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Von frostig bis heiß - 2.Teil

Kühler Todeswind in Österreichs schwarzen Komödien

16.03.2013 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Komm süßer Tod
© Sola Media
Komm süßer Tod
Nicht nur eisige Dramen sind typische Vertreter des österreichischen Kinos, auch pechschwarze Komödien dienen als Aushängeschild unserer Nachbarn. Daher stehen heute Filme wie Komm, süßer Tod im Fokus unserer Reise in das Filmland der Stunde.

In der letzten Woche haben wir mir den minutiös protokollierten Studien emotional zutiefst gestörter Bildungsbürger von Michael Haneke einen Blick in den Gefrierschrank des österreichischen Kinos geworfen. Seine selbst passend als Trilogie der Vergletscherung der Gefühle betitelten ersten drei Kinofilme, allen voran Benny’s Video von 1992, sind so perfekte wie grausame Sezierungen einer hoch entwickelten Gesellschaft, deren Menschlichkeit zusehens verkümmert. Nicht nur im Kino unseres Nachbarlandes nehmen die Filme des frisch gebackenen Oscarpreisträgers eine Sonderstellung ein, mittlerweile stehen die Dramen des inzwischen als Altmeister verehrten Filmkünstlers weltweit auf einem ganz eigenen tiefgerorenen Sockel.

Mehr: Eisige Vergletscherung des österreichischen Kinos

Im zweiten Teil unserer Temperaturmessung des österreichischen Kinos begeben wir uns nun in etwas wärmere Gefilde und widmen uns gleichzeitig einer ganz speziellen Form des österreichischen Films. Die pechschwarze Komödie befindet sich mit ihrem Lokalkolorit und ihren teils grotesken Humoreinlagen zwar deutlich in den Plusgraden, ihre oft unerwarteten und meist recht drastischen Gewaltausbrüche sowie ihr durchgehender Sarkasmus lassen sie dennoch immer noch recht kühl daherkommen.

Komm, süßer Tod ist nicht nur ein perfekter Titel für das erste Leinwandabenteuer des abgehalfterten Ex-Polizisten Brenner, sondern auch ein hervorragendes Beispiel für die spezielle Verwebung einer durchaus ernsthaften Kriminalgeschichte mit schwarzhumorigen Einlagen und einer gehörigen Portion österreichischer Kultur jenseits von Opernball und Sachertorte. In der Adaption eines Romans von Wolf Haas landet der Kabarettist Josef Hader in seiner Paraderolle als gescheiterter Zyniker in einem tödlichen Konkurrenzkampf zweier verfeindeter Rettungsdienste und kommt einer Gruppe von Erbschleichern in die Quere, die beim Ableben ihrer zu befördernden Patienten schon mal kräftig nachhelfen.

Schöne Bilder aus Wien sind in in diesem bisweilen recht makabren Spaß aus dem Jahr 2000 ebenso Fehlanzeige wie hehre Motive der Hauptfigur. Brenner verrichtet seine Arbeit als Sanitäter mehr schlecht als recht, zieht gern mal einen Joint durch, sinniert über landestypische Fleischgerichte von der Imbissbude und wartet auf seine Belohnung in Form einer schnellen Nummer bei seinen weiblichen Auftraggebern. Es wird durchweg breiter österreichischer Dialekt gesprochen, was den Film zwar in nördlicherern Gefilden des deutschsprachigen Raums schwer verständlich macht, gleichzeitig aber seinen besonderen Charme ausmacht. Regisseur Wolfgang Murnberger erspart seiner Hauptfigur keine Peinlichkeit und läßt den Brenner schon mal recht unsympatisch erscheinen, auch wenn er eine scheinbar magische Anziehungskraft auf das andere Geschlecht auszuüben scheint. So fühlt sich der Zuschauer nie so ganz sicher, mit welchen Wendungen der Geschichte oder makaberen Bildern er als nächstes konfrontiert wird, was zu einer regelrechten Sogwirkung führt, die für die Spannung dieses Krimis maßgeblich verantwortlich ist.

Krimikomödien mit dem besonderen Schmäh haben in Österreich eine lange Tradition. In der Kultserie Kottan ermittelt verschmolzen bereits seit 1976 Elemente des Krimis mit absurder bis surrealer Komik zu einem einzigartigen Unikat auf der Mattscheibe, das jedoch aus heutiger Sicht etwas gewöhnungsbedürftig daherkommt. Gleiches mag wohl für die in der Alpenrepublik bis heute als absoluter Kult verehrte Räuberpistole Müllers Büro von Niki List gelten, deren Ausflug in die Wiener Unterwelt des Jahres 1986 nicht nur in musikalischer Sicht tief im Jahrzehnt ihrer Erscheinung verwurzelt ist. Eine zeitgemäßere Variante österreichischer Kriminalkomödienkunst ist aktuell im Tatort mit Harald Krassnitzer und seiner kessen Kollegin Adele Neuhauser zu bewundern. Was vor über zehn Jahren noch als wenig spektakulärer Beitrag des ORF zur sonntäglichen Krimiparade begann, hat sich mittlerweile zu einem echten Highlight der nimmermüden Reihe gemausert. So hält die Folge Tatort: Kein Entkommen von 2012 nicht nur den Rekord mit den meisten Leichen, sondern bildet auch eine perfekte Symbiose zwischen hartem Thriller und rabenschwarzer Komödie mit dem viel zitierten Wiener Schmäh, sprich dem ureigenen Charme der Bewohner ihrer Region.

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