Minderheitenschutz

Love Story aus der Sicht eines männlichen Romantikers

Love Story
© Love Story Company / Paramount Pictures
Love Story

Meine Damen, bitte verstehen Sie das jetzt nicht falsch. Ich bin – und dafür stehe ich mit meinem guten Namen – Romantiker durch und durch. Ja, ich schaue Action, Splatter und Pornos, wie es die Gesellschaft von mir als Hetero-Kerl erwartet, starre Frauen ins Dekolleté, ziehe Bier dem Wein vor und kratze mich in einer ruhigen Minute gerne mal am Sack. Aber tief in mir drin wünsche ich mir nichts sehnlicher als ein kleines Glück zu zweit: eine Frau, neben der ich einschlafen und wieder aufwachen kann, eine Seelenverwandte zum Kuscheln, Streiten, Versöhnungssex, dann ins Lichtspielhaus und anschließend schick Essen Gehen. Ehrlich: Ich liebe das große Kino und die ganz großen Gefühle.

Aber ich schwöre: Ich renne in die nächste Zoohandlung und töte ein kleines, süßes Kaninchen, um mich abzureagieren, wenn ich noch eine Sekunde länger Ali MacGraw und Ryan O’Neal beim semiprofessionellen Rumturteln und Leiden zuschauen muss. Und zwar nicht obwohl, sondern weil ich ein Romantiker bin.

Ich ahnte nichts Böses, als ich einwilligte, einen Artikel über Love Story (1970) zu schreiben, den ich bis dahin noch nicht gesehen hatte. Was sollte denn schon groß schiefgehen bei einem Film, der auf der Liste der 100 besten amerikanischen Liebesfilme des American Film Institute zwischen zwei Meisterwerken wie Ist das Leben nicht schön? und Lichter der Großstadt auf Platz neun steht? Kurz die Handlung für alle, die es nicht wissen: Reicher Junge trifft armes Mädchen, reiche Eltern will keine arme Schwiegertochter, reicher Junge heiratet armes Mädchen trotzdem, armes Mädchen stirbt an Leukämie (Achtung: Das war gerade ein Spoiler).

Ich habe mir den Film angeschaut, das heißt: Ich habe es versucht. Ich hätte mich gerne von der tragischen Geschichte berühren lassen. Ging aber nicht. Das mag daran liegen, dass ich einer etwas komischen Minderheit angehöre: Männliche heterosexuelle romantisch veranlagte Cineasten. Wir sind diese Leute, die, wenn es um Romantik geht, uns lieber an ehrliche Emotionen, sorgsam komponierte Bilder und gerne auch mal ehrliches Pathos halten. Ganz schön verschroben, ich weiß. Aber wie jede andere Minderheit haben wir ein Recht auf Respekt und Schutz unserer Tradition. Wir wollen nicht länger als “unromantisch” diskriminiert werden, nur weil uns konzentrierte Kulleräugigkeit im mit Musik zugekleisterten 70er Jahre Trashlook (siehe Love Story) so tief in unseren romantischen Gefühlen verletzt, dass nur ätzender Spott als Notwehr bleibt.

Können Sie sich vorstellen, wie viele unschuldige Romantiker nie wieder unbeschwert mit der Liebsten im Schnee tollen werden, weil diese Szene sie auf Lebenszeit traumatisiert hat?

Können Sie nicht? Ist mir dann auch egal. Ich muss jetzt schleunigst Wild at Heart oder Edward mit den Scherenhänden anschauen gehen. Dann hat das kleine, süße Kaninchen vielleicht noch eine Chance, heil aus der Sache rauszukommen…

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