Conrad schreibt aus München

Jack Black strahlt so hell wie nie in The D Train

Jack Black in D-Train
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Conrad M. - Wir Kinder vom Filmfest München: Spätestens zur Nachtvorstellung am vierten Tag fehlt dir eine Flasche Wasser in der Tasche, um die nötige Koffeintablette noch schnell vor Filmbeginn runterzuspülen. Also schleppst du dich zur Kinotoilette und schluckst den wichtigen Wachmacher per Rohrperle über dem Waschbecken herunter. Machst du das nicht, kann es passieren, dass du dir selbst beim besten Film aller Zeiten Augenklammern wie aus Uhrwerk Orange herbeiwünschst.

So geschehen am vorgestrigen Tag, als um 22 Uhr Kiyoshi Kurosawas Journey to the Shore auf dem Programm stand und ich Zuschauer_innen beim langsamen Nachvornekippen beobachten durfte. Als beinah wandelndes Red-Bull-Fass hatte ich dieses Problem zum Glück nicht und konnte daher den bisher besten Film des Festivals genießen. Journey to the Shore erzählt von Mizuki (Eri Fukatsu), deren Ehemann Yusuke (Tadanobu Asano) vor drei Jahren verschwand und plötzlich als Geist wieder in ihrer Wohnung erscheint. Er überredet sie zu einer Reise, auf der sie den Menschen, Verstorbenen und Halbtoten begegnen, die Yusuke auf seinem Weg zurück nach Hause kennengelernt hat. Kurosawas Hintergrund als einer der wichtigsten Autorenfilmer des J-Horrors (u.a. Pulse) kommt hier nur bedingt zum Tragen. Schrecklich oder gar böse sind die Geister nicht mehr. Sie werden auch nicht sonderlich übernatürlich inszeniert. Mizukis toter Ehemann geht nicht durch Wände, lässt keine Dinge schweben und wird auch nicht stellenweise durchsichtig. Wenn du dich noch einmal mit einem von dir geliebten, verstorbenen Menschen unterhalten könntest, würdest du nicht auch wollen, dass er sich einfach so zu dir an den Tisch setzt und Abendbrot isst? Dagegen bewegt sich die phänomenale Kamera wie ein Geist. Sie ahnt z.B. Yusukes Erscheinen bereits mithilfe der Kadrage hervor. Journey to the Shore schwebt zwei Stunden lang zwischen Himmel und Erde. Jedes Bild könnte das erste und auch das letzte sein. Sie alle erzählen vom gleichen, uralten Schmerz, dass eben nichts kostbarer ist als das Leben selbst und dennoch am Ende alles vergebens. Einen Nachteil dieses Meisterwerks konnte ich allerdings schwer übersehen. Zwar saß ich wach im Kinosessel, doch hatte ich schon seit Stunden nichts mehr gegessen. So knurrte mein Magen verzweifelt bei jeder japanischen Spezialität, die auf der Leinwand verspeist wurde. Zwei Filme zuvor hockte ich noch wohlgenährt im Kino der Münchner Freiheit und bestaunte eine ganz andere Frau bei der Küchenarbeit.

Brandy Burre steht im roten Kleid an der Spüle und wäscht Geschirr. Sie balanciert ein Glas am Beckenrand. Es wird ihr später runterfallen und zerbrechen. Sie neigt dazu, Dinge kaputt zu machen, kommentiert die Schauspielerin lakonisch im O-Ton, die mancher User hier wohl als Theresa D'Agostino aus dem HBO-Klassiker The Wire kennt. Nach dem Serienhit kam allerdings erstmal die Karriere als Hausfrau und Mutter. Regisseur Robert Greene, der Burre zufällig als seine Nachbarin kennen lernte, beobachtete die Real-life-Aktrice über anderthalb Jahre hinweg. Der fertige Dokumentarfilm Actress erzählt von einer Frau, die nie aufgehört hat, Rollen zu spielen, auch wenn es nur die Rollen des Alltags sind. An Burres eigentlicher Profession hatte Greene anscheinend wenig Interesse. Dabei gehören gerade die Momente, wenn Brandy am Laptop sitzt und Rollenausschreibungen kommentiert, zu den absoluten Filmfest-Highlights.

Welche Rolle denn nun die richtige ist, fragt sich auch ein ein brillanter Jack Black in Andrew Mogels und Jarrad Pauls Komödie The D Train. Black spielt Dan Landsman, der verzweifelt versucht, seine ehemaligen Mitschüler_innen zum Klassentreffen zu überreden. Durch Zufall entdeckt er den früheren Hottie Oliver Lawless (James Marsden) im Fernsehen als Model für ein Männerdeo. Dan fliegt nach L.A., um ihn als Eisbrecher zu gewinnen. Nach einer durchzechten Nacht landet er aber unverhofft mit dem bisexuellen Oliver im Bett. Als der verheiratete Familienvater zurück nach Hause kommt, versucht er, die Konsequenzen dieser Nacht zu bewältigen. Ja, The D Train hat viel zu erzählen. Meine Synopsis kratzt auch nur an der Oberfläche. Definitiv überrascht hat mich der queere Bogen der Hauptfigur, wovon ich vorher wohlgemerkt in keiner Zusammenfassung etwas lesen konnte. Noch überraschter war ich allerdings über die Qualität der Umsetzung. Was leicht zur heteronormativen Klemmi-Komödie hätte werden können, nimmt stellenweise die Züge eines waschechten Coming-Out-Films an, was zu einem Großteil Jack Black zu verdanken ist, der hier vielleicht die beste Rolle seiner Karriere spielt. Ohnehin sind die US-Komödien dieses Jahr ungemein stark auf dem Filmfest. Der von den Duplass Brüdern produzierte The Overnight erzählt von zwei Hetero-Pärchen, die sich während eines Grillabends an ihren sexuellen Neurosen abarbeiten. Regisseur und Autor Patrick Brice lässt den unfassbaren Jason Schwartzman mit Riesenpenis auf den weniger gut bestückten Adam Scott und Orange Is the New Black-Star Taylor Schilling los. Bisher wurde auf keiner Pressevorführung des Festivals so viel gelacht wie bei dieser. Es gibt einfach nichts besseres zur Halbzeit. Lachen hält eben wach, zumindest bis zur nächsten Tablette.

Conrad Mildner (bei moviepilot seit Jahren als Kubrick_obscura unterwegs) arbeitet fürs Fernsehen und liebt Filme. Manchmal dreht er auch selbst welche. Hauptsächlich bloggt er aber bei Cinema Forever, twittert oder spricht bei Podcasts wie "Die Abspanner" und "Der Perser und die Schwedin" drüber.

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