen die Grenzen der Webcam-Einstellungen, die uns die Figuren meistens näherbringen und im selben Schritt Übersicht des Raumes hinter ihnen verschaffen. Aber eben nur ein bisschen. Es ist die perfekte Umgebung für Jump Scares, wie sie in Unknown User aneinandergereiht werden. Die Sichtung solcher Filme sollte deswegen am besten gar nicht im Kino, sondern am eigenen Rechner stattfinden.

Desktop-Filme tun sich letztlich schwer, die offensichtlichste Frage zu ihrer Handlung zu beantworten: Warum den Rechner nicht einfach ausschalten? Es sind schließlich Found Footage-Filme, die dem Imperativ der Dokumentation unterliegen. Fraglich ist indes, ob die Grenzen des Bildschirms dem Subgenre zu Langlebigkeit verhelfen können oder wir hier nur ein Gimmick sehen, das bald aus der Mode geraten wird. Unserem Alltag näher wäre Bekmambetov vermutlich, würde er bei seinen Screen Movies auf Smartphone-Filme umsatteln. 90 Minuten im ständigen Wechsel vom Hoch- ins Querformat, alle paar Minuten aufgeschreckt durch Push-Notifications. Der Horror schreibt sich von allein.

Bei critic.de findet ihr einen Kritikerspiegel zur Berlinale, in dem ihr euch einen Überblick zur allgemeinen Reaktion auf die Filme im Programm verschaffen könnt (an eurem Rechner natürlich).

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