Meine Hassliebe zu den Live-Action-Filmen von Disney

Die Schöne und das Biest
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"Wenn wir wegen dir draufgehen, bring ich dich um!"

Ohne Zweifel ist The Walt Disney Company aktuell einer der größten, wichtigsten und erfolgreichsten Filmkonzerne weltweit. Dabei fing alles mit animierten Cartoons an, deren Geschichten meist auf Märchen basierten. Mit Alice im Wunderland belebte Disney 2010 ihren alten Zeichentrickklassiker von 1951 neu. Die enormen Gewinne machten Disney Mut und so kam es, wie es kommen musste: Immer mehr eigene Live-Action-Versionen von Disneys alten Zeichentrickfilmen fluteten die Kinos. Erst dieses Frühjahr erschien Die Schöne und das Biest als Realverfilmung. Doch so sehr mich diese Mainstream-Filme ohne originelle Ideen, die Geldsucht Disneys und die Kopie der einst großen Zeichentrick-Meisterwerke auch aufregen - in mir schlummert eine Disney-Liebe, die ich einfach nicht abschalten kann. Immer und immer wieder könnte ich mit meinen Helden und Heldinnen mitfiebern, lachen und schließlich vor lauter Emotionen losheulen. Es ist eine Hass-Liebe, die mich umtreibt.

Von wegen Live-Action

Mein liebster Disney-Film war in den 1990ern eindeutig Arielle, die Meerjungfrau. Ich malte mir als Kind gerne aus, wie Arielle in echt aussehen würde. Und das ist wohl der Reiz der neuen Live-Action-Filme von Disney. Kaum vorzustellen, wie Arielle durch realistische Meere schwimmt und unter Wasser atmen und sprechen kann. Doch in Zeiten von CGI entstehen diese fantastischen Welten nicht mehr auf dem Papier, sondern stammen aus dem Computer. In der Live-Action-Version von Das Dschungelbuch ist das einzige echte Wesen der Junge Mogli. Der Rest ist computeranimiert. Zugegeben: Die Computeranimationen von The Jungle Book sind atemberaubend realistisch. Dennoch ist es streng genommen auch nur eine andere Form der Animation. Der reine Animationsfilm Findet Nemo von 2003 hatte schon damals einige realistisch anmutende Bilder zu bieten. Wo ist hier noch die Grenze? Und wie genau wird der geplante Der König der Löwen in der - sogenannten - Realversion aussehen? Es mag kleinlich erscheinen, aber Realverfilmungen sind diese nicht mehr. Vielleicht braucht es einen neuen Begriff.

Großes Budget, großartiges technisches Niveau

Diese große GCI-Ladung hat trotzdem ihre Vorteile, denn Schauwerte liefern die neuen Remakes durch die Bank. Hinter Disney-Produktionen steckt viel Geld und entsprechend wird in die Animationen investiert. In Alice im Wunderland tobten sich die Animatoren an fantastischen Wäldern und Schlössern aus. Etwas realistischer, wenn auch nicht weniger fiktiv, wirkte die Welt, in die die Filmemacher Maleficent - Die dunkle Fee setzen. Die kleinen Tierchen, die in dieser Welt kreuchen und fleuchen, sind hübsch anzusehen und geben den Szenen trotz ihres teils obskuren Aussehens eine überraschend realistische Tiefe. Kompletten Realismus gaukelt uns The Jungle Book vor: Jedes Härchen des Fells sitzt, die Größenverhältnisse der Tiere sind aufeinander angepasst und die realistische Physiognomie ist einfach umwerfend. Hut ab.

Schein-Kontroversen und moderne Ansätze

Mit Die Schöne und das Biest probierte sich Disney an einer Modernisierung der Geschichte. Allerdings starteten sie einen recht halbherzigen Versuch. Als Film mit feministischen Ansätzen und dem Outing einer Filmfigur wurde das Märchen angepriesen (wie zum Beispiel hier bei Focus), um schließlich als eine müde Kopie mit leichten Änderungen und unnötigen Ergänzungen zu enden. Belle ist nun noch mehr Büchernärrin als in der Vorlage und verliebt sich erst über die reich ausgestattete Bibliothek in das (intelligente) Biest. Im Finale ist sie allerdings genauso handlungsunfähig wie ihr 1991er-Original und beobachtet den Kampf zwischen dem Biest und Gaston ohne einen Funken hilfreich zu sein. Ausgelassen haben wir uns hier auf moviepilot bereits reichlich über den im Voraus groß angekündigten "exklusiven schwulen Moment", der wie eine bahnbrechende Errungenschaft gehandelt wurde. Doch diese zwei Sekunden sind eindeutig zu kurz und die Homosexualität LeFous wird zu klischeehaft dargestellt. Hier machte Disney viel Lärm um nichts.

Alte Geschichten neu erzählt

Etwas rabiater mit der Änderung der Geschichte ging der Mäusekonzern bei Maleficent - Die dunkle Fee vor. Dieser Live-Action-Film basiert eigentlich auf dem Zeichentrickfilm Dornröschen. Disney schuf damals eine schaurige böse Königin als Antagonistin, die in der neuen Version von 2014 ausgerechnet die Heldin werden sollte. Optisch ist Angelina Jolies Maleficent das Ebenbild der Vorlage, doch im Herzen ist die Figur ein guter Mensch. Die düstere Aura, die sie umgibt, wurzelt aus einer bitteren Enttäuschung in ihrer Vergangenheit. Achtung, Spoiler zu Maleficent: Am Ende ist es auch nicht die Liebe zum Prinzen, die Dornröschen erweckt, sondern die zu Maleficent. Das ist schon wesentlich fortschrittlicher und geht in die richtige Richtung. Mit dem Rest tut sich das Drehbuch aber zu leicht: Statt Maleficent als Bösewichtin zu etablieren, ist nun eben der König der Böse. Spoiler Ende. Das war mir etwas zu einfach und offensichtlich, aber sie haben es diesmal zumindest versucht. Eine Fortsetzung, die sich dann wahrscheinlich noch mehr abheben wird, ist für 2019 geplant.

Die Hass-Liebe: Kopf gegen Herz

Objektiv betrachtet ist die Situation einfach zu erklären: Der große Filmkonzern hat mit Alice im Wunderland Blut geleckt und konnte seither nicht genug von Live-Action-Adaptionen seiner Zeichentrick-Meisterwerke bekommen. Der Grund: Geld. Warum sollte man also in originelle Geschichten investieren? Es reicht anscheinend, alte Filme aus der Schublade zu zaubern, sie neu zu glasieren und dann den Zuschauern zum Fraß vorzuwerfen. Denen schmecken die alten Geschichten im scheinbar realistischeren und moderneren Gewandt sehr gut und dementsprechend klingeln auch die Kassen. In Zeiten, in denen Film-Studios einen großen Anteil ihres Kapitals in ein paar wenige gewinnbringende und kaum riskante Filmprojekte stecken, setzt Disney in diesem Sinne auf Markenbildung. Gerade mit der Wiederaufnahme eigener Themen etabliert sich Disney als feste Größe und kann so mehr Zuschauer ins Kino locken. Abgesehen davon ist das Unternehmen noch mehr. Viel Geld bezieht der Konzern aus seinem umfassenden Merchandising-Angebot und den von Jung und Alt besuchten Freizeit-Ressorts. Aber diese Ausgangslage resultiert in eben dem, was mich am meisten ärgert: Es kommt nichts wirklich Neues nach. Diese Einstellung bringt die Branche und die Filmkultur kein Stück weiter und zeigt außerdem, wie egal es dem Publikum zu sein scheint, wenn es nach alten Schemata längst vergangener Filme abgefrühstückt wird.

Andererseits gestehe ich hier offen und ehrlich: Ich war, bin und werde immer ein Disney-Fan sein. Diese Liebe zu den sogenannten Meisterwerken ist so unumstößlich, dass nicht mal die Live-Action-Filme ihr etwas anhaben können. Im Gegenteil: Sie befeuern diese sogar noch. Wie schön es doch ist, an die Orte meiner Kindheit zurückzukehren und mich wieder und wieder von den zeitlosen Märchen verzaubern zu lassen. Ich liebe es, in andere Welten einzutauchen, die Gefühle der Figuren nachzufühlen und am Ende mit tränennassem Gesicht den Kinosaal zu verlassen. Manchmal brauche ich dieses Drama, Emotionen und Helden. Disney bringt mir Seelenfutter. Bei jedem Kinobesuch eines Remakes gibt es deswegen im Vorfeld einen Kampf von Herz gegen Kopf. Am Ende des Films geht niemand als Sieger hervor: Mein Herz muss die eben erfahrene Emotionswucht erst verarbeiten, während mein Kopf die ganze Sache herablassend als unoriginell verurteilt. Ich glaube fast, das wird nie aufhören.

Wie steht ihr zu den Live-Action-Adaptionen von Disneys Klassikern?

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