Kinostart von Oktober November

Goetz Spielmann - Ein Österreicher ohne Pathos

14.06.2014 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Strauss und Von Waldstätten spielen großartig
© MFA Filmdistribution
Strauss und Von Waldstätten spielen großartig
Auch Schweigen ist Kommunikation und der Tod ist Teil des Lebens. Mit diesen zwei Grundsätzen erschafft der Oscar-nominierte Götz Spielmann eine weitere, heftige Bebilderung der Identitätssuche und des Alltags, die zeigt, wie episches Erzählen fürs Kino funktioniert. Und das alles ganz ohne Pathos.

In der vorsommerlichen Hitze des Junis startet Oktober November – der neue Film des Oscar-nominierten Österreichers Götz Spielmann – in den deutschen Kinos, dessen Atmosphäre in keiner Weise zum Entstauben des Familiengrills passt. Wer möchte beim Barbecue schon gerne über die verfehlten Lebensziele sprechen oder beim Plantschen im Pool nochmal den Todeskampf des Vaters Revue passieren lassen. Oktober November handelt von lebenslanger Identitätssuche und dem Tod als glanzlosen Abschluss. Dabei entwickelt das Drama eine Wucht, wie sie bereits in Spielmanns letztem Film und Oscar-Anwärter Revanche und zuletzt auch in Michael Hanekes Liebe Tränendrüsen und Stirnfalten strapazierte.

Die ewigen Menschheitsthemen Sex, Tod und Identitätssuche verbinden sich mit einem Kammerspiel, das der nachdenkliche und selbstreflektierte Filmemacher Götz Spielmann mit wenig Dialog und viel Nüchternheit inszeniert. Bereits in Antares – Studien der Liebe, Spielmanns Episodenfilm von 2004, werden Liebe, Lust und Leidenschaft, stets morbide angehaucht und sexuell explizit, ohne große Plattitüden und vor allem ohne Romantik geschildert. Und auch in seinem emotionsgetriebenen Neo-Noir Revanche, der 2008 seine Weltpremiere auf der Berlinale feierte, suchen die Figuren verzweifelt nach etwas, an das sie sich festhalten können. Denn ihr derzeitiges Leben ist es sicher nicht.

Ein Blick auf die Herbstmonate
Oktober November zeichnet ein Fernsehfilmset in Berlin und einen stillgelegten Gasthof in den Voralpen Österreichs. Die eine Schwester kümmert sich dort mit Ehemann und Sohn neben ihrer Affäre mit dem Dorfarzt um den kranken Vater, die andere ist Filmsternchen in der deutschen Hauptstadt. Die eine will von zu Hause ausbrechen, die andere lebt ihren einstigen Traum, doch glücklich sind sie beide nicht. Als der Vater einen Herzinfarkt erleidet, treffen die Charaktere auf dem Familienhof aufeinander. Gesprochen wird wenig, gewollt und gedacht umso mehr. Ohne Sentimentalität, ohne Kitsch und vor allem ohne alles zu erklären, tappen die grundverschiedenen Leute durch die beiden, titelgebenden Herbstmonate. Was zuvor und was danach passiert, bleibt unklar.

Zwischen Los Angeles und Annaberg
Götz Spielmann, der vor 53 Jahren im oberösterreichischen Wels zur Welt kam, schaffte es mit Revanche für den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film nominiert zu werden. Spielmann bildet sich darauf nicht viel ein, was sich in der reflektierten und natürlichen Umsetzung großer Themen in seinen Filmen widerspiegelt. Er verwendet viel natürliches Licht, dreht nach wie vor bevorzugt in Österreich und theatralische Reden kommen ihm nicht in seine Filme: „Kunst ist ja keine Sportveranstaltung“, meint der Drehbuchautor und Regisseur über die Oscar-Verleihung, „Es war interessant, Ari Folman und Laurent Cantet kennenzulernen und es ist schön, sich international mit anderen Filmemachern zu vernetzen und entdecken, dass man vieles gemeinsam hat. Im Kodak-Theatre zu sitzen und Teil dieser Show zu sein, das war interessant, hat aber mit mir persönlich wenig zu tun.“

Seit Revanche hat Spielmann auch die malerische Natur als Filmkulisse für sich entdeckt. Dort halten wir uns viel in Wäldern und am Land auf, abgeschieden von jeglicher größeren Menschenansammlung. Oktober November fängt die wunderschönen Herbstbilder des Voralpen-Ortes Annaberg ein. Orte und Figuren verschwimmen miteinander. „Man erzählt mit Figuren, Räumen, Stimmungen, Emotionen und Bildern, nicht mit Gedanken“, meint Spielmann übers Filmedrehen. „Ein Film, ein Kunstwerk ganz allgemein, ist ja nicht die Bebilderung von Theorie, die ein Künstler im Kopf hat."

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