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Nach Once Upon a Time in Hollywood: Quentin Tarantino darf noch nicht in Rente gehen

Once Upon A Time in Hollywood - Finaler Trailer (Deutsch) HD
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© Sony Pictures/Miramax
Quentin Tarantino
26.08.2019 - 20:00 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Quentin Tarantino ist ein begnadeter Regisseur, der in Interviews aber oft Unsinn von sich gibt. Seinen Plan, nach 10 Filmen abzutreten, sollte er zum Beispiel dringend überdenken.

Mit Once Upon a Time ... in Hollywood erlebt Quentin Tarantino gerade einen neuen Höhepunkt in seiner Karriere: Der Film überzeugt die Fangemeinde des Regisseurs und ist kommerziell sehr erfolgreich. Dennoch ziehen über der Karriere des 56-Jährigen dicke Gewitterwolken auf - und die hat er höchstpersönlich herbeigerufen.

Schon lange spricht Tarantino davon, insgesamt nur 10 Filme drehen und die Kamera mit spätestens 60 Jahren zur Seite legen zu wollen. An diesem Plan hält er weiterhin fest, was konkret bedeutet: Nach Once Upon a Time ... in Hollywood "darf" nur noch eine Regie-Arbeit des Exzentrikers kommen. Quentin, bitte überleg' dir das noch mal!

Quentin Tarantino will nach 10 Filmen aufhören - keine gute Idee!

  • Mit seinem 10-Filme-Plan schränkt Tarantino seine Regie-Karriere unnötig ein.
  • Offenbar plagt ihn die Angst vor dem Altern, doch gerade The Hateful 8 und Once Upon a Time ... in Hollywood beweisen: Das ist vollkommen unbegründet.
  • Quentin Tarantino hat dem Kino offensichtlich noch eine Menge zu geben.

Quentin Tarantino und sein Karriere-"Masterplan"

Schon 2004 erklärte Tarantino in einem Interview mit Entertainment Weekly , dass er nicht bis ins hohe Alter Filme drehen möchte. 2014, nachdem The Hateful 8 im Kasten war, konkretisierte er dann gegenüber Deadline  seine Rücktrittspläne. Es sei zwar nicht in Stein gemeißelt, aber mit 10 Filmen im Gepäck abzutreten und das Publikum mit dem Wunsch nach mehr zurückzulassen, sei ein guter Plan.

Once Upon a Time ... in Hollywood mit Leonardo DiCaprio und Brad Pitt

An eben diesem hält Tarantino 5 Jahre später fest, obwohl Once Upon a Time ... in Hollywood bereits seine 9. Regie-Arbeit (Kill Bill 1 und Kill Bill 2 zählt er als einen Film) markiert und das Ende somit jetzt greifbar nah ist. Doch warum der ganze Druck? An dieser Stelle lässt Tarantino keinen Platz für Missverständnisse:

Viele der Film-Bälger [aus den 1970er Jahren] sind alt geworden und es zeigt sich in ihrer Arbeit. Regisseure werden nicht besser im Alter. Ich glaube wirklich, inszenieren ist ein Spiel für junge Männer. Wenn du älter wirst, kann sehr wohl eine Zeit kommen, in der sich deine Interessen ändern.

Noch klarer wird seine Motivation unter Berücksichtigung eines Gesprächs mit dem britischen Telegraph . Darin nämlich formuliert Tarantino, all seine Filme sollen "demselben Ort wie Reservoir Dogs" - also sein Regie-Debüt von 1992 - entstammen.

Warum Tarantinos Film-Rente keinen Sinn ergibt

Jene Einlassung aber sorgt nur für umso heftigeres Kopfschütteln, je mehr Zeit vergeht, denn ganz offensichtlich ist Tarantino schon jetzt ein anderer Filmemacher als vor 27 Jahren.

Insbesondere The Hateful 8 und Once Upon a Time ... in Hollywood protokollieren einen fortgeschrittenen Reifeprozess - der eine Film als unerwartet bittere Abrechnung mit einem wichtigen Kapitel amerikanischer Geschichte, der andere als Ausdruck einer erzählerischen Lässigkeit, von der jeder Jungspund dieser Welt (ja, auch Tarantinos früheres Ich) nur träumen kann.

Tarantinos meisterhafter Schnee-Western The Hateful 8

Mit seinen letzten zwei Regie-Arbeiten hat sich Quentin Tarantino so für mich zum aktuell aufregendsten Mainstream-Regisseur überhaupt aufgeschwungen, nachdem ich bis einschließlich der Django Unchained-Phase noch zu seinen Kritikern zählte. Sein Abtritt nach einem weiteren Film könnte kaum ungelegener kommen, wo es doch gerade jetzt richtig spannend wird.

Quentin Tarantino muss lernen, das Älterwerden zu umarmen

Natürlich stimmt es, was Tarantino sagt: Jeder Mensch ändert sich im Lauf der Zeit. Für einen Künstler muss das aber keineswegs Fluch oder Hindernis sein.

Sicherlich gibt es Regisseure, die irgendwann den Biss verloren oder sich in Manierismen verfangen haben, doch die Filmgeschichte ist auch reich an Gegenbeispielen. Glorreiche Alterswerke lieferten zum Beispiel Sidney Lumet (Before the Devil Knows You're Dead), Luis Buñuel (Dieses obskure Objekt der Begierde), John Huston (Die Toten) sowie nach vorherrschender Meinung etwa auch Sergio Leone (Es war einmal in Amerika) ab.

Quentin Tarantino in Reservoir Dogs

Tarantino kann seine Entwicklung als Mensch und Regisseur noch gar nicht absehen, schon das lässt seine vorzeitigen Renten-Pläne als Angst vor der eigenen Courage erscheinen. Älter zu werden bedeutet in aller Regel zunächst einmal, an Umsicht zu gewinnen - und genau die braucht Tarantino nun auch dringend abseits der Kameras, um zu erkennen, dass es gar nicht erstrebenswert ist, nur Filme wie Reservoir Dogs zu drehen.

Pikant: Über die Figur des TV-Darstellers Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) verhandelt Tarantino in Once Upon a Time ... in Hollywood sogar sehr direkt die Sorge eines Stars vor einer möglichen belanglosen Zukunft. Ich meine: Wer dem eigenen Wandel offen gegenübersteht, tut den ersten Schritt, um authentisch und damit relevant zu bleiben.

Quentin Tarantino: Wie ernst meint er es wirklich mit dem Rückzug?

Als warnendes Exempel dürfen Tarantino Kollegen wie Robert Redford und Steven Soderbergh dienen, die ihre Schauspiel- bzw. Regie-Karriere offiziell bekannt gaben oder andeuteten schließlich den Rücktritt vom Rücktritt folgen ließen. Diese eher peinliche Situation hätten sie sich durch schlichtes Aussitzen leicht ersparen können. Wer einen Moment lang glaubt, alles gesagt zu haben, muss daran nicht die gesamte Welt teilhaben lassen.

Noch ist die Hoffnung auch für Tarantinos Karriere indes nicht erloschen. Der Regisseur redet bekanntlich viel, wenn der Tag lang ist und vielleicht liebt er das Filmemachen letztlich einfach zu sehr, um vorzeitig und - seien wir ehrlich: grundlos - damit aufzuhören.

Berichtet wurde 2019 über einen Star Trek-Ableger, die Diskussionen um Kill Bill 3 reißen nicht ab und sogar die Möglichkeit eines Horrorfilms als krönenden Abschluss seiner Regie-Vita brachte Tarantino neulich ins Spiel.

Offenkundig hat er also immer noch Lust. Notfalls wird er ein 11., 12. und 13. Projekt wahrscheinlich irgendwie argumentativ zurechtbiegen, damit sein 10-Filme-Plan nicht offiziell in sich zusammensackt. Mir soll das ehrlich gesagt vollkommen recht sein.

Once Upon a Time ... in Hollywood läuft seit dem 15.08.2019 in den deutschen Kinos.

Was meint ihr: Soll Quentin Tarantino nach seinem 10. Film als Regisseur abdanken?

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