Jim Jarmusch - Der Apologet der Gelassenheit wird 65

Jim Jarmusch
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Jim Jarmusch
22.01.2018 - 08:50 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Jim Jarmusch ist seit vielen Jahren einer der wichtigsten Vertreter des Independent-Kinos und sich selbst stets treu geblieben. Heute wird der ewig junge Regisseur 65 Jahre alt.

Jim Jarmusch war nie jemand, der öffentlich Gewese um die eigene Person machte. Seine Bescheidenheit beginnt eigentlich schon mit seinen Filmen, denn in ihnen geht es um Außenseiter, die auf der Suche sind (wonach, wissen sie mitunter selbst nicht genau) und während ihrer Reise vor allem unverhoffte Entdeckungen machen. Ob sie am Ende irgendwo ankommen, ist bei Jarmusch keine drängende Frage, wenn nicht sogar denkbar unwichtig. Dass der Kultfilmemacher im großen Stil feiert, darf bezweifelt werden, dennoch gratulieren wir ihm zu seinem heutigen 65. Geburtstag und blicken zurück auf seine mittlerweile 37-jährige Regie-Karriere.

Viele bringen Alltag mit Tristesse und Langeweile in Verbindung, was sicher nicht vollkommen verkehrt ist. Jim Jarmuschs Ding war das allerdings noch nie. Er beschwört regelmäßig die Magie im vermeintlich Banalen - wie zuletzt in Paterson, seiner Ode an einen dichtenden Busfahrer (Adam Driver) sowie dessen Frau (Golshifteh Farahani) mit ausgeprägtem Hang zu ausgefallenen Schwarzweiß-Mustern. Tatsächlich zeigt das sorgsam struktierte Nicht-Drama sieben Tage aus dem Leben des gewöhnlich ungewöhnlichen Paares und entfaltet dabei einen Sog friedlichen Gleichklangs. Es ist ein Erlebnis, das ohne Weiteres als filmisches Äquivalent zur Umarmung durch einen guten Freund bestehen kann.

Paterson

Da werden Erinnerungen wach an Night on Earth, Jarmuschs mal heitere, mal nachdenkliche Großstadtballade, in der zwar nicht Busfahrer, dafür aber Taxifahrer sowie deren Fahrgäste im Mittelpunkt stehen. Wenn diese Odyssee durch die Nacht den Zuschauer eines lehrt, dann, dass es im Leben eines unterbezahlten Taxifahrers so etwas wie Alltag praktisch gar nicht gibt, zumal in Anbetracht des zeitlich begrenzten Kontakts mit Fremden immer alles passieren kann. Fasziniert zeigt sich Jarmusch (nicht nur) hier insbesondere von zufälligen Begegnungen, wobei der gesamte Ablauf solch einer Fahrt willkommener Weise nicht zuletzt die "Dramaturgie" des Lebens spiegelt: Leute steigen ein und wieder aus. Was dazwischen passiert, unterliegt leider und Gott sei Dank der Kontrolle von niemandem.

Dazu passend verfügen auch die notorisch entschleunigten Filme von Jim Jarmusch über keinen richtigen Plot - so zumindest lautet ein oft geäußerter Vorwurf gegen den Regisseur, der sich allerdings ebenso als Kompliment verstehen lässt in einer Zeit geprägt von teuren Blockbustern und Franchises, die sich zielsicher in Schablonen flüchten. Zu ebenjenem Mainstream ist Jarmuschs Gemächlichkeit die Antithese, gleichwohl der Filmemacher bestreitet , seine Werke hätten keine Handlung. Ihm seien bloß die Figuren mit ihren Befindlichkeiten wichtiger. Wenn sich aus seiner Feder also ein Western (Dead Man) oder Thriller (The Limits of Control) ankündigt, ist von vorneherein klar, dass Genre-Konventionen durch den Jarmusch-Fleischwolf gedreht werden und dabei sinnliche Kuriositäten herauskommen, die eher Stimmungen vermitteln, als auf herkömmliche Art eine Geschichte erzählen.

Die amerikanische Seele

Jim Jarmusch hat sogar seine ganz eigenen Superhelden: Menschen (oder auch wie in Only Lovers Left Alive: Vampire) am Rand der Gesellschaft, die zumeist ein wenig schrullig und unbedingt liebenswert sind. Auffallend ist die Diversität der (Haupt-)Charaktere in seinen Filmen, drehte er unter anderem doch bereits mit afroamerikanischen, japanischen, italienischen, ivorischen, iranischen und deutschen Darstellern, was freilich die wenigsten seiner Kollegen von sich behaupten können. Durch entsprechende Casting-Entscheidungen präsentiert Jarmusch nach eigenen Angaben einen Querschnitt der US-amerikanischen Bevölkerung, die ebenso bunt zusammengewürfelt ist. Er geht sogar noch weiter und glaubt nicht  an eine originäre kulturelle Identität der USA. Vielmehr kämen seit der Gründung des Landes verschiedenste Einflüsse zu einer Collage zusammen. Jarmusch selbst verfügt über tschechische, deutsche und irische Wurzeln.

Forest Whitaker in Ghost Dog - Der Weg des Samurai

Ein Grund dafür, dass seine Filme so gemütlich anmuten, folgt sicher daraus, dass Jim Jarmusch sich so etwas wie eine Filmfamilie aufgebaut hat und gerne wiederholt auf bestimmte Darsteller zurückgreift. Zu den Schauspielern, die schon mehrmals für ihn vor der Kamera standen, zählen Tilda Swinton, Bill Murray und Roberto Benigni. Darüber hinaus ist die 1953 geborene Indie-Ikone mit diversen Musikern befreundet, von denen in der Vergangenheit einige in seinen Filmen auftraten und/oder einen Soundtrack mit Wiedererkennungswert beisteuerten. Zu sehen beziehungsweise zu hören waren in früheren Jarmusch-Werken Tom Waits, Neil Young, der Rapper RZA und Iggy Pop. Letztgenannter ist auch in Gimme Danger präsent, einer Dokumentation von Jarmusch über die Band The Stooges, in der der Kult-Punker einst aktiv war.

Es ist nicht einfach, Kunst zu produzieren, die Elegie verbreitet, ohne allzu schwer im Magen zu liegen. Die zu einem Lächeln verleitet, oft genug aber auch einen geradezu psychedelischen Sog entwickelt. Die von alltäglichen Dingen handelt und doch in einem leicht verrückten Paralleluniversum zu spielen scheint, in dem der viel beschworene Weg nicht wirklich das Ziel ist. Genau dafür allerdings steht Jim Jarmusch, und das seit nunmehr 37 Jahren. Möge er uns noch zahlreiche weitere Klassiker wie Down by Law - Alles im Griff oder Broken Flowers bescheren.

Wie steht ihr zu den Filmen von Jim Jarmusch? Welche sind eure Favoriten?

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