Once Upon a Time in Hollywood ist das perfekte Abschiedswerk für Quentin Tarantino

Once Upon A Time in Hollywood - Finaler Trailer (Deutsch) HD
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Once Upon a Time in Hollywood
28.08.2019 - 09:00 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Dem 9. Film von Quentin Tarantino wird vorgeworfen, ihm würden viele Markenzeichen des Regisseurs fehlen. Gerade das reife Verweigern von Erwartungen macht ihn jedoch so großartig.

Quentin Tarantino ist ein Filmemacher, der fast all das verlernt hat, was ihn einst ausgemacht hat. So lassen sich die Vorwürfe zusammenfassen, die seit dem Kinostart am 15.08.2019 gegen Once Upon a Time ... in Hollywood hervorgebracht werden. Kritische Stimmen zum 9. Werk des Regisseurs vermissen vor allem die prägnanten Dialoge von früher sowie eine dichtere Handlung mitsamt packendem Spannungsbogen.

Seit The Hateful Eight hat sich das Kino von Tarantino jedoch auffällig verändert. Auch wenn der Regisseur nach wie vor Markenzeichen wie die überzeichneten Gewaltausbrüche in seine Filme einfließen lässt, zeigen sich The Hateful Eight und noch viel stärker Once Upon a Time in Hollywood als reife Werke, die sich den üblichen Erwartungen des Publikums verweigern. Gerade Once Upon a Time in Hollywood könnte dadurch als Tarantinos perfektes Abschiedswerk durchgehen.

  • Quentin Tarantino widmet sich vor allem atmosphärischen Abschweifungen in die Nostalgie seiner Kindheit.
  • Der Regisseur behandelt seine Figuren mehr denn je wie richtige Menschen.
  • Das Ende von Once Upon a Time in Hollywood könnte auch als Abschied von Tarantino durchgehen.

In Once Upon a Time in Hollywood zählen die liebevollen Details

In seinen Filmen hat Quentin Tarantino schon immer lieber auf Einzelszenen bzw. eine episodenhafte Struktur anstelle eines zusammenhängenden Handlungsbogens gesetzt. Auch Rückblenden und ein generelles Spiel mit verschiedenen Zeitebenen waren bei dem Regisseur keine Seltenheit.

Once Upon a Time in Hollywood

Diesmal treibt Tarantino seine Vorliebe für den Verzicht auf eine klare Handlung aber auf die Spitze. Once Upon a Time in Hollywood ist die persönliche Aufarbeitung von Erinnerungen des Regisseurs aus dessen früher Kindheit. Das Los Angeles des Jahres 1969 wird in Tarantinos Film zur Aneinanderreihung nostalgischer Details, die neben der eigentlichen Geschichte ihre ganz eigene Atmosphäre erzeugen.

Kaum eine Szene transportiert diese Atmosphäre so sehr wie ein früher Moment im Film, in dem Cliff Rick nach Hause bringt und sich im Auto auf den Heimweg begibt. Es folgt eine minutenlange Passage, in der die Kamera Cliff bei dieser längeren Autofahrt begleitet, während das nächtliche Los Angeles zu sehen ist und im Radio ein Song zum nächsten springt.

Zur Handlung des Films trägt dieser Abschnitt nichts bei. Trotzdem strahlt er eine nostalgische Kraft aus, in der sich der Zuschauer ausgiebig verlieren darf. Obwohl ich noch nie in Los Angeles war und zu dem Schauplatz von Tarantinos Film keine nostalgische Bindung habe, löst Once Upon a Time in Hollywood auch bei mir Kindheitserinnerungen aus.

Once Upon a Time in Hollywood

Plötzlich flackern vor meinem inneren Auge schwach Bilder kurzer Momentaufnahmen auf. Momente auf dem Rücksitz im Auto meiner Eltern. Heimfahrten in der Dunkelheit, die von Lichtern der Stadt erhellt wird. Songs im Radio, die ineinander übergehen und sich mit den Ansagen des Moderators und Werbespots abwechseln.

Alles ist auf einmal wieder spürbar in diesem Film, der sich aufgrund von Tarantinos Klammern an persönliche Kindheitsmomente erst recht wie ein intimes Abschiedswerk des Regisseurs anfühlt.

Quentin Tarantino klammert sich in Once Upon a Time in Hollywood auch an die Figuren

Schon immer zeichnen sich die Figuren in Quentin Tarantinos Filmen dadurch aus, dass sie eindeutige Tarantino-Figuren sind. Dazu gehören markante Charaktereigenschaften, die in Verbindung mit den oftmals popkulturell angehauchten Dialogen aus der Feder des Regisseurs erstrahlen. Und doch hat sich auch hier in den letzten Jahren ein Wandel in Tarantinos Filmen abgezeichnet.

Gerade in Filmen wie The Hateful Eight und Once Upon a Time in Hollywood, in denen sich der Regisseur auf konkrete historische Ereignisse bezieht, sind die typischen Tarantino-Dialoge zunehmend gewöhnlicheren Konversationen gewichen. Viele Fans kritisieren diese Gespräche als banal. Gleichzeitig kommt den Charakteren der Filme dadurch aber eine ganz neue Menschlichkeit zu, die vielen Tarantino-Figuren manchmal abhanden kommt.

In seiner ersten Tarantino-Rolle als Lieutenant Aldo Raine in Inglourious Basterds war Brad Pitt kaum mehr als eine Yankee-Karikatur, die mit dickem Akzent und dümmlichem Verhalten Lacher beim Publikum erntete. Sein Cliff Booth in Once Upon a Time in Hollywood erscheint dagegen fast schon wie die Antithese zu Aldo Raine.

Once Upon a Time in Hollywood

Wenn der Stuntman zu Hause in seinem Trailer ankommt, widmet Tarantino der Figur über Minuten hinweg private Momente. Geduldig verfolgt die Kamera, wie sich Cliff liebevoll um seinen Pitbull Brandy kümmert, dem Hund das Essen in den Napf schüttet und sich selbst Fertig-Makkaroni mit Käse macht, bevor er sich gemütlich vor den Fernseher setzt.

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Wieder sind es genau diese Szenen, welche auch der Schere zum Opfer fallen könnten, die bei Once Upon a Time in Hollywood den entscheidenden Unterschied machen und Tarantinos Figuren mit einer spürbaren Menschlichkeit umhüllen. Dazu gehört auch die lange Passage, in der Tarantino Rick beim Dreh zur Pilotfolge von Lancer beim wiederholten Scheitern zeigt, bis dieser am Ende doch noch eine schauspielerische Glanzleistung abliefert.

Mit einer ähnlich melancholisch-versöhnlichen Hingabe hat Tarantino nur in Jackie Brown und Kill Bill Vol. 2 auf seine Figuren geblickt. Einmal mehr wirkt Once Upon a Time in Hollywood dadurch wie ein Abschiedswerk, in dem der Regisseur noch einmal so viel Zeit wie möglich mit seinen geliebten Charakteren verbringen will und diese so menschlich zeigt wie nie.

Das Ende von Once Upon a Time in Hollywood wirkt wie Tarantinos Abschied

Den Eindruck eines Abschiedswerks hinterlässt zuletzt auch das Ende von Once Upon a Time in Hollywood. Nachdem der Film zuvor in einem regelrechten Sturm der Gewalt explodiert ist, beschließt Tarantino die Geschichte mit warmer Zärtlichkeit.

In The Hateful Eight war es noch ein Akt der zynischen Brutalität, der die Einigkeit besiegelte. In Once Upon a Time in Hollywood genügt ein erleichterter Gang durch ein Eingangstor, um in eine hoffnungsvolle Zukunft zu führen. Während die Kamera den Figuren nicht mehr ins Haus von Sharon Tate folgt, scheint Tarantino selbst schon leise von der Kinobühne gelaufen zu sein. Ein 10. Film von ihm soll noch kommen, doch eigentlich ist schon jetzt alles gesagt.

Wäre Once Upon a Time in Hollywood für euch auch ein ideales Abschiedswerk von Tarantino?

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