Polizeiruf Kritik

Polizeiruf 110 - Ein Kinderparadies wird zum Albtraum

29.09.2013 - 20:15 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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Polizeiruf 110 - Kinderparadies
© ARD/BR
Polizeiruf 110 - Kinderparadies
Unter der Regie von Leander Haußmann ermittelt Matthias Brandts Hanns von Meuffels in einem Elite-Kindergarten, in dem die Eltern unter dem Deckmantel moderner Erziehungsmethoden ganz altmodisch gegeneinander intrigieren.

Es musste so kommen. Die Münchner Polizeirufe mit Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) gehören zu den qualitativ beständigsten Krimis, die Sonntags über den Bildschirm flimmern. Mit Polizeiruf 110: Kinderparadies darf nun auch der adlige Einzelgänger vom Dienst seine erste Gurke einwecken und im Regal der Polizeiruf-Geschichte verstauben lassen. Wie es sich für Von Meuffels gehört, gibt sich aber auch dieser enttäuschende Krimi sperrig in Form und Inhalt. Regisseur Leander Haußmann und Autor Daniel Nocke überladen ihre zappelige Abrechnung mit überambitionierten Eltern dermaßen mit Ideen (der Sommernachtstraum!), dass die sowieso schon eindimensionalen Charaktere darunter ersticken. Ohne die verlässlich sensible Präsenz Matthias Brandts wäre dieser Polizeiruf wohl schlicht unerträglich.

Lokalkolorit: Der knallbunte Kindergarten fungiert als Zentrum dieses Polizeirufs, der immer mal wieder Ausflüge in die Außenwelt unternimmt, um von der Strömung doch wieder zurück in das “Paradies” getrieben zu werden. So wichtig das Projekt der Eltern für den Plot des Krimis ist, so fatal wirkt es sich auf die Atmosphäre auf. Ein stechendes Glockenspiel wechselt sich in der musikalischen Untermalung mit Klaviergeklimper ab, als würden die frühen kreativen Übungen der Kleinkinder Kommissar und Eltern auf Schritt und Tritt folgen. Tatsächlich wirkt der teils ruppig zwischen episodischen Einsprengseln wechselnde Polizeiruf, als müsse man 90 Minuten in einem Abteil mit einer Horde topfschlagender Vierjähriger verbringen.

Plot: Die Mutter der kleinen Lara wird vor ihrem Haus erst auf den Kopf geschlagen, dann überfahren. Währenddessen zerfleischen sich die Erziehungsberechtigten beim Elternabend ihres eigens gegründeten Elite-Kindergartens selbst. Hanns von Meuffels nimmt erst den Gründer der Einrichtung ins Visier, der eine gewalttätige Vergangenheit hat und stößt auf ein Geflecht von Affären, das die Verbandelung der Erwachsenen enger gestaltet, als es ihnen lieb sein dürfte.

Unterhaltung: Eine todernste Angelegenheit ist Polizeiruf 110 – Kinderparadies nicht, was vor allem am trockenen Humor von Hanns von Meuffels/Matthias Brandt liegt. Insgesamt überschattet aber die an den Nerven zerrende Ansammlung völlig unsympathischer Eltern-Schablonen, welche das Opfer aus dem Kindergarten werfen wollten, einen sowieso schon angespannten Krimi, in dem jede Szene, zum Schluss jedes Bild, überdramatisiert wird. Zeit zum Ausatmen findet sich nicht und es bleibt nur ermüdetes Abschalten oder indifferentes Weiterschauen.

Tiefgang: Irgendwas will uns dieser Krimi erzählen über unschuldige Kinder und die aggressiven Wellen, mit denen streitende, betrügende, mordende Eltern sie umspülen. Das Beißen des kleinen Bruno, den wir so gut wie nie zu Gesicht bekommen, wird so entschuldigt. Mehrfach werden Väter und Mütter in kindliche Beschäftigungen und Motive eingebettet, was ihre überfordernden Bildungsversuche der kleinen Erwachsenen durch “Chinesisch” und Musik konterkariert. So früh wie möglich soll der Nachwuchs fit fürs erwachsene Leben gemacht werden, dabei scheinen die Eltern selbst überfordert. Entsprechend erfrischend wirkt der Ausflug Von Meuffels mit der kleinen Lara in den Supermarkt, wo sie sich zur Abwechslung mal wie ein Kind verhalten darf. Die Länge dieser Episode zeigt dann auch, wie wenig Interesse der Krimi für sein im Anschluss gelangweilt abgespultes Murder Mystery hegt.

Mord des Sonntags: Wie ein Reh im Scheinwerferlicht.

Zitat des Sonntags: “Wahrscheinlich läuft’s auf eine Bewährungsstrafe hinaus. Er ist ja noch unter 18… Monaten.”

Ein wie immer sehenswerter Matthias Brandt kann diesen Polizeiruf nicht retten oder was meint ihr?

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