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Interview von Percy Adlon & Felix Adlon

Gustav Mahler auf der Couch von Sigmund Freud

07.07.2010 - 08:50 Uhr
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Gustav Mahler (Johannes Silberschneider, l) und Sigmund Freud (Karl Markovics, r)
© Kinowelt
Gustav Mahler (Johannes Silberschneider, l) und Sigmund Freud (Karl Markovics, r)
Mahler auf der Couch von Percy & Felix Adlon erzählt von dem bewegenden Leben des berühmten Komponisten Gustav Mahler. Anlässlich seines 150. Geburtstages fällt der Kinostart auf den 07. Juli 2010.

Zum 150. Geburtstag von Gustav Mahler haben es sich die beiden Filmemacher Percy Adlon & Felix O. Adlon zur Aufgabe gemacht, dessen außergewöhnliches Leben in bewegten Bildern auf die Leinwand zu bringen. Mahler auf der Couch heißt das Gemeinschaftswerk von Vater und Sohn, dass, wie sollte es anders sein, genau zu Mahlers Geburstag am 07. Juli 2010 anläuft.

In einem ausführlichen Interview schwelgen die beiden Filmemacher in Geschichten von Mahlers Liebesbeziehung zu Alma Schindler, seiner Begegnung mit Sigmund Freud und dem Leben in der Zeit der Secession.

Wie kam es zu der Filmidee?
Felix Adlon: Wir wollten etwas über Mahler machen, anlässlich seiner zwei großen Jahrestage, seinem 150. Geburtstag am 07. Juli 2010 – an dem Tag startet auch Mahler auf der Couch – und seinem 100. Todestag am 18. Mai 2011.

Percy Adlon: Mein Bruder Thomas, der beim Hörfunk arbeitet, hat mir die unglaubliche Geschichte von dem “versehentlich” geschickten Liebesbrief erzählt, wegen dem sich Mahler mit Freud getroffen hatte. Felix Adlon war sofort von der Musik fasziniert, die Mahler in dieser Leidenszeit geschrieben hat. Und als ich ihm dann noch von dem Brief erzählte, an Alma geschrieben aber an Mahler adressiert, und zu allem noch von dem später berühmten Walter Gropius, da sagte er: “Das Drehbuch müssen wir zusammenschreiben!“

Der Film beginnt mit dem Hinweis: „Dass es geschah ist verbürgt. Wie es geschehen ist, haben wir erfunden.“ Warum beginnen Sie so?
Percy Adlon: Dass Mahler und Freud sich in der alten Stadt Leiden, Holland, für einen Nachmittag im August 1910 getroffen haben, ist eine Tatsache. Der „Brief“ und Almas Affäre ebenfalls. Aber was die beiden an diesem Nachmittag besprochen haben und wie sich das ganze Drama abgespielt hat, haben wir erfunden.

Felix Adlon: Ebenso haben wir raus gebracht, dass an diesem besagten Nachmittag in Leiden, der letzte Zug die Stadt ohne Mahler und Freud verlassen hat und dass beide somit vielleicht in dem gleichen Hotel untergekommen sind.

Percy Adlon: Also haben wir noch eine Nacht zum tatsächlichen Nachmittagstreffen dazugeschrieben, in der Mahler sich endlich auf Freuds Couch legt. Na ja, auf so ein Zusatzbett, oder besser, ein Not-Bett.

Haben Sie besonders intensiv recherchiert, um dann beim Schreiben des Drehbuchs ihrer Inspiration freieren Lauf lassen zu können?
Percy Adlon: Wir haben viel, aber sehr selektiv gelesen. Am meisten faszinierten uns Almas Tagebücher aus der Zeit als sie noch ein Teenager war. Sie schrieb über Mode, Opern, ihre eigenen Kompositionen, die Männer in die sie verliebt war, die innige Beziehung zu ihrem Musiklehrer Alexander von Zemlinsky, ihre sexuellen Gefühle und wie sehr sie sich wünschte endlich den richtigen Mann zu finden, um eine Frau zu werden.

Felix Adlon: Und das war Gustav Mahler. Wir haben natürlich Biographien gelesen, die Briefe von Alma und Gustav, aber auch eine Menge Augenzeugenberichte von Personen die Alma und Mahler nahe standen. Die haben uns geholfen, ein umfassenderes Bild von der Zeit und den Charakteren zu bekommen. Schon damals gab es soviel Klatsch und Tratsch über dieses prominente Wiener Paar, wie heutzutage über Brad Pitt und Angelina Jolie, was für uns den Spaß natürlich erhöhte.

Percy Adlon: Und Felix O. Adlon, der ja für die Ausarbeitung des Freud-Charakters zuständig war, konzentrierte sich hauptsächlich auf Freuds Schriften bevor der Mahler traf, zum Beispiel: „Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens“.

Barbara Romaner, die die Rolle der Alma Mahler spielt, ist auf der Kinoleinwand ja noch unbekannt. Wie sind Sie auf Frau Romaner gekommen?
Percy Adlon: Wir waren in einem Stück am Münchner Volkstheater und da war sie drin. Es gab eine Szene in der Barbara in dieser erfundenen Sprache spricht, und sich dazu so originell bewegte, ich weiß nicht warum, plötzlich wussten wir, das ist unsere Alma. Die echte Alma hatte diese Intelligenz, diese Sinnlichkeit, dieses Feuer und diese Unabhängigkeit und genau das trauten wir Barbara Romaner zu.

Johannes Silberschneider spielt Gustav Mahler als wäre ihm die Rolle auf den Leib geschrieben. Wie kam es zu seiner Besetzung?

Felix Adlon: Johannes Silberschneider ist eine Institution! Dieser gewisse Dialekt, seine Körpersprache und all das, passten perfekt zur Rolle Gustav Mahlers. Er spielte übrigens die Hauptrolle in dem Stück, in dem uns Barbara verzauberte, genauso wie Friedrich Mücke, der die Rolle des Walter Gropius im Film übernommen hat. Niemand konnte glauben, dass wir in dem einem Theaterstück gleich drei großartige Schauspieler gefunden und in den Hauptrollen gecasted haben.

Wie hat Karl Markovics, der Sigmund Freud spielt reagiert, als Sie ihm die Rolle dieser historisch bedeutenden Figur anboten?
Percy Adlon: Er hat einfach „Ja!“ gesagt. Und das, obwohl er noch nicht einmal das Drehbuch gelesen hatte. Ich erzählte ihm, wie sehr ich ihn für die Rolle in Die Fälscher bewunderte und er sagte mir, wie sehr ihm Out of Rosenheim gefallen hat. Und das war’s.

Felix Adlon: Er wollte nicht das Monument Freud spielen. Er spielte Freud vielmehr mit so einem feinen Humor, dass man sich am liebsten neben ihn gesetzt hätte, um ihn über die eigenen Probleme zu konsultieren.

Wie sehr hat Sie Mahlers Musik inspiriert und wonach haben Sie die Stücke, die für den Film, in Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Esa-Pekka Salonen, aufgenommen wurden, ausgesucht?
Felix Adlon: Es gibt dieses eine Stück, das Mahler während seiner Krise mit Alma geschrieben hat, der erste Satz seiner 10. Symphonie. Es war das letzte Stück Musik, das er geschrieben hat und fasst das gesamte Drama des Sommers 1910 zusammen. Man hört deutlich seine Wut, sein Klagen, seine Beschuldigungen, aber auch die süßen Erinnerungen an die guten Zeiten mit seiner geliebten Alma.

Percy Adlon: Wir haben das Drehbuch an Salonen geschickt. Er war sofort Feuer und Flamme und sagte zu, das selten gespielte Adagio für den Film neu zu interpretieren.

Felix Adlon: Maestro Salonen nahm außerdem noch das großartige Adagietto von Mahlers 5. Symphonie auf, weil Mahler genau dieses Adagietto Alma schenkte, nachdem er sich in sie verliebt hatte. Für die Szene, die wir „Mahler in love“ nennen, dirigierte Salonen meinen persönlichen Favoriten „Ruhevoll“, aus der 4. Symphonie.

Der Film spielt im Wiener Kunstkreis während der Secession. In wie weit nahm die Zeit, in der die Protagonisten lebten Einfluss auf die Dreharbeiten?
Percy Adlon: Die Secession stand im Mittelpunkt einer Bewegung, die sich wie ein Lauffeuer überall auf der Welt ausbreitete. Die Moderne Kunst war geboren! Picasso, Schönberg, Kandinsky, Frank Lloyd Wright, Klimt. Die Wiener Designer und Architekten trafen sich in der Villa Moll, wo Alma aufwuchs, um über ihre neuesten Arbeiten und die Abwendung von alten Traditionen zu diskutieren und protestieren. Natürlich spiegelt sich diese Aufbruchstimmung auch im Film wieder.

Felix Adlon: Überall im Film sind die Farben, Möbel und Bilder aus dieser Zeit zu sehen. Besonders die Kostüme von Designerin Caterina Czepek haben etwas Heutiges und lassen den Zuschauer dadurch leichter eintauchen in diese Zeit des Umschwungs.

Mit Material von Kinowelt

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