Mein Herz für Klassiker

Ich, Wilde Erdbeeren & der eiskalte Borg

Wilde Erdbeeren
© StudioCanal
Wilde Erdbeeren

Wir Deutschen haben ein besonderes Faible für Schweden, wie wir erst vor wenigen Tagen auf dem Fußballfeld wieder bewiesen haben. Dass die Mannen aus dem hohen Norden Europas nicht nur anständig kicken können, sondern auch durchaus in der Lage sind, hervorragende Filme zu drehen, hat der vor fünf Jahren verstorbene, neunfach Oscar-nominierte Meisterregisseur Ingmar Bergman jahrzehntelang bewiesen. Eines der frühen Werke, die seinen internationalen Ruhm begründeten, ist Wilde Erdbeeren. Das Drama um einen abweisenden Mediziner hat sich Mein Herz für Klassiker redlich verdient.

Der 78jährige Professor Isak Borg (Victor Sjöström) ist zwar ein ausgezeichneter Wissenschaftler, kann aber kein Stück weit mit Menschen umgehen. Außer seiner Haushälterin Fräulein Agda (Jullan Kindahl), zu der er eine innige, platonische Beziehung pflegt, hat er sämtliche anderen Personen aus seinem Umfeld vertrieben. Seinen Sohn Evald (Gunnar Björnstrand) behandelt er zum Beispiel äußerst streng. Deshalb verachten, oder besser bemitleiden, ihn sein Sprössling und dessen Frau Marianne (Ingrid Thulin) auch. Als ihm schließlich anlässlich des 50. Jubiläums seiner Promotion die Ehrendoktorwürde verliehen werden soll, begibt sich der alternde Professor mitsamt seiner Schwiegertochter per Auto auf die Reise von Stockholm nach Lund. Unterwegs gabeln die beiden drei junge Reisende auf. Während der Pausen kommen ihm dem Wissenschaftler immer wieder Erinnerungen an verschiedene Erlebnisse seiner Vergangenheit – wie das Sommerhaus aus seiner Kindkeit, seine ebenso kaltherzige Mutter oder seine einstige Verlobte Sara (Bibi Andersson). Dabei wird dem Wissenschaftler schmerzhaft bewusst, wie sehr er sein Leben vergeudet hat.

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Warum ich Wilde Erdbeeren mein Herz schenkte
Mit Wilde Erdbeeren erzählt Ingmar Bergman die Geschichte eines Misanthrops, der eigentlich keiner sein möchte und auch nicht immer einer war. Auf seiner Reise entdeckt Isak dies auch. Per Off-Stimme erzählt er dem Publikum sporadisch auch, was ihm unterwegs so widerfahren ist. Dabei wird uns als Publikum nicht immer klar, was davon wirklich passiert (ist). Realität, Erinnerungen und Tagträume zerfließen ineinander, ohne dass ersichtlich wird, auf welcher dieser Ebenen das Geschehen letztlich stattfindet. Der Professor nimmt an den früheren Epochen seines Lebens teil, als ob er ein Zuschauer wäre. Er betrachtet sich, wie sich seine Verlobte Sara letztlich gegen ihn und für seinen Bruder Sigfrid entscheidet. Aus der Ferne sieht Isak dabei zu, wie seine Frau Karin sich mit ihrem Liebhaber trifft und ihn als eiskalten Heuchler beschreibt, der sich selbst für Gott hält. All diese Momente treffen den Wissenschaftler schwer, doch er hat nicht nur schmerzhafte, sondern auch durchaus schöne Erinnerungen.

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Wilde Erdbeeren endet letztlich positiv. Dank der Reise findet Isak heraus, dass es immer einen Silberstreif am Horizont gibt. Die jungen Leute und seine Schwiegertochter sind beinahe wie eine Verjüngungskur für ihn. Es ist nie zu spät, sein Leben umzukrempeln, und genau das tut der Professor zum Schluss auch.

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